Die Exxon Valdez ist eines der prominentesten Schiffe, die dieser Tage in Indien zerlegt werden. Der Öltanker, der 1989 eine der größten Ölkatastrophen in der Geschichte der USA auslöste, ist kürzlich unter seinem neuen Namen Oriental Nicety im Schiffsfriedhof von Alang eingelaufen.

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Die Inder werden das fast 30 Jahre alte Schiff, das zwischendurch zu einem Massengutfrachter umgebaut wurde, auf klassische Weise auseinandernehmen: per Beaching . Dabei rast der Kapitän mit voller Fahrt das leere Schiff frontal auf den Strand. Dort festgefahren, beginnen die Arbeiter in Handarbeit mit dem Zerlegen.

Die Exxon Valdez ist nur ein Beispiel, die gesamte Branche der Schiffszerleger macht gerade sehr gute Geschäfte. Die Abwrackwerften sind die Gewinner der weltweiten Wirtschaftsflaute. "2012 könnte ein Rekordjahr für die Werften werden", sagt Henning Gramann, Geschäftsführer von GRS Services, einem Unternehmen aus Lüneburg, das sich auf Schiffsrecycling spezialisiert hat.

Der Marktführer Indien hat beispielsweise allein im ersten Halbjahr dieses Jahres nach Angaben des Bremer Instituts für Seeverkehrslogistik Schiffe mit rund 9,5 Millionen Bruttoregistertonnen (dwt) abgewrackt. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2011 kam Indien auf 12,5 Millionen dwt. Weltweit recycelten die Werften bis Ende Juli 871 Schiffe, vom Öltanker bis zum kleinen Zulieferschiff. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 1.458.

Besonders häufig werden inzwischen Containerschiffe abgewrackt. Nach Recherchen des Branchendienstes Alpha Liner landeten in diesem Jahr 89 Containerschiffe unter dem Stahlschneider. Sie konnten insgesamt 163.000 Standardcontainer (TEU) fassen. Den gesamten Vorjahreswert von 107.000 TEU haben die Abwracker schon jetzt getoppt. Und das in nur einem halben Jahr.

Verschrottungswelle wegen Wirtschaftskrise

"Die Wirtschaftskrise hat zu einer große Verschrottungswelle geführt", sagt Jan Tiedemann von Apha Liner. Zu viele Schiffe mit zu viel Platz sind auf den Weltmeeren unterwegs. Die Fracht- und Charterraten sind eingebrochen, viele Reeder machen Verluste.

Kurzfristig wird sich die Situation auch nicht bessern. Denn die Schiffswerften werden in den kommenden Monaten noch weitere Neubauten ausliefern. Allein MSC, die zweitgrößte Containerschiffreederei der Welt, erwartet in diesem Jahr noch sieben riesige Containerschiffe. Jetzt rächt sich die Euphorie der Boomzeiten, als Reeder ungeachtet der Marktentwicklung einfach Schiffe orderten. "Trotz des Abwrackens werden Überkapazitäten in den kommenden Monaten die größte Herausforderungen für die Branche sein", sagt Tiedemann.

Die Reeder reagieren mit radikalen Maßnahmen. Weil sie die wirklich alten Kähne schon 2008/2009 während der ersten großen Krise ausgemustert haben, lassen sie jetzt inzwischen sogar relativ junge Schiffe verschrotten. Zu Boomzeiten waren noch Schiffe auf den Weltmeeren unterwegs, die mehr als 30 Jahre alt waren. Jetzt sind die Schiffe im Schnitt 24 Jahre alt, wenn sie auf dem Abwrackstrand auflaufen. Das Containerschiff Fiducia, das zurzeit in Indien verschrottet wird, wurde gerade einmal 15 Jahre.