Deutlich wurde Italiens seit November 2011 amtierender Ministerpräsident Mario Monti am vergangenen Dienstag im Parlament. Nein, Italien habe "keinen Bedarf am leicht paralysierenden Schutz durch andere" – und dann legte er voller Sarkasmus nach: "Ich darf offenlegen, dass wir zunächst sehr kräftig mit väterlichen – und manchmal auch mütterlichen – Ratschlägen überzogen wurden: "Warum beantragt ihr keine Unterstützung durch den Europäischen Rettungsschirm und den IWF ?"

Welche Mutter Monti da meinte, behielt er für sich. Aber seine Botschaft war überaus klar. Italien sieht sich in der Lage, die Krise aus eigenen Kräften zu meistern, auch wenn andere glauben, das Land müsse am Ende auch unter den Rettungsschirm, automatisch, per Dominoeffekt. Erst Griechenland , dann Portugal und Irland, jetzt Spaniens Banken – und dann halt Italien. Österreichs Finanzministerin Maria Fekter zum Beispiel wollte diese Dynamik am Montag keineswegs ausschließen: "Es kann sein, dass es auch da (in Italien, die Red.) zu Hilfsunterstützungen kommen kann", sagte sie in einem Interview.

Und sehen die Finanzmärkte die Dinge nicht genauso? Diese Woche stieg die Rendite italienischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit auf über sechs Prozent. Ganz so wie im Herbst 2011, als Silvio Berlusconi unter dem Druck der steigenden Zinsen schließlich zurücktreten musste. Und Anleihen mit dreijähriger Laufzeit, die Italien bei einer Auktion im Mai noch für einen Zins von 3,9 Prozent platzieren konnte, wurde das Land am Donnerstag nur noch mit einem Zinssatz von 5,3 Prozent los.

Zwei Billionen: Dies ist die magische Zahl, die immer wieder genannt wird, um die Nervosität der Märkte gegenüber Italien zu erklären. Italiens Schuldenberg ist auf mittlerweile knapp zwei Billionen Euro angewachsen, das sind rund 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – und dieser Wert wird allein deshalb weiter steigen, weil das Land in einer Rezession steckt. Erwartet wird, dass die Wirtschaft 2012 um 1,4 Prozent schrumpft.

Ausgeglichener Haushalt für 2013 geplant

Dass Italien dennoch völlig anders dasteht als die anderen Krisenstaaten, daran erinnerte der Direktor der Rating-Agentur Fitch, Ed Parker. Er erklärte bündig, das Land habe "eine sehr niedrige Neuverschuldung ebenso wie ein niedriges Leistungsbilanzdefizit, und es hat keine Probleme mit seinen Banken."

Wie wahr. In den vergangenen Jahren erlebte Italien keinen mit Spanien vergleichbaren Immobilienboom; in der Folge müssen die Geldhäuser auch nicht Milliardensummen aus uneinbringlichen Krediten abschreiben. Mehr noch: Auch beim Handel mit toxischen Papieren hatten sich die Banken zurückgehalten.

Und der Staatshaushalt? Schon im Gefolge der Krise musste sich Italien in weit geringerem Maße als andere Euro-Länder neu verschulden. Von 2007 bis 2010 stieg der Schuldenstand um 15,4 Prozentpunkte auf 118,1 Prozent, während selbst in Deutschland die Staatsschulden um 16,6 Prozentpunkte zunahmen. Dann kamen die drakonischen Sparrunden im vergangenen Jahr, erst unter Berlusconi , dann unter Monti, mit der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, mit Mehrwert- und Mineralölsteuererhöhungen, mit der Wiedereinführung der Grundsteuer aufs selbst bewohnte Wohneigentum. Die Folge: Im laufenden Jahr wird mit einem Haushaltsminus von nur noch zwei Prozent gerechnet, trotz Rezession, im Jahr 2013 wird ein ausgeglichener Haushalt anvisiert.

Italien verfügt über eine solide Realökonomie

Möglich sind solche Zahlen aus einem einfachen Grund. Italien mag – ohne Immobilienboom – in den zweitausender Jahren weit langsamer als Spanien gewachsen sein, doch es verfügt weiterhin über eine solide Realökonomie. Schon eine Autofahrt durch eine der norditalienischen Regionen, durch das Veneto, durch die Lombardei oder durch die Emilia Romagna, belegt diesen Befund. Ob zwischen Brescia und Bergamo, zwischen Bologna und Parma, zwischen Verona und Vicenza: Kilometer um Kilometer reihen sich Tausende Fabrikhallen aneinander. In Kalabrien oder Sizilien mag man Griechenland wiederfinden – im Norden dagegen gleicht Italien Baden-Württemberg oder Bayern . Ob Lebensmittelindustrie, Feinmechanik oder Fahrzeugbau, ob Medizintechnik oder Werkzeugmaschinen: Italien ist und bleibt einer der führenden industriellen Player in Europa . Fiat mag in der Krise sein, doch Zehntausende oft kleinere und mittlere Firmen bilden das starke Rückgrat einer hoch exportorientierten Industrie.

Italien zahlt doppelt

Kaum jemand weiß es, doch bei der Industrieproduktion steht – mit einem Anteil an der Weltfertigung von 6,3 Prozent im Jahr 2011 – nur Deutschland in der EU besser da. Großbritannien kommt auf gerade einmal 2,0 Prozent, Frankreich auf 2,9 Prozent; Italien dagegen erreicht 3,3 Prozent und ist damit das weltweit achtgrößte Industrieland. Es ist eine Stärke, die sich auch in den Arbeitslosenzahlen abbildet. Während Spanien unter einer Arbeitslosenrate von mittlerweile 25 Prozent ächzt, kam Italien im Frühjahr 2012 auf zehn Prozent.

Mario Monti hat also durchaus recht, wenn er sich väterliche und mütterliche Ratschläge aus dem Ausland verbittet. Und der Regierungschef hat recht, wenn er daran erinnert, dass Rom gegenwärtig "zweimal zahlt". Einmal mit seinen Beiträgen für die Rettungsschirme: Für die Spanien-Intervention muss Italien etwa 20 Milliarden Euro beisteuern, zusätzlich zu den schon im Jahr 2012 fälligen 18 Milliarden für EFSF und ESM. Und dann wird Italien noch ein zweites Mal zur Kasse gebeten, mit den mittlerweile üppigen Zinsaufschlägen auf seine Staatsschuldtitel. Respekt für Italiens Anstrengungen, außerdem eine realistische Einschätzung der Solidität des Landes – das verlangt Monti von den europäischen Partnern.

In seiner Parlamentsrede am vergangenen Dienstag aber unterlief ihm ein verräterischer Lapsus, als er von der Zinsdifferenz Italiens "gegenüber der Mark" sprach. Eine weitere Zuspitzung der Krise, auch für Italien im Sog Griechenlands und Spaniens, kann Monti eben nicht ausschließen. Doch er weiß, dass die Krisenspirale nicht mehr in Rom aufgehalten werden kann – sondern nur noch in Brüssel , Frankfurt und Berlin .