SchifffahrtAbwracker sind die Krisengewinner

Im Boom zu viel bestellt: Noch nie zuvor wurden so viele Schiffe verschrottet. Der größte Schiffsfriedhof in Indien fürchtet nun strengere Umweltstandards. von 

Schiffsrumpf am Strand von Alang, Indien (2011)

Schiffsrumpf am Strand von Alang, Indien (2011)  |  © Sam Panthaky/AFP/Getty Images

Die Exxon Valdez ist eines der prominentesten Schiffe, die dieser Tage in Indien zerlegt werden. Der Öltanker, der 1989 eine der größten Ölkatastrophen in der Geschichte der USA auslöste, ist kürzlich unter seinem neuen Namen Oriental Nicety im Schiffsfriedhof von Alang eingelaufen.

Schrottplatz der Globalisierung
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Ulet Ifansasti/Getty Images

Die Inder werden das fast 30 Jahre alte Schiff, das zwischendurch zu einem Massengutfrachter umgebaut wurde, auf klassische Weise auseinandernehmen: per Beaching . Dabei rast der Kapitän mit voller Fahrt das leere Schiff frontal auf den Strand. Dort festgefahren, beginnen die Arbeiter in Handarbeit mit dem Zerlegen.

Die Exxon Valdez ist nur ein Beispiel, die gesamte Branche der Schiffszerleger macht gerade sehr gute Geschäfte. Die Abwrackwerften sind die Gewinner der weltweiten Wirtschaftsflaute. "2012 könnte ein Rekordjahr für die Werften werden", sagt Henning Gramann, Geschäftsführer von GRS Services, einem Unternehmen aus Lüneburg, das sich auf Schiffsrecycling spezialisiert hat.

Der Marktführer Indien hat beispielsweise allein im ersten Halbjahr dieses Jahres nach Angaben des Bremer Instituts für Seeverkehrslogistik Schiffe mit rund 9,5 Millionen Bruttoregistertonnen (dwt) abgewrackt. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2011 kam Indien auf 12,5 Millionen dwt. Weltweit recycelten die Werften bis Ende Juli 871 Schiffe, vom Öltanker bis zum kleinen Zulieferschiff. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 1.458.

Besonders häufig werden inzwischen Containerschiffe abgewrackt. Nach Recherchen des Branchendienstes Alpha Liner landeten in diesem Jahr 89 Containerschiffe unter dem Stahlschneider. Sie konnten insgesamt 163.000 Standardcontainer (TEU) fassen. Den gesamten Vorjahreswert von 107.000 TEU haben die Abwracker schon jetzt getoppt. Und das in nur einem halben Jahr.

Anzeige

Verschrottungswelle wegen Wirtschaftskrise

"Die Wirtschaftskrise hat zu einer große Verschrottungswelle geführt", sagt Jan Tiedemann von Apha Liner. Zu viele Schiffe mit zu viel Platz sind auf den Weltmeeren unterwegs. Die Fracht- und Charterraten sind eingebrochen, viele Reeder machen Verluste.

Kurzfristig wird sich die Situation auch nicht bessern. Denn die Schiffswerften werden in den kommenden Monaten noch weitere Neubauten ausliefern. Allein MSC, die zweitgrößte Containerschiffreederei der Welt, erwartet in diesem Jahr noch sieben riesige Containerschiffe. Jetzt rächt sich die Euphorie der Boomzeiten, als Reeder ungeachtet der Marktentwicklung einfach Schiffe orderten. "Trotz des Abwrackens werden Überkapazitäten in den kommenden Monaten die größte Herausforderungen für die Branche sein", sagt Tiedemann.

Die Reeder reagieren mit radikalen Maßnahmen. Weil sie die wirklich alten Kähne schon 2008/2009 während der ersten großen Krise ausgemustert haben, lassen sie jetzt inzwischen sogar relativ junge Schiffe verschrotten. Zu Boomzeiten waren noch Schiffe auf den Weltmeeren unterwegs, die mehr als 30 Jahre alt waren. Jetzt sind die Schiffe im Schnitt 24 Jahre alt, wenn sie auf dem Abwrackstrand auflaufen. Das Containerschiff Fiducia, das zurzeit in Indien verschrottet wird, wurde gerade einmal 15 Jahre.

Leserkommentare
  1. In dem Artikel kommt nicht mal vor, dass Arbeiter dort regelmäßig an Gasen, Explosionen, Reißen von Stahlseilen oder schlicht beim "Zerlegen" des Schiffes sterben.

    Die Doku "Die Eisenfresser" verdeutlicht das gut: https://www.youtube.com/watch?v=VJKfQ59R9fc

    Tja und warum verschrotten die Reedereien da, wo es katastrophale Bedingungen gibt?

    "Da heute die Kosten für eine Abwrackung unter anderem in Europa vor allem durch teure Arbeitskräfte und strenge Umweltvorschriften sehr hoch sind, werden etwa 70 bis 80 Prozent aller weltweit verschrotteten Schiffe in Indien, Pakistan, Bangladesch und China verschrottet.[1]"

    Profit, einfach nur Profit.

    "Die Abwrackbetriebe in der Dritten Welt stehen in der Kritik, da die Arbeitsbedingungen selbst für Niedriglohnländer als desolat gelten.[4] In den Anlagen wird unter einfachsten Bedingungen gearbeitet. Die Arbeitszeiten für die dort beschäftigten Tagelöhner betragen bis zu 95 Stunden pro Woche.

    Mangels Kränen und schwerem Gerät werden die Schiffe größtenteils von Hand zerlegt. Aufgrund des hohen Arbeitstempos und des mangelnden Arbeitsschutzes kommt es immer wieder zu schweren Unfällen durch Explosionen, Verpuffungen oder herabfallende Metallteile. Die Arbeiter sind in der Regel barfuß und tragen T-Shirts sowie kurze Hosen.
    Schuhwerk oder Sicherheitshelme werden nur selten bereitgestellt. Beinahe täglich sind Schwerverletzte und Tote zu beklagen."

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im Film "Working man's death" vom M. Glawogger wird auch die Arbeit beim Abwracken mittels Beaching gezeigt

  2. "Insbesondere die Entsorgung von Schiffen aus den 1970er Jahren mit den auf Abwrackwerften üblicherweise angewandten Methoden stößt immer mehr auf Widerstand, da Schiffe aus dieser Ära teilweise stark mit Asbest und anderen gesundheitsgefährdenden Schadstoffen belastet sind.

    Umweltschutzorganisationen bemängeln außerdem, dass eine fachgerechte und sichere Entsorgung solcher Materialien in den entsprechenden Ländern nicht stattfindet."

    "Um nicht in die Kritik der Medien zu geraten, lassen vor allem namhafte Reedereien ihre ausgemusterten Schiffe unter anderen Namen bzw. über Agenturen auf den Strand setzen. Die ehemalige France/Norway wurde beispielsweise unter dem Namen Blue Lady gestrandet.[6]"

    https://de.wikipedia.org/wiki/Abwrackwerft

    Jaja...immerhin wird das Thema mal kurz überhaupt erwähnt, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

  3. Das ist ein Schneidbrenner.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Schneidbrenner

    Damit wird der Stahl erwärmt und dann unter Sauerstoff verbrannt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unter Sauerstoff verbrannt?
    Es wird nichts verbrannt, der Werkstoff, in diesem Falle Stahl, bleibt erhalten. Es werden lediglich aus großen Stücken kleine gemacht. Ist so ähnlich wie zersägen. Beim Zersägen bleiben Späne, beim Brennschneiden kleine Stahltropfen übrig.
    Aber was hat Ihr Post eigentlich mit dem Thema zu tun?

  4. "Stahlpreis je Tonne ... " gemeint ist Schrott.

    Abfälle aus Metall und vor allem Stahl heißen Schrott.

    Der Begriff Stahl bezieht sich auf neues Material.

    Der genannte Preis wäre für Stahl auch zu niedrig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dedie
    • 21. Juli 2012 13:44 Uhr

    Der durchschnittliche Stahlschrottpreis der letzten Jahre liegt in Deutschland bei ca. 120€ die Tonne.

  5. Unter Sauerstoff verbrannt?
    Es wird nichts verbrannt, der Werkstoff, in diesem Falle Stahl, bleibt erhalten. Es werden lediglich aus großen Stücken kleine gemacht. Ist so ähnlich wie zersägen. Beim Zersägen bleiben Späne, beim Brennschneiden kleine Stahltropfen übrig.
    Aber was hat Ihr Post eigentlich mit dem Thema zu tun?

    Antwort auf "Stahlschneider"
  6. Der Stahlschneider ist im Text genannt, das ist aber ein Schneidbrenner.

    Lesen Sie einfach den angegebenen Link nach.

    Wenn da nichts brennen würde, bräuchte man da auch keinen zusätzlichen Sauerstoff.
    ( Beim Brennschneiden ist zweimal Sauerstoff nötig, einmal für die Flamme und einmal zum Trennen )
    Da beim Verbrennen (Oxidieren)Wärme entseht schmilzt auch Stahl und tropft ab.
    ( Das ist bei Wikipedia auch nicht ganz korrekt wiedergegeben )
    Natürlich brennt da nur Stahl in der Trennfuge ab.

    • dedie
    • 21. Juli 2012 13:44 Uhr

    Der durchschnittliche Stahlschrottpreis der letzten Jahre liegt in Deutschland bei ca. 120€ die Tonne.

    Antwort auf "Begriffe"
  7. Im Film "Working man's death" vom M. Glawogger wird auch die Arbeit beim Abwracken mittels Beaching gezeigt

    Antwort auf "Die Eisenfresser"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Schifffahrt | Exxon | Indien | China | Recycling | Pakistan
Service