Bob Diamond sieht aus, als habe er mindestens zwei Nächte lang nicht geschlafen. Als der am Montag zurückgetretene Ex-Chef der britischen Barclays Bank am Mittwoch vor den Finanzausschuss des Unterhauses tritt, hat er schwere Tränensäcke unter den Augen. Diamond wirkt abgespannt und nervös. Bei jedem Hintergrundgeräusch scheint er aus der Haut zu fahren, als fühle er sich ausgeliefert und fürchte einen Angriff. Als habe er die Situation nicht unter Kontrolle, wie er es in seinen 16 Jahren bei der Barclays Bank gewohnt war.

Die altehrwürdige Bank hat die Aufsichtsbehörden und damit ihre Kunden – sagen wir es geradeheraus – beschissen. Nicht einmal, nicht ein paar Mal, sondern jahrelang, vom Jahr 2005 bis zum großen Crash von 2008, meldete sie falsche Zinssätze an die britische Bankenvereinigung BBA in London . Die Libor -Leitzinsen, die daraus berechnet werden, beeinflussen die Kosten von Darlehen und Krediten, die Höhe privat abgeschlossener Rentenpolicen und die Preise von Versicherungen. Als der Betrug auffliegt, tritt die komplette Führungsriege zurück, die Bank muss eine Konventionalstrafe von 290 Millionen Pfund zahlen. Jetzt soll Diamond den Mitgliedern des Ausschusses Rede und Antwort stehen.

Der Ausschussvorsitzende beginnt, indem er dem Banker die Gelegenheit zu einem Statement gibt. Der US-Amerikaner beteuert, er "liebe" die englische Bank, die unter seiner Ägide von einem mittelgroßen nationalen Unternehmen zu einem der größten Geldinstitute der Welt mit 140.000 Mitarbeitern wuchs. Als er von dem Skandal Wind bekommen habe, sei ihm körperlich übel geworden, er schwanke zwischen Zorn, Bedauern und Enttäuschung. Die Wut, sagte er, gelte dem völlig unakzeptablen Verhalten von 14 Maklern, die den Libor der Bank manipulierten.

Die Parlamentarier nehmen ihm das nicht ab und piesacken ihn mit Fragen – und zwar so unnachsichtig, dass Diamond einem fast Leid tun kann. Manchmal sitzt er nur sprachlos da. Dann fasst er sich wieder, klammert sich an eine ganz offensichtlich in den Tagen zuvor mithilfe von PR-Experten eingeübte Verteidigungslinie. Aber sie ist nicht zu halten, sondern gibt überall nach, so wie in letzter Minute aufgeschichtete Sandsäcke, die eine Flut doch nicht aufhalten können. Zu dürftig sind Diamonds Einlassungen, zu matt seine Ausreden.

Es mag ja sein, dass andere Banken ebenfalls ihre Zinssätze manipulierten . Es mag auch sein, dass die Finanzaufsichtbehörde jahrelang keine Einwände erhob. Doch der Betrug war so systematisch und methodisch, dass die Behauptung, Diamond habe erst in der vergangenen Woche davon erfahren, kaum zu glauben ist. "Entweder, Sie stecken mit drin", hält ihm ein Ausschussmitglied vor. "Oder Sie sind inkompetent."

Barclays New Yorker Dependance schickte zwischen 2005 und 2007 ihren Londoner Kollegen 177 E-Mails, in denen sie baten, der BBA marktverzerrende Zinssätze zu melden. Erst 2007 warnte ein Abteilungsleiter seinen Chef: Die Praktik sei unlauter, "wir müssen darüber sprechen". Vielleicht ist es kein Wunder, dass es zu falschen Meldungen kam, denn jeder Makler konnte sein individuelles Portfolio durch die Marktmanipulation aufstocken.

Schuld waren die anderen

Im Jahr 2008 zitierte ein Artikel des Finanznachrichtendienstes Bloomberg einen Banker zum betriebsinternen Zinsbetrug der Bank. Da will Diamond immer noch nichts gewusst haben. Doch am 28.Oktober gab es eine persönliche Notiz des damaligen Bankchefs, kurz nachdem er mit Paul Tucker telefoniert hatte, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Bank of England . Der habe ihm angeblich erklärt, Barclays Libor-Raten müssten "nicht unbedingt so hoch sein, wie sie zuletzt waren".

Diamond will immer noch nichts gemerkt haben. Er schickte eine Kopie der Notiz an einen engen Mitarbeiter, Jerry del Missier, der mittlerweile ebenfalls zurückgetreten ist. Der habe aus ihr geschlossen, die Bank of England habe Barclays angewiesen, die Rate künstlich nach unten zu drücken . Ob sie darüber nie geredet hätten? Will ein Abgeordneter wissen. "Nein", antwortet Diamond.

Schuld waren immer die anderen. Nach dem Crash sei Diamond zu sehr damit beschäftigt gewesen, Kapital aufzubringen – einmal brauchte er 6,7 Milliarden Pfund an einem einzigen Tag – und damit, die angeblichen Bestrebungen der Regierung abzuwehren, Barclays zu verstaatlichen, sagt er. Dass der Leitzins Libor dabei eine Rolle gespielt haben könnte, streitet er ab.

Einmal fragt der Ausschussvorsitzende den Banker: "Können Sie verstehen, dass wir Ihre Antworten mit gehörigem Skeptizismus zur Kenntnis nehmen?" Aus seiner Erwiderungen spricht ganz unerwartet ein Funke Ehrlichkeit. "Ja", räumt Diamond ein. Er klingt total erschöpft.