Edit Gyarmati hat seit Wochen kein warmes Wasser mehr. Die 55-Jährige lebt zusammen mit ihrer Tochter in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Kecskemét – einer Stadt südöstlich von Budapest . Weil sie monatelang ihre Rechnungen nicht bezahlt hat, haben die Stadtwerke ihr das warme Wasser abgedreht. Wenn sie oder ihre 14-jährige Tochter duschen wollen, müssen sie Wasser in einem großen Topf auf dem Herd erhitzen. "Wenigstens Strom haben wir noch", sagt Gyarmati.

Edit Gyarmati ist eine von Hunderttausenden in Ungarn , die sich vor der Krise in einer Fremdwährung verschuldet haben – die meisten in Schweizer Franken, andere in Euro oder sogar in japanischen Yen. Rund eine Million solcher Verträge gibt es nach Angaben der ungarischen Regierung – in einem Land mit rund zehn Millionen Einwohnern. Die meisten Kreditverträge wurden zwischen 2006 und 2009 abgeschlossen, damals schienen sie sein gutes Geschäft zu sein. Kredite in Forint waren wegen des hohen Leitzinses in Ungarn teuer, manchmal verlangten die Banken zehn Prozent Zinsen oder mehr. Die Darlehen in Schweizer Franken gab es hingegen schon für drei Prozent. Viele Institute rieten deshalb ihren Kunden zu einem Kredit in fremder Währung und mit geringeren Raten.

Zu den Anbietern gehörten neben der größten ungarischen Bank, der OTP, auch zahlreiche Tochterinstitute ausländischer Banken: Die BayernLB-Tochter MKB, die Erste Bank und die Raiffeisen Bank International (RBI) aus Österreich oder die CIB-Bank, eine Tochter des italienischen Kreditinstitutes Intesa Sanpaolo. Wie viele andere Ungarn ließ sich Edit Gyarmati auf das Angebot der Institute ein. Im April 2008 nahm sie einen Kredit über vier Millionen Forint auf – zum damaligen Zeitpunkt rund 16.000 Euro. Mit dem Geld kaufte sie nach dem Tod ihres Mannes eine kleine Wohnung in einem Kecskeméter Plattenbau, gleich neben dem Supermarkt, in dem sie bis heute arbeitet.

Ohne die Krise an den Finanzmärkten wäre ihr Kalkül vielleicht sogar aufgegangen. Doch seit die Zukunft der gemeinsamen europäischen Währung unsicher erscheint, sind viele Anleger in Schweizer Franken geflüchtet. Wenn die Nachfrage nach einer Währung zunimmt, steigt aber auch der Kurs – der Franken gewann seit 2008 um mehr als 50 Prozent an Wert. Die einstmals günstigen Kredite wurden immer teurer, die Tilgungsraten explodierten.

Der Traum vieler: eine eigene Wohnung

Für Edit Gyarmati war das eine verhängnisvolle Entwicklung. In den ersten Monaten musste sie noch jeden Monat 28.000 Forint an ihre Bank überweisen. Doch schon nach wenigen Monaten stiegen die Raten. Heute zahlt sie fast 45.000 Forint im Monat. Ungarns größte Bank, die OTP-Bank, vergab ihr den Kredit. Weil sie auch ihr Girokonto bei der Bank hat, wird ihre Tilgungsrate sofort vom Lohn abgezogen. Nach Abzug der Nebenkosten für die Wohnung bleiben Edit Gyarmati im Moment noch 1.000 Forint – das sind kaum mehr als drei Euro. Wenn ihre Tochter kein Waisengeld bekommen würde, hätten die beiden nicht einmal mehr Geld für Lebensmittel.

So wie Gyarmati geht es in Ungarn momentan Zehntausenden Menschen. Viele von ihnen wollten ein normales Leben führen und eine Wohnung kaufen. Wie in vielen osteuropäischen Ländern gilt es auch in Ungarn als prekär, zur Miete zu wohnen, 90 Prozent der Bevölkerung lebt in einer eigenen Immobilie (zum Vergleich: in Deutschland sind es rund 53 Prozent). Weil die Ungarn oft auf Kredit kauften, sind viele Wohnungen und Häuser mit Hypotheken belastet. Ende Mai waren die Besitzer von mehr als 100.000 Wohnungen mit ihren Ratenzahlungen so stark in Verzug, dass die Banken eine Zwangsvollstreckung verlangten.