Euro-KriseWarum die Steuern steigen werden

Die Politik sollte den Bürgern endlich die Wahrheit sagen: Wer die Schulden langfristig senken will, wird die Steuern erhöhen müssen.

Angela Merkel beim Besuch eines Aquariums in Stralsund

Angela Merkel beim Besuch eines Aquariums in Stralsund

Anfang März haben alle EU-Staaten – mit Ausnahme Großbritanniens und Tschechiens – den neuen europäischen Fiskalpakt unterschrieben. Der "Vertrag für Stabilität, Koordination und Regierungsführung" verpflichtet die Mitgliedsstaaten, ihr jährliches gesamtstaatliches strukturelles Defizit im Durchschnitt nicht über 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen zu lassen. Alle Länder, deren Schuldenstand zugleich über der Maastricht-Grenze von 60 Prozent liegt, müssen diese Marke mittelfristig wieder erreichen.

Das hört sich erst mal vernünftig an. Gesamtwirtschaftlich aber ist es ein gefährliches Abkommen – vor allem dann, wenn die Ziele über starke Ausgabenkürzungen erreicht werden sollten. Die Politik wäre stattdessen gut beraten, die Wähler auf eine unangenehme Wahrheit vorzubereiten: Wer die Schulden unter die Maastricht-Grenze von 60 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) senken und gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Verwerfungen vermeiden will, wird um Steuererhöhungen nicht herumkommen.

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Deutschland und die anderen Unterzeichnerstaaten werden durch den Fiskalpakt nicht explizit dazu aufgefordert, ihre Schulden abzubauen. Der Vertrag wird an dieser Stelle oft falsch interpretiert. Die Staaten müssen lediglich ein Verhältnis von gesamtstaatlichem Schuldenstand und Bruttoinlandsprodukt von weniger als 60 Prozent einhalten. Das ist deshalb ein Unterschied, weil sich eine solche Quote auch dann erreichen lässt, wenn die Schulden wachsen. Dafür braucht es nur ausreichend Wachstum, das nominale Bruttoinlandsprodukt muss dafür stärker zunehmen als der Schuldenstand.

Ein Beispiel: Deutschland hat momentan eine Schuldenquote von 81,2 Prozent und ein Bruttoinlandsprodukt von 2.570 Milliarden Euro. Gelänge uns in diesem Jahr ein Wachstum von nominal drei Prozent bei einer Neuverschuldung von einem Prozent des BIP, würde sich unser Schuldenstand zwar um knapp 26 Milliarden Euro erhöhen. Die Schuldenquote würde dennoch auf unter 80 Prozent sinken. Wer weiß, wie angespannt die öffentlichen Haushalte jetzt schon sind und wie groß in Deutschland der Investitionsbedarf in die Infrastruktur des Landes, dem scheint eine solch "sanfte" Rückführung der Schuldenquoten in Europa der einzig vernünftige Weg. Die vorgeschriebene Rückführung auf 60 Prozent über Ausgabenkürzungen und Schuldentilgung erreichen zu wollen, ist schlicht ein populistischer Irrweg.

Gert G. Wagner und Dorothea Schäfer

Gert G. Wagner ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Dorothea Schäfer Forschungsdirektorin Finanzmärkte der Berliner Einrichtung.

Eine Schuldentilgung in großem Stile hat auch eine gravierende Nebenwirkung: Das Angebot an Staatsanleihen sinkt, und zwar auch von solchen Staaten, die nicht unter der Beobachtung der Finanzmärkte stehen. Das Angebot an vergleichsweise sicheren Papieren ist schon heute gering, weil viele Anleihen von den Ratingagenturen herabgestuft wurden. Moderne Finanzsysteme sind jedoch auf Staatsanleihen in vielfältiger Weise angewiesen. Finanzmakler fordern für viele Geschäfte die Hinterlegung von Sicherheiten von den Banken. Lebensversicherungen müssen einen Teil ihrer Gelder in Titel investieren, die zum Fälligkeitstermin sehr schnell und ohne Wertverlust verkauft werden können. Sie fragen üblicherweise große Mengen an Staatsanleihen nach. Banken benutzen Staatsanleihen zudem als Instrument zur Absicherung ihrer Liquidität und zum Management ihres Eigenkapitalbedarfs. Sinkt das Angebot an Staatsanleihen, würde das langfristig nicht nur jene Kleinanleger treffen, die in Papiere investieren wollen, die durch die Wirtschaftskraft einer ganzen Volkswirtschaft abgesichert sind. Das ganze Finanzsystem wäre betroffen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Wenn der Staat seine Schulden tilgt und die Sparquote im Land positiv ist, haben die Sparer weniger Möglichkeiten ihr Geld im Inland anzulegen. Wenn sie der Staat auch nicht mehr aufnimmt, weil er zur Tilgung gezwungen ist, drückt das Überangebot an Ersparnissen auf die inländischen Zinsen – mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für die Altersvorsorge. Die Anlagemöglichkeiten sind unter diesen Umständen faktisch auf das Ausland beschränkt. Nach der Subprime-Krise in den USA, in der auch Milliarden an deutschen Ersparnissen vernichtet wurden, würde das sicherlich bei vielen Unbehagen hervorrufen, das umso größer werden dürfte, je länger der Zustand dauert.

Mit einer längerfristigen sanften Rückführung der Staatsverschuldung könnten die geschilderten Probleme weitgehend vermieden werden. Das aber würde in der gegenwärtigen Situation faktisch bedeuten, dass die Pakt-Forderung nach einer raschen und drastischen Senkung der Schuldenquote noch einmal überdacht werden muss. Viele Staaten im Süden der Währungsunion haben kaum Möglichkeiten, aus ihren Schulden herauszuwachsen. So sehr eine stärkere Koordination der Länderhaushalte innerhalb der EU prinzipiell zu begrüßen ist, so fragwürdig ist deshalb ein möglicherweise über viele Jahre anhaltender faktischer Zwang zur Schuldentilgung bei vielen EU-Staaten. Zudem gilt: Solange hohe Schulden ein ausreichendes Wachstum nicht verhindern, gibt es gar keine wirtschaftliche Notwendigkeit, Schulden zu tilgen.

Für Deutschland bietet sich zur schnellen Rückführung der Schuldenquote auch eine Anhebung der Steuern an. Der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer ist keineswegs abenteuerlich hoch, und mit einer effektiveren Erbschaftsteuer und einer verfassungskonformen Vermögensteuer, vielleicht sogar einer einmaligen Vermögensabgabe könnte über Jahre hinweg ein zweistelliger Milliardenbetrag aufgebracht werden. Mit den neuen Einnahmen könnte die Neuverschuldung und der Schuldenstand gesenkt werden. Verteilungspolitisch gerecht ist eine stärkere Steuerprogression allemal. Vor allem die Spitzenvermögen haben von der Wirtschafts- und Steuerpolitik der vergangenen 15 Jahre enorm profitiert.

 
Leserkommentare
  1. nicht die Steuern zu erhöhen da dies eh immer von den unteren Lohngruppen her gemacht wird. Korrekt ist, die Progression wieder zu dem zu verhelfen als das sie einst gedacht war... einer Umverteilung von oben nach unten bzw. Besteuerung die sich strikte nach der Oekonomischen Leistungsfähigkeit ausrichtet...

    Konsequent Progressiv anstatt so wie heute Inkonsequent Pseudoprogressiv... oder warum kommt es das die beinahe höchste Progression bereits bei Standardeinkommen erreicht wird nur um bei höheren Einkommen wieder zu sinken...

    Die Leistungsträger entlasten hiess das... ich würde sagen, die Lohnemepfänger mehr belastet ist ehrlicher.
    Des weiteren muss der gesammte kapitaltransfer und Investitionen sowie die die darauf erwirtschafteten Profite wieder mit Abgaben belastet werden anstatt diese so wie heute von Steuern und Abgaben zu befreien.

    Kapitalverkehrskontrollen und damit auch Abgaben in der EU...

    Eliminiert auch die von der OECD legtimierten Steueroasen. Dies legitimierung ist nicht mehr als ein Weg, ein Weisswaschen, die nicht Steuerwilligen Reichen legal von Steuerbelastungen zu befreien. Hinter der Steueroasen steckt eine auch von der WTO und eben OECD legitimierte Steuerbefreiung für eine Handvoll sehr reicher Individuen...

    Schaft die indirekten Steuersysteme wie die MWSt. ab. das gleiche mit allen Kopfsteuersystemen bei denen reiche gleich viel wie die ganz armen bezahlen...

    Privatisierungen kosten die Gemeinschaft mehr als Staatliche Systeme...

    7 Leserempfehlungen
    • IQ130
    • 04.06.2012 um 20:31 Uhr
    42. bayern

    Die BLB hat 17 000 000 000 Euro verbraten und damit die Schuldenqote um mehr als ein Drittel erhöht.

    Seehofer, Stoiber, Huber und Co. schweigen dazu.

    Wir wählen diese nicht mehr. Etwas anderes kapieren die nicht.

    10 Leserempfehlungen
    • SuperW
    • 04.06.2012 um 20:35 Uhr

    der sich mal vom Mainstream - also der Merkel-Doktrin - abhebt. Die CDU soll doch mal erklären, wie sie die Gelder für die Schuldenbremse aufbringen will. Nach eigener Auffassung gibts doch nur die Möglichkeit Mehrwertsteuer und der staatliche Zuschuss zur Rentenversicherung. Auch wenn die zahmen Journalisten nicht nachfragen, der Wähler merkt doch instinktiv, wo es langgehen soll, siehe NRW. Wieso soll ich jemand wählen, der Otto Normalverbraucher an den Geldbeutel will und dessen Kinder den Leiharbeiter machen sollen? Ganz abgesehen davon, dass die Inlands-Nachfrage vollends zusammenbricht.

    6 Leserempfehlungen
    • DDave
    • 04.06.2012 um 20:40 Uhr

    .. es ist ja nicht so, als hätte Deutschland in den letzten Jahren massive Steuermehreinnahmen zu verzeichen.

    Ich sage nicht Steuern senken, aber so wie ich meinen Haushalt mit Disziplin führe, damit keine Schulden entstehen, so muss auch der Haushalt des Bundes mit Disziplin geführt werden.
    Auch ich lebe nicht auf dem niedrigsten Niveau, sondern investiere laufend in neue Dinge, die einen gewissen Sinn und Zweck haben, wenn das das Bund nur einmal machen würde, dann wären wir schon sehr viel weiter....
    BTW Erbschaftsteuer ist eine doppelte Besteuerung. Wenn ich sterbe, habe ich auf meinem Konto 0 €!

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    Antwort auf "Kreativ!"
  2. Schon mal daran gedacht die vielen unnützen Ausgaben zu reduzieren?

    6 Leserempfehlungen
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    • HeidiS
    • 05.06.2012 um 15:14 Uhr

    das weckt eh nur Begehrlichkeiten bei den Ministerien - das sind die, nicht unbedingt verantwortungsvoll mit Steuergeldern umgehen.

    • HeidiS
    • 05.06.2012 um 15:14 Uhr

    das weckt eh nur Begehrlichkeiten bei den Ministerien - das sind die, nicht unbedingt verantwortungsvoll mit Steuergeldern umgehen.

  3. ist Ihnen der Begriff Kreativität nicht geläufig?
    Um es zu verdeutlichen male ich mal ein völlig abwegiges Bild.

    Nehmen wir mal an die EZB könnte und würde den Staaten anbieten alle bisherigen Schulden zu finanzieren sofern diese keine neuen Schulden aufnehmen.

    Und dann?
    Der Markt für Staatsanleihen wäre verschwunden und fiele als Anlagemöglichkeit aus. Entsprechende Vorschriften müssten aufgehoben werden und das Kapital müsste sich neue Anlagemöglichkeiten suchen.

    Ginge dann wirklich das Kapital in die Schwellenländer oder würden jede Menge fauler Papiere angeboten und gekauft?

    Nein, der Wert des Geldes (real Zins) würde weiter erodieren. Gesunde Unternehmen würden sich noch günstiger refinanzieren und selbst für Start-ups wären mehr finanzielle Mittel verfügbar.

    Stellen Sie sich einmal vor wie die Euroregion aussähe wenn die 4 Billionen Staatsschulden in die reale Wirtschaft geflossen wären.

    Die Finanzwirtschaft muss endlich wieder zwei Dinge lernen.

    1. Jede Bank darf und muss Pleite gehen können.
    2. Jeder Gläubiger kann und darf Pleite gehen.

    System relevant ist nur eines, der Konsens der Gesellschaft.

    Ich stimme Ihnen zu, die Staatsschulden sollten nicht radikal gesenkt werden. Stellt sich nur die Frage warum sollten dann die Steuern erhöht werden?

    Über Verbesserungen des Steuersystems lässt sich reden aber erhöhen, erhöhen, erhöhen, erinnert an den Süchtigen der versucht seine Sucht in der Kneipe zu heilen.

    10 Leserempfehlungen
  4. "...daß das Geld gar nicht mehr in Investitionen fließen kann, sondern zum großen Teil als Gehälter an Bedienstete geht, d.h. direkt in den Konsum."

    die Knete über Konsum zur Keks- oder Wurstfabrik gelangt und die investiert aufgrund der Nachfrage in neue Technik, wovon wieder ein Maschinenbauer was hat?

    Gewinn wird erst mit verkaufter Produktion realisiert und der letzte der Kette ist letztendlich immer in irgendeiner Form Konsument.

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  5. 48. [...]

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