FinanzkriseItalien ist besser als sein Ruf

Kaum hat Spanien Brüssel um Finanzhilfe für die Banken gebeten, wird darüber spekuliert, wann Italien aufgibt. Geht es dem Land wirklich so schlecht? von Michael Braun

Mario Monti

Mario Monti  |  © Max Rossi/Reuters

Deutlich wurde Italiens seit November 2011 amtierender Ministerpräsident Mario Monti am vergangenen Dienstag im Parlament. Nein, Italien habe "keinen Bedarf am leicht paralysierenden Schutz durch andere" – und dann legte er voller Sarkasmus nach: "Ich darf offenlegen, dass wir zunächst sehr kräftig mit väterlichen – und manchmal auch mütterlichen – Ratschlägen überzogen wurden: "Warum beantragt ihr keine Unterstützung durch den Europäischen Rettungsschirm und den IWF ?"

Welche Mutter Monti da meinte, behielt er für sich. Aber seine Botschaft war überaus klar. Italien sieht sich in der Lage, die Krise aus eigenen Kräften zu meistern, auch wenn andere glauben, das Land müsse am Ende auch unter den Rettungsschirm, automatisch, per Dominoeffekt. Erst Griechenland , dann Portugal und Irland, jetzt Spaniens Banken – und dann halt Italien. Österreichs Finanzministerin Maria Fekter zum Beispiel wollte diese Dynamik am Montag keineswegs ausschließen: "Es kann sein, dass es auch da (in Italien, die Red.) zu Hilfsunterstützungen kommen kann", sagte sie in einem Interview.

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Und sehen die Finanzmärkte die Dinge nicht genauso? Diese Woche stieg die Rendite italienischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit auf über sechs Prozent. Ganz so wie im Herbst 2011, als Silvio Berlusconi unter dem Druck der steigenden Zinsen schließlich zurücktreten musste. Und Anleihen mit dreijähriger Laufzeit, die Italien bei einer Auktion im Mai noch für einen Zins von 3,9 Prozent platzieren konnte, wurde das Land am Donnerstag nur noch mit einem Zinssatz von 5,3 Prozent los.

Zwei Billionen: Dies ist die magische Zahl, die immer wieder genannt wird, um die Nervosität der Märkte gegenüber Italien zu erklären. Italiens Schuldenberg ist auf mittlerweile knapp zwei Billionen Euro angewachsen, das sind rund 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – und dieser Wert wird allein deshalb weiter steigen, weil das Land in einer Rezession steckt. Erwartet wird, dass die Wirtschaft 2012 um 1,4 Prozent schrumpft.

Ausgeglichener Haushalt für 2013 geplant

Dass Italien dennoch völlig anders dasteht als die anderen Krisenstaaten, daran erinnerte der Direktor der Rating-Agentur Fitch, Ed Parker. Er erklärte bündig, das Land habe "eine sehr niedrige Neuverschuldung ebenso wie ein niedriges Leistungsbilanzdefizit, und es hat keine Probleme mit seinen Banken."

Wie wahr. In den vergangenen Jahren erlebte Italien keinen mit Spanien vergleichbaren Immobilienboom; in der Folge müssen die Geldhäuser auch nicht Milliardensummen aus uneinbringlichen Krediten abschreiben. Mehr noch: Auch beim Handel mit toxischen Papieren hatten sich die Banken zurückgehalten.

Und der Staatshaushalt? Schon im Gefolge der Krise musste sich Italien in weit geringerem Maße als andere Euro-Länder neu verschulden. Von 2007 bis 2010 stieg der Schuldenstand um 15,4 Prozentpunkte auf 118,1 Prozent, während selbst in Deutschland die Staatsschulden um 16,6 Prozentpunkte zunahmen. Dann kamen die drakonischen Sparrunden im vergangenen Jahr, erst unter Berlusconi , dann unter Monti, mit der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, mit Mehrwert- und Mineralölsteuererhöhungen, mit der Wiedereinführung der Grundsteuer aufs selbst bewohnte Wohneigentum. Die Folge: Im laufenden Jahr wird mit einem Haushaltsminus von nur noch zwei Prozent gerechnet, trotz Rezession, im Jahr 2013 wird ein ausgeglichener Haushalt anvisiert.

Möglich sind solche Zahlen aus einem einfachen Grund. Italien mag – ohne Immobilienboom – in den zweitausender Jahren weit langsamer als Spanien gewachsen sein, doch es verfügt weiterhin über eine solide Realökonomie. Schon eine Autofahrt durch eine der norditalienischen Regionen, durch das Veneto, durch die Lombardei oder durch die Emilia Romagna, belegt diesen Befund. Ob zwischen Brescia und Bergamo, zwischen Bologna und Parma, zwischen Verona und Vicenza: Kilometer um Kilometer reihen sich Tausende Fabrikhallen aneinander. In Kalabrien oder Sizilien mag man Griechenland wiederfinden – im Norden dagegen gleicht Italien Baden-Württemberg oder Bayern . Ob Lebensmittelindustrie, Feinmechanik oder Fahrzeugbau, ob Medizintechnik oder Werkzeugmaschinen: Italien ist und bleibt einer der führenden industriellen Player in Europa . Fiat mag in der Krise sein, doch Zehntausende oft kleinere und mittlere Firmen bilden das starke Rückgrat einer hoch exportorientierten Industrie.

Italien zahlt doppelt

Kaum jemand weiß es, doch bei der Industrieproduktion steht – mit einem Anteil an der Weltfertigung von 6,3 Prozent im Jahr 2011 – nur Deutschland in der EU besser da. Großbritannien kommt auf gerade einmal 2,0 Prozent, Frankreich auf 2,9 Prozent; Italien dagegen erreicht 3,3 Prozent und ist damit das weltweit achtgrößte Industrieland. Es ist eine Stärke, die sich auch in den Arbeitslosenzahlen abbildet. Während Spanien unter einer Arbeitslosenrate von mittlerweile 25 Prozent ächzt, kam Italien im Frühjahr 2012 auf zehn Prozent.

Mario Monti hat also durchaus recht, wenn er sich väterliche und mütterliche Ratschläge aus dem Ausland verbittet. Und der Regierungschef hat recht, wenn er daran erinnert, dass Rom gegenwärtig "zweimal zahlt". Einmal mit seinen Beiträgen für die Rettungsschirme: Für die Spanien-Intervention muss Italien etwa 20 Milliarden Euro beisteuern, zusätzlich zu den schon im Jahr 2012 fälligen 18 Milliarden für EFSF und ESM. Und dann wird Italien noch ein zweites Mal zur Kasse gebeten, mit den mittlerweile üppigen Zinsaufschlägen auf seine Staatsschuldtitel. Respekt für Italiens Anstrengungen, außerdem eine realistische Einschätzung der Solidität des Landes – das verlangt Monti von den europäischen Partnern.

In seiner Parlamentsrede am vergangenen Dienstag aber unterlief ihm ein verräterischer Lapsus, als er von der Zinsdifferenz Italiens "gegenüber der Mark" sprach. Eine weitere Zuspitzung der Krise, auch für Italien im Sog Griechenlands und Spaniens, kann Monti eben nicht ausschließen. Doch er weiß, dass die Krisenspirale nicht mehr in Rom aufgehalten werden kann – sondern nur noch in Brüssel , Frankfurt und Berlin .

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Leserkommentare
  1. Italien ist - leider - zweigeteilt. Norditalien braucht sich nicht verstecken. Natuerlich besteht Reformbedarf. Nur der besteht in Deutschland auch.
    Was vielleicht noch erwaehnt werden muss, sind die ungeheuer hohen Wohnungspreise in Norditalien.

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    Dass es den Leuten in Norditalien nicht schlechter geht als uns in Deutschland,ist ein offenes Geheimnis.
    Der italienische Staat existiert seit 1860. Seit dieser Zeit (die altösterreichischen Gewbiete seit 1919) transferiert der Norden Geld in den Mezzogiorno.

    Das finden nicht alle gut ...

    http://www.youtube.com/wa...

    Ob's die EU in den nächsten 150 Jahren besser macht ?

    • joG
    • 17. Juni 2012 8:50 Uhr

    ....welches Bild ich mir von Italien machen sollte, zumal die europaweiten Sparpolitik eine Rezession ziemlich sicher macht. Ob Italien da zahlungsfähig bleibt? Im Markt scheint man da Bedenken zu haben. Wenn Sie allerdings Ihe Geld in italienisches Papier stecken wollen, gibt es über vier Prozent mehr als in Bunds. Sie sollten aber sich im Klaren sein darüber, dass Sie da spekulieren.

    • hmr
    • 15. Juni 2012 20:40 Uhr

    Fing's bei den Spaniern nicht auch so an ?

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    • joG
    • 17. Juni 2012 8:57 Uhr

    ....italienischen Staatsanleihen hat?

    Mir wäre das zu spekulativ, aber wer den nötigen Mut hat sich wie ein Schäuble gegen die Marktmeinung zu stellen.... Naja, vielleicht nicht wie ein Schäuble (oder einen x-beliebigen anderen Eurokraten). Der hat keinen Hund im Rennen, wie Obama zu sagen pflegt.

  2. Italien kann und muss es aus eigener Kraft schaffen. Die Reformen, die Monti anstrengt müssen ausgegoren und in Maßen verabschiedet werden. Das Tempo stimmt zur Zeit. Mit Gewalt geht das nicht (siehe Griechenland). Ich lebe seit Jahren in Norditalien und muss sagen neben vielen Problemen gibt es sehr gute Betriebe hier. Italien ist ein wunderschönes Land mit vielen Qualitäten. Wenn die Anstrengungen so weiter gehen, wäre es schon richtig, Eurobonds oder so was ähnliches einzuführen. Nur, damit nicht zu Unrecht gegen einzelne Staaten spekuliert wird.

  3. Das mit der geringeren Neuverschuldung mag ja stimmen, aber es sind mehrere hundert Milliarden Altschulden, die in nächster Zeit refinanziert werden müssen, und das zu hohen Zinsen.
    Italien muss also daran arbeiten, den Glauben der Investoren in seine Erneuerungsfähigkeit zu stärken und sein Image als Land mit verkrusteten Strukturen im Arbeitsmarkt loszuwerden.

  4. Warum leihen eigentlich die Italiener, Spanier, Griechen und Portugiesen nicht ihrem EIGENEN Land Geld zu niedrigen Zinsen? Die Italiener haben Billionen auf dem Sparkonto.

    Die Bürger der Krisenländer könnten die Krise SOFORT beenden.

    Und falls sie nicht wollen, wie wärs mit Zwangsanleihen? Solange diese Völker pralle Sparbücher haben, ist es absolut nicht einzusehen weshalb andere Länder ihnen Geld leihen sollen muss.

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    Super Idee! Warum gehen sie nicht mit gutem Beispiel vorran und lassen sich von der Bundesregierung für die ca. 6 Billionen an REALEN Schulden der BRD enteignen (für TARGET 2 und EFSF/ESM werden sie zusätzlich blechen, wenn der Euro kollabiert)?

    Man muss entweder lebenslang Arbeitslos gewesen sein oder noch nie im Leben hart gearbeitet haben (sprich Student aus der Mittelschicht) um so einen Vorschlag zu bringen. Vor allem für die hart arbeitende Jugend klingt das wie Hohn für Schulden zu bezahlen die ihnen lange vor ihrer Lebzeit aufgebürdet wurden und von denen sie nicht im geringsten profitieren.

    Der Staat wird nichts unversucht lassen um sich über die Bevölkerung auf die ein oder andere Weise zu entschulden (finanzielle Repression oder hohe Inflation, oder beides). Das rationalste ist sich aus diesem System zu verabschieden und die bunten Papierscheinchen gegen reale Werte zu tauschen.

    Übrigens war die spanische Rethorik genau die selbe bevor sie Hilfe beantragten. Die Politiker lügen bis zum letzten Moment, wenns sein muss auch noch nach dem Kollaps. Italien wird genauso fallen wie Spanien und Griechenland zuvor, das kann jeder mit finanziellem Sachverstand sehen.

    Die gutgläubigen Schafe werden zur Schlachtbank geführt. Freiwillige scheint's genug zu geben.


  5. sondern nur noch in Brüssel, Frankfurt und Berlin."

    Nun trauen sich die Autoren, die Schuldengarantie und damit -übernahme nur noch durch die Blume zu fordern:

    Dabei sind die Bedingungen dafür ganz klar, siehe Weidmann:

    http://www.faz.net/aktuel...

    Über allem schwebt das Damoklesschwert der Demokratie. Ein europäischer Zentralstaat, der einer Schuldenvergemeinschaftung vorausgehen muss und nicht umgekehrt, kann nur durch einen Volksentscheid in Deutschland legitimiert werden. Alles andere wäre ein Staatssteich.

    Oft wird auch gerne als Geburtsfehler des Euro das Fehlen des "lender of last resort" im Maastrichtvertrag genannt. Allerdings hätte genau das das Budgetrecht der Bundesregierung und damit des Souveräns durch die Hintertür ausgehebelt. Möglich wäre es durch einen Volksentscheid bezüglich einer neuen Verfassung gewesen.

    Und das wussten Kohl, Bush, Mitterand und Thatcher und haben es verhindert.

    Den Rest kennt man.

    Nur nochmal ein Zitat von Roman Herzog. Gefragt wurde er, warum denn die Deutschen in allen Umfragen für die DM und gegen den Euro abgestimmt haben:

    "Man hat die Leute einfach falsch gefragt. Statt DM oder Euro hätte man fragen sollen. Wollen Sie einen Euro der genauso stark ist wie die DM?"

    In diesem Sinn gute Nacht Demokratie und Souveränität.

  6. Gute Idee. Ich glaube, dass diese bereits in Italien bekannt wurde durch einen Toskaner, der mit eigenem Beispiel voranging.

  7. Wenn Italien Hilfe braucht,ist der Euro so gut wie beerdigt.
    Und Deutschland kann daran nichts mehr ändern, selbst wenn alles deutsche Steuergeld in europäische Hand gelegt würde.

    Thilo Sarrazin hat es gut beschrieben, in seinem Buch 'Europa braucht den Euro nicht'.

    Also: Keine Panik, es kommt, wie es kommt, und wie es kommt, kommt es gut.
    Ein zweites 1923 wird es nicht geben werden , vorher werden eben einige Länder austreten, und der Euro bleibt ein Nord-Euro.

    Ganz ehrlich, ich mache mir keine Sorgen, und wenn wir 2018
    wieder mit Lire in Rom oder mit Francs in Metz bezahlen müssen, dann werden wir immerhin noch in Euro in Delft und in Helsinki und in Tallinn bezahlen können.

    Wie es kommen wird, wird es gut!

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    aber in Frankreich und Italien wird niemand mehr VW, Müller.Joghurt, Knorr-Suppen, Dr. Oetker-Eis etc. zum dann teureren Nordeuro-Preis kaufen. Ob man das alles dann bis nach China, Indien und Brasilien exportieren kann? Sarrazins These ist Geschwätz, dass sich auf eine Zahlenmystik stützt, die nicht haltbar ist, ganz abgesehen von dem bösen Blut, das entsteht, wenn Teilnehmer einer gemeinsamen Bootsfahrt über Bord geschmissen werden – oder, weil er die Bergsteiger-Metapher liebt, vom Seil abgeschnitten werden (er nennt das „freundlich verabschieden“). In duiesem einzigen Punkt gebe ich ausnahmsweise Merkel recht: stirbt der Euro, stirbt Europa.

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