Es ist die Geschichte einer enttäuschten Liebe. Im Krisenherbst 2008, kurz vor der Präsidentschaftswahl, sprach Börsenguru Jim Cramer dem Kandidaten geradezu magische Kräfte zu. "Viele an der Wall Street haben das Gefühl, dass Barack Obama der Mann ist, der fähig ist, uns aus dieser Wildnis herauszuführen", lobte der ehemalige Goldman-Sachs-Manager und Hedgefonds-Gründer damals öffentlich. Heute schlagen Obama ganz andere Gefühle aus der Finanzbranche entgegen: "Die Abscheu für den Mann ist maßlos. Es ist der blanke Hass", sagt Cramer jetzt.

Eine ungewöhnliche Beziehung

Der drastische Sinneswandel ist ein handfestes Problem für Obama. Die Wall Street hatte seinen ersten Wahlkampf 2008 maßgeblich mitfinanziert. Damals konnte er knapp 16 Millionen Dollar bei Bankern, Hedgefonds-Managern und Private-Equity-Firmen einsammeln. Im Frühjahr 2012 sind es gerade mal drei Millionen. Die Banker von Goldman Sachs gehörten 2008 zu den großzügigsten Obama-Fans – von keinem privaten Unternehmen flossen so viele Spenden wie von den Mitarbeitern der Investmentbank. Doch für seine Wiederwahl will kaum einer von ihnen etwas springen lassen. Goldman zählt nun zu den großzügigsten Sponsoren für Obamas Erzrivalen Mitt Romney . Und während sich unter den größten 20 Wahlkampfspendern Obamas nicht eine einzige Bank oder Investmentfirma findet, liest sich die Liste von Romneys Top-Geldgebern wie das Who-is-Who der Großfinanz.


Selten hat sich die Wall Street so brutal gegen einen Kandidaten gewandt. Aber Obamas Verhältnis zu den Bankern und Investoren war von Anfang an ungewöhnlich. Traditionell neigt die Branche den Republikanern zu, aus taktischen Gründen fließen aber auch Spenden an die Demokraten – sie betreiben die übliche Risikoabsicherung wie bei ihren täglichen Geschäften mit Devisen oder Derivaten. Umso überraschender war ihre breite Unterstützung Obamas bei seiner ersten Wahl. Aber seither sind vier harte Jahre vergangen, in denen die Wall Street einen Absturz erlebte wie selten zuvor in ihrer Geschichte.

Die einstigen Masters of the Universe sahen sich nicht nur auf ein Normalmaß zurechtgestutzt, sondern wurden zur Zielscheibe zorniger Bürger. Den Bankern sei 2008 durchaus klar gewesen, dass Reformen unumgänglich waren, sagt Andy Busch, politischer Analyst für das Investmenthaus BMO Capital Markets. "Mit ihrer Unterstützung für Obama dachten sie aber, dass sie einen Platz am Verhandlungstisch bekommen würden."

Und Obama enttäuschte zunächst nicht. Er betrieb die Bankenrettung, die sein Vorgänger George W. Bush begonnen hatte, weiter. Hunderte Milliarden flossen in die wankenden Finanzriesen. Auch hätten seine Reformen drastischer ausfallen können – nach der Krise gab es zunächst Überlegungen für eine Verstaatlichung oder eine Zerschlagung zu großer Banken. Nichts von alledem geschah. Auch eine strafrechtliche Verfolgung von Bankern ist bis heute ausgeblieben. Erst vergangene Woche gab die US Börsenaufsicht bekannt, dass sie wohl kein Verfahren gegen Ex-Lehman Chef Richard Fuld einleiten wird.