Fahad Al-Attiya, Leiter des Nationalen Ernährungsprogramms QNFSP © Mohammed Dabbous/Reuters

Dass man Geld nicht essen kann, wussten schon die frühsten Kapitalismuskritiker. Im arabischen Emirat Katar bedauert man zudem, dass man Geld nicht trinken kann. Oder Pflanzen damit gießen. Geld wäre nämlich genug da: Katar ist der Staat mit dem dritthöchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit, Deutschland liegt auf Platz 16. Und beim Wirtschaftswachstum – 18,7 Prozent im vergangenen Jahr – ist das Land, das über rund ein Drittel der Fläche Brandenburgs verfügt, sogar absolute Weltspitze. Und doch fühlt sich der Staat wegen Wassermangels ganz akut in seiner Existenz und Unabhängigkeit bedroht. Das sagt Fahad Al-Attiya, der vom Königshaus berufen wurde, das Problem zu lösen. So schnell es geht.

Denn die beiden großen natürlichen unterirdischen Wasserspeicher des Landes sind so gut wie leer, weshalb die Regierung immer mehr Landwirten verbieten muss, diese mit Brunnen anzuzapfen. Jede dritte Farm musste in den vergangenen fünf Jahren aufgeben. Wohin es führt, wenn der Wasserspiegel zu weit sinkt, konnten die Kataris in Nachbaremiraten beobachten. Dort drückte salziges Meerwasser aus dem Golf in poröse Gesteinsschichten und machten diese als Süßwasserspeicher dauerhaft unbrauchbar.

2008 war der in England militärisch und juristisch ausgebildete Manager Al-Attiya zum Leiter des Nationalen Ernährungsprogramms QNFSP ernannt worden. Seine erste Bestandsaufnahme bestätigte die Dramatik: Katar muss fast das gesamte Nutzwasser mit Meeresentsalzungsanlagen gewinnen, die wiederum mit billigem – aber klimaschädlichen – Öl und Gas betrieben werden. 90 bis 95 Prozent der Lebensmittel müssen importiert werden. Das sind oft Fertigprodukte – womöglich ein Grund, warum 69 Prozent der Männer und gar 78 Prozent der Frauen 78 als übergewichtig oder gar adipös gelten, heißt es in dem Bericht. Die Landwirtschaft trägt nur rund 0,2 Prozent zum Inlandsprodukt bei. In anderen entwickelten Ländern ist es rund zwei Prozent. Auch das sei ein ungesundes Verhältnis.

Das will der Staat wieder geraderücken und nach unbestätigten Berichten dafür bis zu 2,5 Milliarden Dollar innerhalb von zehn Jahren investieren. Unter anderem will der Staat Fotovoltaik- und solarthermische Kraftwerke installieren, um rund 1.800 Megawatt Stromleistung zu erzeugen – so viel, wie zwei mittelgroße AKW. Damit sollen täglich 3,5 Millionen Kubikmeter Meerwasser entsalzen werden, um neue High-Tech-Agrarbetriebe zu bewässern und die natürlichen Speicher aufzufüllen. Auch soll es Kompostierungsanlagen geben, die brauchbare Erde zu gewinnen. Für 2014 ist der Bau erster Anlagen geplant, im Jahr 2024 will Katar der neue Garten Eden sein.

Die Ideen dazu holte sich Al-Attiya auf Bildungsreisen aus der ganzen Welt. Am Mittwoch kam er nach Deutschland. Dort traf er sich mit dem "ehrenamtlichen Energiewendebeauftragten", wie sich Klaus Töpfer (CDU) selbst nennt. Am Abend wollte er auch mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sprechen. Heute steht auch eine Rede beim 15. Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforum an, das bis zum morgigen Freitag am Potsdamer Platz abgehalten wird.

Bereist gestern ernannte Al-Attiya Töpfer, den ehemaligen Umweltminister und Direktor Umweltprogramms der Vereinten Nationen, in einem Hotel-Hinterzimmer kurzerhand auch zum Verwaltungsrat einer neuen internationalen Organisation, die sich im Sommer nächsten Jahres formal konstituieren will: Der Global Dry Land Alliance. Töpfer zeigte sich sehr geehrt und ernsthaft begeistert. "Katar hat bei diesen drängendsten Fragen eine Führungsrolle übernommen", sagte er. Gern helfe er mit, den neuen Bund der trockenen Länder zu beraten. Al-Attiyas Team hat rund 60 Länder identifiziert, die mit ähnlichen Problemen kämpfen. Zehn bis 15 davon seien in der Lage – und willens –, die Probleme aus eigener Finanzkraft zu bekämpfen, darunter Mexiko, Südafrika und Kasachstan. Diese wollten gemeinsam Technologien im großen Stil erproben, was diese auch erschwinglich für die vielen ärmeren Partnerländer machen würde.

Ein wichtiger Technologielieferant soll Deutschland sein. Bereits seit 2009 arbeitet Katar mit dem mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum zusammen. Gespräche gab es auch schon mit der staatlichen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), so wie mit kleinen und mittelgroßen Unternehmen der Solarindustrie. Solarworld etwa investiert derzeit in ein Werk vor Ort. Auch mit Siemens sei man im Gespräch. 

Erschienen im Tagesspiegel