Neuer Weltbank-Chef"Kim weiß, wie Armut aussieht"

Der neue Weltbank-Chef ist kein Strippenzieher aus Washington. Aber er könnte die Organisation verändern und ihre Arbeit verbessern, sagt Entwicklungsexperte Erich Vogt.

Barack Obama und seine Außenministerin Hillary Clinton. In ihrer Mitte der neue Weltbank-Präsident, Jim Young Kim

Barack Obama und seine Außenministerin Hillary Clinton. In ihrer Mitte der neue Weltbank-Präsident, Jim Young Kim

ZEIT ONLINE: Es heißt, mit dem US-Koreaner Jim Young Kim werde erstmals ein "Technokrat" die Weltbank übernehmen.

Erich Vogt: Kim ist kein Technokrat, er ist Entwicklungsexperte. Der erste Präsident in der gut sechzigjährigen Geschichte der Weltbank, dem man nicht erklären muss, was Entwicklungszusammenarbeit ist. Er weiß, wie Armut aussieht und wie sie erfolgreich bekämpft werden kann. Die von ihm gegründete Nichtregierungsorganisation "Partners in Health" hat Millionen Menschen erfolgreich gegen Tuberkulose behandelt, und als WHO-Direktor hat er ein ebenso erfolgreiches Programm für HIV/Aids-Patienten aufgelegt.

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ZEIT ONLINE: Kommt es denn auf so etwas an? Ist es für den dauerhaften Einfluss nicht viel wichtiger, Verbindungen in die Politik zu haben, insbesondere in Washington?

Vogt: Also, eines ist unbestritten: Kim ist anders als alle seine Vorgänger keiner, der sich in Washington als Strippenzieher einen Namen gemacht oder an der Wall Street viel Geld verdient hat. Obama wollte ihn, und er hat ihn durchgedrückt, gegen viel Widerstand aus dem Washingtoner Establishment. Kim wird also beweisen müssen, dass er das Zeug hat. Er wird klar sagen müssen, was die Weltbank unter seiner Führung will.

ZEIT ONLINE: Und was will er?

Erich Vogt

Der Umwelt- und Entwicklungsexperte lehrt Internationale Entwicklungspolitik an der Elliott School of International Affairs der George Washington University in Washington, D.C.. Er beobachtet die Weltbank seit vielen Jahren.

Vogt: Für Kim sind erfolgreiche Entwicklungsstrategien und -programme solche, die ihre Wurzeln in den Dörfern und Gemeinden haben. Mit grandiosen Globalstrategien kann er nichts anfangen. Die Weltbank hat in ihrer Geschichte mehrere davon aufgelegt. Insgesamt mit wenig Erfolg gemessen am Aufwand.

ZEIT ONLINE: Einen so grundlegenden Kurswechsel müsste er erst mal nach innen und außen durchsetzen.

Vogt: Er wird für seinen Ansatz vor allem bei den Entwicklungsländern werben und bei den Europäern und Japanern. Wenn er die auf seiner Seite weiß, kommt das Durchsetzungsvermögen nach innen ganz automatisch.

ZEIT ONLINE: Man kann das auch ganz anders sehen: Washington benennt diesmal kein politisches Schwergewicht für die Weltbank, weil sie zu unwichtig geworden ist.

Vogt: Mit einem Schwergewicht aus dem Washingtoner Establishment oder der Bankenwelt – und damit Entwicklungspolitik im alten Stil – wäre der Widerstand gegen den Kandidaten Amerikas bei den Schwellen- und Entwicklungsländern vehement gewesen. Sonst wäre Lawrence Summers es gerne geworden.

ZEIT ONLINE: Entwicklungshilfen und Einfluss auf die Weltbank waren doch immer ein Instrument der amerikanischen Geopolitik. Hat Obama das aufgegeben?

Vogt: Obama weiß natürlich, dass die Weltbank an Bedeutung und Einfluss verloren hat. Die regionalen Entwicklungsbanken in Asien und Lateinamerika haben hingegen gewonnen. Die asiatische Entwicklungsbank ADB hat heute eine größere Kapitaldecke als die Weltbank. Auch die Sovereign Wealth Funds, die Global Funds und Stiftungen wie die Gates Foundation haben das Entwicklungsfeld aufgemischt. Und die BRICS-Staaten haben entschieden, eine "South Bank" für die Süd-Süd-Kooperation zu gründen.

Die Weltbank ist sicherlich noch eine bedeutende multilaterale Entwicklungseinrichtung, und Washington wird auch weiterhin versuchen, sie für geopolitische Aufgaben zu instrumentalisieren. Aber sie ist nun mal eine Einrichtung mit etwa 190 Anteilseignern, und die 16 Prozent Anteile der USA reichen lediglich noch als Sperrminorität. Damit jedoch lassen sich keine geopolitischen Sprünge mehr machen.

Leserkommentare
    • Karst
    • 29.06.2012 um 9:44 Uhr

    IWF und Weltbank sind nichts weiter als Instrumente des Westens, um Entwicklungsländer kleinzuhalten. Man muss ja nur sehen, wie panisch man La Garde ins Amt gehoben hat, nachdem Entwicklungsländer Interesse angemeldet haben.

    Die unzähligen Programme, die Länder in noch tiefere Armut gestürzt haben, laufen nach einem fest einstudierten Programm ab. Immer wieder. Seit Jahrzehnten. Dieses mal übrigens direkt vor unserer Haustür: in Griechenland.
    Der IWF nennt die Aufstände, die regelmäßig nach Umsetzen ihrer "Hilfsprogramme" stattfinden, sogar "IMF-riots".

    Insgesamt sind, obwohl im Interview anderes angedeutet wird, beide Institutionen lernunfähig und ihnen fehlt jeglicher Wille zur Selbst-Reflektion.

    Beiden fehlt ein Mindestmaß an Empathie und ihre "Entwicklungsprogramme" zeichnen sich durch unerreichten Eurozentrismus und westliches Entwicklungsverständnis aus. Fast alle Programme sind top-down "Friss oder Stirb"-programme, bei denen die Regierungen der Länder oft keine Wahl haben und die BEVÖLKERUNG sowieso nicht gefragt wird. Und sie fördert Abhängigkeit, obwohl sie das Gegenteil tun sollte.

    Moderne ansätze, sog. "Participatory Methodologies", werden AKTIV (!) von IWF und WB untergraben und sabotiert.
    Sie sind nämlich sehr vielversprechen und stellen ihre gesamte Existenz in Frage.

    Kim wird hier nichts ändern (können). Dafür stehen bei beiden zu große Interessen dahinter.

    IWF und WB sind nicht zum helfen da. Sie existieren für den Ausverkauf.

  1. Kapitalismus ist die irrige Annahme, dass fiese Menschen mit fiesen Motiven irgendwie für das Allgemeinwohl sorgen. (Frei nach Schumpeter).

    Mag sein das Kim weiss, wie Armut aussieht, er weiss aber mit Sicherheit nicht wie es sich anfühlt, arm zu sein. Ich meine nicht das Gefühl wenig zu haben. Nein ich meine das Gefühl, weniger als notwendig zu haben, obwohl von allem genug da ist.

    Kim sieht aus wie ein lieber, guter Onkel. Er wird aber helfen, die Armut und die Not und den Hunger auf der Welt zu vergrößern, während in der Presse mit viel Aufwand das gegenteil behauptet werden wir.

    Wer kann schon kontrollieren was er wirklich tut und wie es sich auf die Menschen auswirkt. Tatsächlich werden fast alle täglich ärmer. Bis auf wenige. Und diejenigen die heute noch meinen, sie gehörten doch zu den Gewinnern, werden übermorgen feststellen, dass sie jetzt dran sind, zu verlieren.

    Am Ende steht die Selbstzerfleischung derjenigen, die übrig geblieben sind, die kennen ja nichts anderes, als Macht, Gewalt, Unterdrückung und Diktatur.

    Solche Menschen besitzen eine zu tiefst krankhafte Psyche und der einzige Lichtblick für die Gesunden ist, dass sie immer früher unbrauchbar werden für ihre eigenen perfiden Pläne. Nur Menschen ohne jegliche Fähigkeit zur Empathie werden in internationalen Organisationen gebraucht. Wer auch nur ein kleines bischen empfindet für die Menschen die er in Not, Elend und Tod reißt, würde sich den Plänen der Hochfinanz zwangsläufig verweigern.

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  2. Wie kann es einer ertragen, dass Kriege mit tausenden Toten und Verletzten geführt werden, nur damit Staaten sich dem Diktat der Weltbank unterwerfen, obwohl sie es nicht wollen, um die Reduzierung von Sozialstandards zu erzwingen.

    Wir Deutsche wähnen uns da in Sicherheit, wir, die Exportweltmeister, wir sind ja dann die Letzten in der Reihe. Ja - kann ich da nur sagen, wir kommen vielleicht als letzte dran.

  3. Schade, mit der Wahl von Hr. Kim wurde die Chance verpasst, die seit 70 Jahren etablierte Regel, den Präsidentenposten nicht auf Basis des Verdienstes, sondern aufgrund des Passes (in diesem Falle der US-Pass) zu vergeben. Frau Okonjo-Iweala wäre die viel bessere Wahl gewesen.

  4. Am Wesentlichen hat es sich nichts geändert. Die Weltbank repräsentiert immer noch die Entwicklungspolitik des Nordens, welche darin besteht, die Unterentwicklung des Südens zu reproduzieren. Sie ist immer noch eine Erniedriger von Alternativen: Entwicklungspolitik heißt nicht anders, als der Anspruch, ärmeren Ländern die Weltsicht der reichen Ländern aufzuerlegen. Letztendlich handelt es sich um die These, dass der entwickelte Länder Vorbild für die unterentwickelten sein soll, wobei vergessen wird, dass Entwicklung im Norden ohne Unterentwicklung im Süden nicht möglicht gewesen wäre.

    In den 50er und 60er Jahrzehnten war diese These explizit formuliert. Heute überlebt sie im Bereich des Inartikulierten.

    Die Weltbank ist eine geopolitische Organisation, deren Funktion darin liegt, politische Widerstände seitens der ärmeren Ländern - ohne Widerstand gegen solche Weltordnung gibt es keine Alternative, keine "Entwicklung im Süden - durch die Verdeckung des politischen Charakters der Entwicklungspolitik zu de-legitimieren.

    Jetzt wollen die reichen Ländern die ärmeren darüber lehren, wir man die Umwelt nicht zerstören soll. Ein Witz, da solche Arroganz heutzutage nur auf Widerstand stoßen kann.

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  5. war immer schon gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Menschen, die letztlich die Folgen ihrer Interventionen zu tragen haben. Sie ist ein Instrument der westlichen Anteilseigner um Länder auszubeuten, indem diese in ein Abhängigkeitsverhältnis gezwungen werden. Das wird sich auch unter Kim nicht ändern.

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