Rio+20-Gipfel"So haben wir einen Lebenserhalt, für uns und unsere Kinder"

Man braucht nicht unbedingt UN-Konferenzen, um die Welt zu verbessern: Zum Beispiel in Niger, Nepal und Kolumbien gibt es Projekte, die Hoffnung geben. von  und

Was im Niger klappte, soll auch in Äthiopien helfen: Agroforstexperte Tony Rinaudo mit äthiopischen Bauern

Was im Niger klappte, soll auch in Äthiopien helfen: Agroforstexperte Tony Rinaudo mit äthiopischen Bauern  |  © World Vision

Niger: Mehr Bäume für bessere Ernten

Früher galten Bäume im Niger als überflüssig. Tony Rinaudo hat es geschafft, das zu ändern. Vor dreißig Jahren entdeckte der Agroforstexperte der christlichen Hilfsorganisation World Vision in der nigrischen Region Maradi einen "unterirdischen Wald": ein ausgedehntes Geflecht von Wurzeln, Baumstümpfen, Büschen und Samen. Daraus sind mittlerweile oberirdische Wälder geworden. Rund fünf Millionen Hektar, etwa die Hälfte des nigrischen Ackerlandes , sind heute grün.

Den Bauern bringt das bessere Ernten. Die Bäume halten Wasser im Boden und schützen die Pflanzen vor der prallen Sonne, Wind und Wüstensand. Unter ihren Kronen herrscht ein kühleres Mikroklima; ihre Blätter sind wie Dünger für die Erde. "Früher mussten die Farmer mehrmals pflanzen, um einmal zu ernten, weil so viele ihrer Pflanzen eingingen", sagt Chris Reij, Spezialist für nachhaltige Landbewirtschaftung und Professor an der Uni Amsterdam. Heute passiere das nicht mehr. Die Erträge stiegen sogar.

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Im nigrischen Kantché-Distrikt beispielsweise, wo 350.000 Menschen leben, ernteten die Bauern Reij zufolge im vergangenen Jahr 14.000 Tonnen mehr Getreide als früher. 2010 waren es noch 64.000 Tonnen. Die zusätzliche, durch Aufforstung ermöglichte Produktion deckt die Bedürfnisse von schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen, bei einer Gesamtbevölkerung von 15 Millionen. Möglicherweise wäre die gegenwärtige Hungersnot ohne die neuen Bäume noch viel heftiger ausgefallen, vermutet Tony Rinaudo.

Die Bäume versorgen die Bauern auch mit Früchten, Brennholz und Futter für die Tiere. Allein die Blätter eines Baobab-Baums brächten ein Zusatzeinkommen von 70 Dollar im Jahr ein, wenn sie verkauft würden, sagt Reij. Dafür könne man in Niger , je nach Marktpreis, zwischen 70 und 175 Kilo Getreide bekommen.

Rio 1992

Beim Rio-Gipfel von 1992 sollte die internationale Umweltpolitik mit fünf Dokumenten vorangebracht werden:

1 Das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen wurde auf dem Erdgipfel von 154 Nationen unterzeichnet und war der Start für internationale Klimaverhandlungen.

2 Die Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung schrieb 27 Grundsätze für eine nachhaltige Entwicklung fest, die den Menschen ein gesundes und produktives Leben ermöglichen soll.

Agenda 21

3 Die Walderklärung, die völkerrechtlich ebenso wenig bindend ist wie die Rio-Erklärung, formulierte Ziele für eine nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern weltweit.

4 Das Übereinkommen über biologische Vielfalt wurde auf dem Erdgipfel ausgehandelt, um das weltweite Artensterben zu stoppen und eine gerechte Nutzung der biologischen Ressourcen zu ermöglichen.

5 Die Agenda 21 war als Aktionsprogramm gedacht, das den Staaten und – als lokale Agenda 21 – den Gemeinden konkrete umwelt- und entwicklungspolitische Ziele an die Hand gibt.

Rio+20

Von Mitte Juni 2012 an findet in Rio wieder eine große UN-Nachhaltigkeitskonferenz statt. Sie ist in drei Phasen gegliedert: Ab dem 13. Juni bereiten Vertreter der Regierungen das Abschlussdokument des Gipfels vor. Ab dem 16. Juni diskutieren Wissenschaftler, Unternehmer, Umweltschützer, Armutsexperten, Gewerkschafter und UN-Vertreter Aspekte der nachhaltigen Entwicklung. Ihre Empfehlungen gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger, für Wald- und Meeresschutz, umweltfreundlichen Städtebau, verantwortungsvollen Konsum und eine nachhaltige Energieversorgung werden den rund 100 Staats- und Regierungschefs vorgelegt, die vom 20. bis zum 22. Juni über eine Abschlusserklärung verhandeln. Angela Merkel wird nicht in Rio sein.

Gipfel-Themen

Auf der Konferenz geht es ums große Ganze: Wie kann der Umbau zu einer ökologischen Wirtschaftsweise gelingen, die den armen Ländern Entwicklungschancen bietet? "Green Economy im Kontext nachhaltiger Entwicklung und Armutsreduzierung" heißt das etwas sperrig offiziell. Es soll über Nachhaltigkeitsziele beraten werden, die 2015 die UN-Milleniumsentwicklungsziele ablösen könnten. Möglicherweise wird in Rio auch beschlossen, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep, aufzuwerten.

Wachstumsdebatte

Das Konzept einer Green Economy ist auf dem Rio+20-Gipfel umstritten. Lassen sich Wachstum und Nachhaltigkeit wirklich vereinbaren? Wir haben Experten gefragt und veröffentlichen Ihre Antworten in den kommenden Tagen auf ZEIT ONLINE.

Den Auftakt macht Hans Christoph Binswanger mit einem Aufruf zur Mäßigung: "Besser leben durch weniger Wachstum".

Auf ihn folgen Christian Hey und Karin Holm-Müller (Sachverständigenrat für Umweltfragen) mit einer Kritik der Wachstumskritik, sowie Niko Paech (Uni Oldenburg), der nachhaltiges Wachstum für unmöglich hält.

Viel müssen die Farmer dafür nicht tun. Kein einziger der schätzungsweise 200 Millionen neuen Bäume des Niger musste gepflanzt werden: Die Triebe sprossen ja aus der Erde. Man muss sie lediglich vor Übernutzung, Überweidung und Dieben schützen und sie so beschneiden, dass mit der Zeit starke Stämme heranwachsen. "Die Technik ist überhaupt nicht neu", sagt Rinaudo. "Sie ist aber so einfach und billig, dass die Leute auch anderswo darüber gestolpert sind." In Mali und Malawi gebe es ähnliche Aufforstungsprojekte.

Bäume hatten keinen Wert

Im Niger der achtziger Jahre wehrten sich die Bauern noch mit Händen und Füßen gegen ein solches Ansinnen. Bäume zu pflegen war im Niger gegen jede Tradition; Bauern wurden nur ernst genommen, wenn sie kahles Land bewirtschafteten. Rinaudo erinnert sich: "Die Leute nannten mich den verrückten weißen Farmer. Damals waren alle Bäume öffentliches Eigentum. Es brachte einfach nichts, sie stehen zu lassen, weil ohnehin jemand anderes sie abernten würde."

Dann aber, im Jahr 1984, kam eine Hungersnot. Viele Menschen waren kurz davor, ihr Land zu verlassen. Rinaudo bot ihnen die Möglichkeit, zu bleiben und zu überleben. Wer die Hilfe seiner Organisation annahm, musste sich verpflichten, Bäume auf seinem Land stehen zu lassen. Manchen Farmern blieb wohl keine andere Wahl. Seither haben sich die Bäume im Niger ausgebreitet. 

Und nicht nur dort: World Vision arbeitet in acht afrikanischen und drei asiatischen Ländern mit Rinaudos Technik, unter anderem in Äthiopien ; andere Hilfsorganisationen haben sie übernommen, Regierungen fördern sie ebenfalls. Chris Reij glaubt sogar, dass die Aufforstung à la Rinaudo helfen könnte, künftige Hungersnöte in der Sahelzone ganz zu vermeiden. Nur verbreite sie sich sehr langsam. "Sie Millionen von Bauern zu vermitteln", sagt Reij, "ist eine große Herausforderung." Alexandra Endres

Leserkommentare
  1. Ich finde, man liest und hoert viel zu wenig ueber solche Projekte in den Medien.

    • keibe
    • 22. Juni 2012 22:07 Uhr

    z. B. das Bild zu diesem Artikel mit dem Bild von

    http://www.zeit.de/zeit-w...

    und dann lese man

    "Man braucht nicht unbedingt UN-Konferenzen, um die Welt zu verbessern"

    Nein, nicht unbedingt. Aber ich möchte da nicht urteilen und überlasse dies hoffnungsvoll meinen Folgekommentatoren/rinnen.

  2. Brasilien, als Schwellenland, entwickelt sich zur Zeit zu einem der größten Wald Vernichter unserer Welt. Zu Gunsten der Holz Lobby und einiger Groß Grundbesitzer wird "eine Lunge der Erde" vernichtet. Ein par kleine, Alibi Projekte sollen uns Sand in die Augen streuen um den "Fortschritt" in einem Schwellenland ins "Gute Licht" zu stellen.

    Was sind die "Bemühungen" der führenden Industrie Nationen wert wenn sie ihre "Dreckschleudern" in Schwellenländer oder gar in die so genannte "Dritte Welt" verlagern. Umweltschutz ala Niebel und Merkel sind reine Makulatur da sie "Profit orientiert" die realen Probleme lediglich verlagern. China, Indien und Brasilien entwickeln sich zur Zeit zur größten Gefahr für unsere Umwelt, Demokratie ist dort offensichtlich ein Fremdwort - Gewalt und Korruption beherrschen dort den Neo Kapitalismus.

    NGO welche das Problem erkannt haben, Urwälder aufkaufen um sie zu schützen werden von der Merkel Regierung nicht unterstützt. Man behandelt sie wie "Spinner; Fantasten oder gar Umwelt Terroristen"!

    Umwelt Konferenzen sind wichtig. Man sollte diese Konferenzen in Länder verlagern die sich tatsächlich bemühen in ihrem kleinen Umfeld die Lebensbedingungen zu verbessern. Hier gibt der Artikel gute Ansätze um Plätze für die kommenden Konferenzen fest zu legen. Die Unsummen die solche Konferenzen verschlingen kämen dann wohl am richtigen Platz an.

    Man könnte hier gute Zeichen, ohne Alibi Funktion setzen!!!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Niger | Edelmetall | GIZ | Gold | Hungersnot | Kolumbien
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