Nachhaltiges Wirtschaften : Europa könnte Vorbild sein

In Rio wurde zu wenig erreicht; dabei drängt die Zeit. Wenn wir es ernst meinen mit der Nachhaltigkeit, sollten Deutschland und Europa vorangehen.
Der Präsident der Uno-Generalversammlung Nassir Abdulaziz al-Nasser, UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff beim Rio+20-Gipfel © Antonio Scorza/AFP/GettyImages

Der Erdgipfel von Rio ist eine Enttäuschung – wie schon viele Gipfeltreffen der Vereinten Nationen zuvor. Zu unterschiedlich sind die Interessen der Staaten, die auf den großen UN-Konferenzen zu einer gemeinsamen Politik finden sollen. Um alle unter einen Hut zu bekommen, einigt man sich auf möglichst unkonkrete Abschlusserklärungen. Weil Konsens erreicht werden muss , bestimmt der Langsamste das Tempo.

Dabei drängt die Zeit: Als vor zwanzig Jahren der erste Rio-Gipfel tagte, verbrauchte die Menschheit jährlich genau so viele Ressourcen, wie die Erde im gleichen Zeitraum bereitstellen konnte. Heute sind es anderthalbmal so viele. Wir verschwenden unsere Existenzgrundlage – allen Bemühungen zum Trotz, daran etwas zu ändern.

Vielleicht sind Gipfel wie die in Rio trotzdem nicht völlig nutzlos, weil sie das Bewusstsein von Politikern und Öffentlichkeit für wichtige, im Tagesgeschäft oft vergessene Themen schärfen. Jedoch sind die Fortschritte, die auf solchen Treffen erzielt werden, viel zu gering.

Vorreiter sind dringend nötig

Wenn wir wirklich weiterkommen wollen, hin zu einer nachhaltigen Welt, müssen deshalb Einzelne vorangehen . Deutschland und Europa wären in der Lage, diese Rolle zu übernehmen.

Etwa im Klimaschutz . Auf dem Gipfel in Durban bot die europäische Delegation an, die eigenen Klimaziele zu verschärfen, falls andere Staaten mitzögen. So wollte man die anderen Verhandlungsparteien unter Druck setzen – und erreichte: nichts. Dabei ließe sich Druck viel wirkungsvoller unilateral aufbauen.

Europa könnte seinen Ausstoß an Treibhausgasen radikal reduzieren, indem es den darniederliegenden Emissionshandel wieder in Schwung bringt, die Zahl der Zertifikate stark verknappt und alle Ausnahmeregeln konsequent abschafft. Die nämlich schützen zurzeit paradoxerweise vor allem die energieintensiven Unternehmen.

Die Gefahr, dass dann energieintensive Betriebe ins Ausland gehen , besteht. Doch eine kluge Politik wüsste das zu verhindern, indem sie Importgüter, deren Herstellung hohe Emissionen verursacht, mit Ausgleichszöllen belegt, was den Regeln der Welthandelsorganisation WTO nicht einmal widerspräche. Das so oft ins Feld geführte Argument von den Wettbewerbsnachteilen für die heimische Industrie wäre dadurch nichtig, und der Umwelt wäre geholfen.

Abschied von teuren Ressourcen

Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Wer natürliche Ressourcen nutzt oder die Umwelt verschmutzt, muss einen Preis dafür zahlen . Zusätzlich könnten Subventionen für mehr Energieeffizienz und umweltfreundliche Technologien den Übergang hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft erleichtern. Auf lange Sicht müssen wir auch überlegen, ob wir so stark vom Wirtschaftswachstum abhängig bleiben wollen, wie wir es heute sind. Vorerst aber wäre schon eine Wirtschaftsweise, die Ressourcen effizienter nutzt , ein großer Fortschritt. Gelänge Europa der Schritt zum sparsameren Umgang mit Rohstoffen, könnten seine Betriebe auf lange Sicht sogar Vorteile im globalen Wettbewerb haben. Rohstoffe sind knapp und werden teurer; wohl dem, der nicht viel von ihnen verbraucht.

Unter den europäischen Ländern ist Deutschland besonders gefordert – weil es im Moment das stärkste Land Europas ist, und wegen seiner eigenen Energiewende, die nicht wirklich vorankommt. Wenn Deutschland belegen könnte, dass wirtschaftlicher Wohlstand und erneuerbare Energien zusammengehen , hätte das eine Vorbildwirkung weltweit. Leider gehört die Energiepolitik aber in Zeiten der Euro-Krise nicht zu den Politikbereichen, der sich die Regierung mit aller Kraft widmet.

"Wir müssen Länder zusammenbringen, die mehr wollen", hat der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier in Rio gesagt . Er hofft auf öffentlichen Druck. Vielleicht bewegt sich auf diese Art ja doch etwas. Jeder Staat, jede Organisation, jeder Einzelne, die dazu beitragen, das Tempo zu erhöhen, werden dringend gebraucht.

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Kommentare

63 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Abschied vom Bruttoinlandsprodukt

Eine Politik, die sich nach wie vor primär am BIP orientiert, könnte nicht nur einer Illusion von Wohlstand erliegen. Sie könnte auch die falschen Signale setzen: Bislang steht noch immer Wachstum ganz oben auf der politischen Agenda. Kein Politiker, kein Präsident, der nicht Wachstum zum obersten wirtschaftspolitischen Ziel erklären würde. Aber führt die Maximierung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen auch automatisch zu mehr Verteilungsgerechtigkeit unter den Menschen oder zu ökologischer Verträglichkeit? Eher nicht.
Gesellschaftliche Wohlfahrt braucht kein wirtschaftliches Wachstum.

http://pinkepinke-ab2daet...

Durchaus vernünftige Vorschläge...

>>Wer natürliche Ressourcen nutzt oder die Umwelt verschmutzt, muss einen Preis dafür zahlen. Zusätzlich könnten Subventionen für mehr Energieeffizienz und umweltfreundliche Technologien den Übergang hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft erleichtern.<<

...allerdings auch nichts wirkliche Neues, außer vielleicht in politischen Kreisen.

Aber...

>>Auf lange Sicht müssen wir auch überlegen, ob wir so stark vom Wirtschaftswachstum abhängig bleiben wollen, wie wir es heute sind.<<

Da gibt es nichts zu überlegen, Frau Endres.
Wir können uns den Naturgesetzen, in die unser Planet und wir als seine Bewohner eingebunden sind, unterwerfen. Oder wir können darüber diskutieren, bis sich die Sache erledigt hat und das Kapitel 'Zivilisation' geschlossen werden kann.
Endloses Wachstum auf einer endlichen Welt ist nicht möglich, schlicht und ergreifend.

Und wenn wir uns nicht von diesem sinnlosen Wachstumsdogma lösen, was glauben Sie, wird mit den obigen Vorschlägen passieren?
Genau - da kommt dann wieder die Industrie und meckert rum, daß der Preis für Natur- und Ressourcenverbrauch nur ja nicht zu hoch sein darf, denn sonst - oh Graus! - gehen ja womöglich Arbeitsplätze verloren.

Das eine andere Wirtschaftstheorie auch eine andere Einstellung zur Arbeit und ihrer Verfügbarkeit mit sich bringen muß, wird dann natürlich wieder übersehen.
Und dann müssen sich die Arbeitsplätze und der Planet eben mal zusammensetzen und eine gemeinsame Lösung finden. Nicht überlegen - erkennen !