Dichter Straßenverkehr in Hongkong © Philippe Lopez/AFP/Getty Images

Wer glaubt, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) könne ohne zusätzliche Umweltschädigung immer weiter wachsen, muss an zwei Wunder glauben: an die ökologische Unbedenklichkeit zunehmenden Konsums und an die Unschädlichkeit wachsender Produktion. Beides ist schwer vorstellbar, denn ein wachsendes BIP ist ohne eine zusätzliche Warenproduktion nicht möglich. Zugleich lässt wirtschaftliches Wachstum das verfügbare Einkommen von mindestens einem Teil der Bevölkerung steigen, woraus zusätzlicher Konsum entsteht. Beides, Produktion wie Konsum, verbrauchen Ressourcen oder belasten die Umwelt.

Welche Güter oder Dienstleistungen, mit denen Anbieter Geschäfte machen und für deren Erwerb Kunden bereit sind zu zahlen, könnten so beschaffen sein, dass ihre Produktion, ihre Nutzung und ihre Entsorgung weder Fläche, noch Energie, noch andere Ressourcen verbrauchen? Passivhäuser, Elektromobile, Ökotextilien, Photovoltaikanlagen, Bio-Nahrungsmittel, Stromleitungen, Blockheizkraftwerke, solarthermische Heizungen, Cradle-to-cradle-Getränkeverpackungen, Carsharing- oder Internet-Dienstleistungen: Sie alle erfüllen diese Bedingung nicht. Ohne physischen Aufwand sind sie nicht zu haben.

Das gilt auch für digitale Technologien und Services, deren oft beschworener Dematerialisierungseffekt nicht eingetreten ist. Stattdessen verursachen sie eine nie dagewesene Elektroschrottlawine und verbrauchen Unmengen an fossilen Ressourcen, Mineralien, Seltenen Erden und Metallen. Auch wenn das, was der Kunde kauft, per Mausklick übertragen wird, in Form von virtuellen Datenpaketen: An den End- und Anfangspunkten der Warenkette bedarf es einer umso massiveren Ausstattung mit materiellen Maschinen, um die Kundenwünsche erfüllen zu können.

Effizienz- und Konsistenzpotenziale, also Umweltvorteile beispielsweise durch die Nutzung erneuerbarer Technologien, fallen nicht einfach vom Himmel. Sie sind auch nicht durch einfache Anpassungen oder das Umrüsten vorhandener Produktionsstätten möglich. Stattdessen sind Investitionen in neue Anlagen erforderlich. Um zu verhindern, dass es dadurch zu purer Addition weiterer Produktionsoutputs und der Ansammlung von immer mehr technischen Geräten um uns herum kommt, müssen die bislang genutzten Kapazitäten nicht nur stillgelegt, sondern auch entsorgt werden.

Materie verschwindet nicht

Aber wie kann man die Materie ganzer Industrien ökologisch neutral verschwinden lassen? Möglich wäre das nur in einem Paralleluniversum, das kein Entropiegesetz kennt. Und wenn es gelänge: Wie könnte das BIP dann dauerhaft wachsen? Jeder neuen Wertschöpfung stünde, sofern sie nachhaltig wäre, unweigerlich ein Wertschöpfungsverlust infolge des Rückbaus alter Strukturen entgegen.

Wer beispielsweise glaubt, erneuerbare Energien könnten langfristig die BIP-Beiträge der atomaren und fossilen Industrien ersetzen, übersieht: Die derzeit bestaunten Wertschöpfungsbeiträge grüner Technologien entsprechen einem Strohfeuereffekt, der allein dem vorübergehenden Kapazitätsaufbau geschuldet ist.

Ist die neue Infrastruktur komplett, reduziert sich ihre ökonomische Wirkung auf einen Energiefluss, der vergleichsweise wenig Aufwand an wertschöpfungsträchtigem Input verursacht und nicht beliebig gesteigert werden kann – es sei denn, die Produktion neuer Anlagen wird ohne Begrenzung fortgesetzt. Doch dann nähmen infolge des materiellen Wachstums die schon jetzt kaum mehr erträglichen landschaftlichen Zerstörungen zu. Daran zeigt sich nebenbei, dass regenerative Energien ohnehin kein ökologisches Problem lösen, sondern es nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension transferieren. Für die meisten anderen Hoffnungsträger des Green Growth gilt das nicht minder.

Konsum ist nie öko-neutral

Angenommen, ein wenigstens von der Produktionsseite her ökologisch unschädliches BIP-Wachstum wäre jemals denkbar. Wie könnte dann sichergestellt werden, dass die korrespondierenden Einkommenszuwächse ebenfalls ökologisch neutral verwendet werden?

Selbst unter dem strengsten umweltpolitischen Regelwerk würde der Warenkorb jener Konsumenten, die das zusätzliche, in den grünen Branchen erwirtschaftete Einkommen beziehen, Güter enthalten, in deren Produktion fossile Energie und andere Rohstoffe geflossen sind. Oder würden die Angestellten der grünen Industrie etwa nicht in Eigenheimen leben, mit dem Flugzeug reisen, Auto fahren und das übliche Güterspektrum in Anspruch nehmen?

Das vermeintlich grüne Wachstum würde paradoxerweise die Nachfrage nach fossiler Energie und anderen Ressourcen steigern. Dieses Problem verschärft sich sogar, wenn berufliche Tätigkeiten in grünen Branchen aufgrund ihrer positiven Symbolik eine perfekte moralische Kompensation dafür bilden, es mit dem Klimaschutz im Rahmen privater Mobilität und Konsumhandlungen nicht so genau zu nehmen.

Ein ähnlicher Effekt tritt auf, wenn der Output insgesamt steigt – beispielsweise, weil die Kapazität der fossilen Energieproduktion nicht im gleichen Umfang verringert wird, in dem die Erneuerbaren ausgebaut werden. Dann sinkt insgesamt der Strompreis, was wiederum die Nachfrage erhöht, und zwar sowohl nach zusätzlicher Energie als auch nach Energie verbrauchenden Geräten. Ein weiterer Effekt kann eintreten, wenn Effizienzerhöhungen die Betriebskosten bestimmter Objekte reduzieren, etwa von Häusern, Autos, Wärme oder Beleuchtung. Die Einsparungen sind dann für zusätzliche Mobilität und Konsumausgaben verfügbar.

Solche Rebound-Effekte wären nur zu vermeiden, wenn jeder Einkommenszuwachs, der durch Investitionen in umweltfreundlichere Produktionsanlagen verursacht wird, vollständig abgeschöpft würde. Aber was könnte absurder sein, als Wachstum zu erzeugen, um es dann im selben Moment zu neutralisieren?

Entkopplungsthese unglaubwürdig 

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: "Grünes" Wachstum, verstanden als absolute Entkopplung eines BIP-Zuwachses von ökologischen Schäden, ist selbst dann undenkbar, wenn die materiellen Aspekte der Produktion vernachlässigt werden. Studien, die unter Rückgriff auf umweltökonomische Gesamtrechnungen eine absolute Entkopplung in Deutschland konstatieren, werfen die Frage auf: Wie kann empirisch möglich sein kann, was theoretisch nicht geht?

Materielle Rebound-Effekte eröffnen unzählige Schlupflöcher und die Verlagerung ökologischer Schäden. Zudem lässt die Reduktion von Umweltbelastungen keineswegs auf eine Entkopplung kraft grüner Innovationen schließen, sondern kann das Resultat des Zusammenbruchs oder Rückbaus bestimmter Industrien sein kann, also nicht wiederholbarer Einmaleffekte.

Die Behauptung, durch Investitionen in grüne Technologien könne Wirtschaftswachstum mit einer absoluten Senkung von Umweltbelastungen einhergehen, ist nicht nur falsch – das genaue Gegenteil ist der Fall: Nur unter der Voraussetzung, dass das BIP gerade nicht wächst, haben grüne Technologien überhaupt eine Chance, die Ökosphäre zu entlasten. Und dies ist nur eine notwendige Bedingung, weil damit allein die finanziellen Rebound-Effekte vermieden würden, die im Wachstumsfall durch zusätzlichen Konsum entstehen.