Euro-KriseAngela Merkel kann Spanien retten

Spanien ist selbst schuld an der Krise. Aber nur mit europäischer Hilfe kann sie überwunden werden. Gelingt das nicht, sind die Kosten unermesslich.

Angela Merkel (Archivbild)

Angela Merkel (Archivbild)

Am 20. November 2011 gewann Mariano Rajoy, Parteichef der konservativen Partido Popular, die Wahlen in Spanien mit überwältigender Mehrheit. Die Bürger unterstützten seine Reformagenda. Rajoy sollte genau das Gegenteil von dem tun, was sein Vorgänger José Luis Zapatero getan hatte.

Die Wähler hofften, Rajoy könne die wirtschaftlich schlechte Situation in Spanien wenden. Heute, genau sechs Monate später, hat sich die Lage sogar verschlechtert. Die Reformen haben ihr Ziel nicht erreicht, die Refinanzierungskosten des Staats sind so hoch wie nie zuvor in Euro-Zeiten, die Bürger sind enttäuscht, die Regierung scheint überfordert.

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Dabei hat die neue Regierung mit Reformen begonnen, kaum dass sie im Regierungspalast angekommen war. Sie erhöhte Steuern und kürzte Ausgaben. Sie reformierte den Arbeitsmarkt, indem sie Entlassungen für die Arbeitgeber deutlich verbilligte. Sie verabschiedete den nach eigenen Angaben "sparsamsten Staatshaushalt in Zeiten der Demokratie" und ganze drei Reformen des Finanzsystems. Zum ersten Mal wurde sogar die spanische Verfassung geändert, um die Staatsausgaben zu beschränken. Seither darf die öffentliche Hand nicht mehr ausgeben, als sie einnimmt.

Pablo Rodríguez Suanzes
Pablo Rodríguez Suanzes

(@Suanzes) ist Wirtschaftsredakteur der spanischen Tageszeitung El Mundo.

Doch das alles hat nicht gereicht, um die Märkte zu beruhigen. Im Gegenteil: In dieser Woche stiegen die Risikoprämien für spanische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit auf über sieben Prozent, und der Kurs der Kreditausfallversicherungen (CDS) durchbrach die Marke von 625 Punkten. Beides spiegelt das sinkende Vertrauen der Investoren wider. Unter solchen Bedingungen kann sich Spanien mittelfristig oder sogar kurzfristig nicht mehr am Markt refinanzieren.

Die Bürger Spaniens verstehen nicht, was passiert und warum es passiert. Und an vielen Tagen hat man das Gefühl, die Regierung verstehe es auch nicht. Es gibt keinen Grund, dass Spanien ein ähnlich trauriges Schicksal erleidet wie Griechenland, Portugal oder sogar Irland, dessen Probleme den spanischen ähneln.

Vor der Krise verzeichnete Spanien regelmäßig Haushaltsüberschüsse. In den neunziger Jahren sprach man in ganz Europa vom "spanischen Wunder". Heute bestrafen die Finanzmärkte Spanien, weil sie dem Land nicht mehr trauen – weil Rajoy den tatsächlichen Finanzbedarf der spanischen Banken unterschätzt hat, weil die Prognose für das Haushaltsdefizit zu häufig angepasst wurde, weil die Arbeitslosenrate unglaublich hoch ist. Und weil die Wachstumsaussichten für das laufende Jahr sehr schlecht und  für 2013 trübe sind.

Ohne Europa geht Spanien unter

Spanien hat weitere Reformen versprochen und wird sie in den kommenden Tagen und Wochen auch angehen. Die Mehrwertsteuer wird steigen, wie Brüssel und der Internationale Währungsfonds (IWF) es verlangen. Weitere Sparmaßnahmen wird es ebenso geben wie Privatisierungen. Der Dienstleistungssektor wird flexibilisiert und die Löhne der Beamten werden sinken.

Es stimmt, all das hätte viel früher geschehen müssen – und viele weitere Reformen wurden noch nicht angegangen: das Verwaltungs- und Bildungssystem muss erneuert werden, die Wettbewerbsfähigkeit muss steigen, die Autonomen Regionen Spaniens müssen besser kontrolliert werden. Aber wir müssen auch realistisch und offen akzeptieren: Wenn Europa jetzt nicht handelt, kann Spanien untergehen, und die Reformen werden erst recht nicht angegangen.  

Leserkommentare
  1. Das Europäische Problem sind die Zinszahlungen! Wir sollten uns ernsthaft überlegen, uns nicht doch noch ein neues Geldmodell zuzulegen, das den Menschen zuträglich ist und nicht auf dauerhaftes Wachstum (Zinsen) setzt. Wir tun uns doch als Menschheit nichts Gutes? Oder sehe ich das falsch? Ein wohlhabendes Europa ist auf vielen Wegen erreichbar. Aber sicher nicht durch blindes Verlangen von Wachstum zu etablieren.

  2. Zitat: "Wie kann man bei einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung (durch die Geldentnahme aus dem Wirtschaftskreislauf) annehmen, dass die Schulden verringert werden?"

    1. Ich nehme mal an, sie beziehen sich hier auf Griechenland. Griechenland gibt mehr Geld aus, als es einnimmt. Der Begriff "Geldentnahme" erscheint mir daher nicht passend. Es ist genau umgekehrt. Griechenland hat über eine lange Zeit (und macht es immer noch) Geld in den Wirtschaftskreislauf hineingepumpt. Die Verringerung dieser kreditfinanzierten Geldzufuhr als Geldentnahme zu bezeichnen, ist schlichtweg falsch.

    2. Natürlich kann man nicht annehmen, dass die Schulden verringert werden. Sie steigen ja wegen des ständigen Haushaltsdefizits laufend.

  3. Mit welchen Mitteln? Wohl nicht auf Kosten der Allgemeinheit? Was unterscheidet ihn von Spanien, Griechenland und Co.? Wie unterscheidet es zur Haftung von Staaten für andere?

    ES GIBT HIER KEINEN UNTERSCHIED!

    Sorry, aber Leistung kann man nicht mit Geld bewerten. Könnte man es, so dürfte es keine Inflation/Deflation geben. Die Entlohnung ist systembedingt. Leistung ist nur ein kleiner Teil des Regelwerks im Spiel.

    Leistung kann man nicht bewerten. Eine Bewertung braucht immer einen unveränderbaren Fixwert.

    Eine Leserempfehlung
  4. 132. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie konstruktiv das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

  5. Falls sie hingegen mit den verringerten Schulden die Schuldenquote meinen, so irren sie sich:

    Nehmen wir einmal an, sie hätten ein BIP von 100€ und Schulden von 150€. Dann ist ihre Schuldenquote 150% (Ähnlichkeiten mit einem südeuropäischen Land sind beabsichtigt).
    Nehmen sie nun für das Folgejahr 10€ Kredit auf um Waren zu importieren und steigern damit ihr BIP entsprechend um 10€, dann haben sie tatsächlich 160€ Schulden / 110€ BIP die Schuldenquote auf 145% reduziert. Hurra!!!
    Szenario 1: Sie lassen ihr Konjunkturprogramm auslaufen. Dann verringert sich im Folgejahr ihr BIP wieder auf 100€. Dumm, die Schuldenquote beträgt jetzt 160€ Schulden / 100€ BIP, also 160%. Oops, dumm gelaufen. So werden sie nicht wiedergewählt und Kredit gibt es auch nicht mehr.
    Szenario 2: Sie verlängern ihr Konjunkturprogramm. Brauchen wieder 10€ Kredit. Ergebnis: 170€ Schulden / 110€ BIP, also Schuldenquote 155%. Wenn sie so weitermachen, sind sie nach 5 Jahren bei 182%. Auch nicht gut.

    Fazit: Auf Dauer geht das nicht gut. Nur wenn der Kredit mehr "Rendite" bringt, als er kostet, erwirtschaftet man einen Ertrag aus dem man den Kredit zurückzahlen kann. Dann würde nämlich das BIP nachhaltig steigen.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Für Kredite müssen Zinsen gezahlt werden.

    Außerdem was passiert wohl, wenn dem Wirtschaftskreislauf Geld entnohmen wird? Wird sich hier ein Investor finden, welcher schon in der globalen schwierigen Zeit, in Griechenland investieren wird, welches in die Rezession fällt?

    Was hätten Sie wohl getan, wenn man ihnen 50 % des Lohns (ohne eine richtige Stütze) gekürzt hätte? Hätten Sie hier das Geld in vollen Zügen ausgegeben, oder hätten Sie es doch eher "gespart"? (Im Übrigem ist das ein weiteres Problem unseres Geldsystems!)

    Wenn die Menschen anfangen das Geld 3 oder 4 mal umzudrehen, bekommen auch Unternehmen Schwierigkeiten, weil dessen Umsatz zurück geht. Es werden wieder Personen entlassen usw..

    Für Kredite müssen Zinsen gezahlt werden.

    Außerdem was passiert wohl, wenn dem Wirtschaftskreislauf Geld entnohmen wird? Wird sich hier ein Investor finden, welcher schon in der globalen schwierigen Zeit, in Griechenland investieren wird, welches in die Rezession fällt?

    Was hätten Sie wohl getan, wenn man ihnen 50 % des Lohns (ohne eine richtige Stütze) gekürzt hätte? Hätten Sie hier das Geld in vollen Zügen ausgegeben, oder hätten Sie es doch eher "gespart"? (Im Übrigem ist das ein weiteres Problem unseres Geldsystems!)

    Wenn die Menschen anfangen das Geld 3 oder 4 mal umzudrehen, bekommen auch Unternehmen Schwierigkeiten, weil dessen Umsatz zurück geht. Es werden wieder Personen entlassen usw..

  6. Bei einer Mindestreserve von 1% könnte bei einer Einlage bzw. Überweisung von 1.000 Euro 99.000 Euro Giralgeld, also "Geld aus Luft" erzeugt werden.

    Zudem - wenn eine Bank sich bei einer anderen Bank Geld ausleiht, diese wiederum sich das Geld von einer dritten Bank leiht (bzw. über CDS- "absichert") usw. wird ein Schneeballsystem ungeahnten Ausmaßes in Gang gesetzt: eben genau die Situation, welche wir jetzt haben.

    Fällt ein Steinchen um, wird ein Dominoeffekt ausgelöst - drum wird m.E. immer nur "um den heißen" Brei herumgeredet, anstatt den Dingen auf den Grund zu gehen.

  7. 135. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie mit, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag leisten möchten. Danke, die Redaktion/mk

    • HH1960
    • 23.06.2012 um 15:31 Uhr

    ...und wenn man von diesem gerettet werden möchte, sollte man vorher wirklich alles mögliche versuchen, sich selbst zu helfen.

    Was mir bei den ganzen Rettungsaktionen wirklich übel aufstößt, sind u.a. folgende Punkte:

    A. Zunächst sollten die Eigentümer der Banken zahlen. Sie sind Mitunternehmer und für das Geschäftsergebnis verantwortlich. Zum Beispiel über Ausgabe neuer Aktien. Findet sich am Markt kein Käufer, kauft der Staat und übernimmt ggfs. die Bank. Dividenden gibt es nicht mehr. Boni werden gestrichen, eine risikolose Geschäftspolitik bestimmt der Mehrheitsaktionär.

    B. Die starken Schultern tragen mehr, durch Sonderabgaben zum Beispiel. Die spanischen starken Schultern zuerst.

    C. Um einer Kapitalflucht vorzubeugen, werden Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Hatte die junge BRD auch und hat funktioniert.

    D. Geht nicht, gibt es nicht. Verträge oder Gesetze sind in einer alternativlosen Situation Schall und Rauch. Wie wir es mit den europäischen Verträgen erleben mussten.

    E. Darüber hinaus vermisse ich eine Berechnung der Kosten eines Auseinanderbrechens der EURO-Zone. Unermesslich ist etwas vage.

    F. Gehört Dänemark nicht zu Europa? Sind sie schlechtere Europäer? Haben sie ein massives Schuldenproblem? Haben sie eine extrem hohe Arbeitslosigkeit? Haben sie den EURO? Wie geht es der Türkei außerhalb der EU? War Argentinien nicht vor allzu länger Zeit pleite? Wie steht Argentinien jetzt da?

    --> Es gibt immer Alternativen!

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