Wer glaubt, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) könne ohne zusätzliche Umweltschädigung immer weiter wachsen, muss an zwei Wunder glauben: an die ökologische Unbedenklichkeit zunehmenden Konsums und an die Unschädlichkeit wachsender Produktion. Beides ist schwer vorstellbar, denn ein wachsendes BIP ist ohne eine zusätzliche Warenproduktion nicht möglich. Zugleich lässt wirtschaftliches Wachstum das verfügbare Einkommen von mindestens einem Teil der Bevölkerung steigen, woraus zusätzlicher Konsum entsteht. Beides, Produktion wie Konsum, verbrauchen Ressourcen oder belasten die Umwelt.

Welche Güter oder Dienstleistungen, mit denen Anbieter Geschäfte machen und für deren Erwerb Kunden bereit sind zu zahlen, könnten so beschaffen sein, dass ihre Produktion, ihre Nutzung und ihre Entsorgung weder Fläche, noch Energie, noch andere Ressourcen verbrauchen? Passivhäuser, Elektromobile, Ökotextilien, Photovoltaikanlagen, Bio-Nahrungsmittel, Stromleitungen, Blockheizkraftwerke, solarthermische Heizungen, Cradle-to-cradle-Getränkeverpackungen, Carsharing- oder Internet-Dienstleistungen: Sie alle erfüllen diese Bedingung nicht. Ohne physischen Aufwand sind sie nicht zu haben.

Das gilt auch für digitale Technologien und Services, deren oft beschworener Dematerialisierungseffekt nicht eingetreten ist. Stattdessen verursachen sie eine nie dagewesene Elektroschrottlawine und verbrauchen Unmengen an fossilen Ressourcen, Mineralien, Seltenen Erden und Metallen. Auch wenn das, was der Kunde kauft, per Mausklick übertragen wird, in Form von virtuellen Datenpaketen: An den End- und Anfangspunkten der Warenkette bedarf es einer umso massiveren Ausstattung mit materiellen Maschinen, um die Kundenwünsche erfüllen zu können.

Effizienz- und Konsistenzpotenziale, also Umweltvorteile beispielsweise durch die Nutzung erneuerbarer Technologien, fallen nicht einfach vom Himmel. Sie sind auch nicht durch einfache Anpassungen oder das Umrüsten vorhandener Produktionsstätten möglich. Stattdessen sind Investitionen in neue Anlagen erforderlich. Um zu verhindern, dass es dadurch zu purer Addition weiterer Produktionsoutputs und der Ansammlung von immer mehr technischen Geräten um uns herum kommt, müssen die bislang genutzten Kapazitäten nicht nur stillgelegt, sondern auch entsorgt werden.

Materie verschwindet nicht

Aber wie kann man die Materie ganzer Industrien ökologisch neutral verschwinden lassen? Möglich wäre das nur in einem Paralleluniversum, das kein Entropiegesetz kennt. Und wenn es gelänge: Wie könnte das BIP dann dauerhaft wachsen? Jeder neuen Wertschöpfung stünde, sofern sie nachhaltig wäre, unweigerlich ein Wertschöpfungsverlust infolge des Rückbaus alter Strukturen entgegen.

Wer beispielsweise glaubt, erneuerbare Energien könnten langfristig die BIP-Beiträge der atomaren und fossilen Industrien ersetzen, übersieht: Die derzeit bestaunten Wertschöpfungsbeiträge grüner Technologien entsprechen einem Strohfeuereffekt, der allein dem vorübergehenden Kapazitätsaufbau geschuldet ist.

Ist die neue Infrastruktur komplett, reduziert sich ihre ökonomische Wirkung auf einen Energiefluss, der vergleichsweise wenig Aufwand an wertschöpfungsträchtigem Input verursacht und nicht beliebig gesteigert werden kann – es sei denn, die Produktion neuer Anlagen wird ohne Begrenzung fortgesetzt. Doch dann nähmen infolge des materiellen Wachstums die schon jetzt kaum mehr erträglichen landschaftlichen Zerstörungen zu. Daran zeigt sich nebenbei, dass regenerative Energien ohnehin kein ökologisches Problem lösen, sondern es nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension transferieren. Für die meisten anderen Hoffnungsträger des Green Growth gilt das nicht minder.