ZEIT ONLINE: Herr Graeber, in der gegenwärtigen Euro-Krise wird viel von den Schulden gesprochen, die Griechenland zurückzahlen muss. Die EU knüpft ihre Kredite an wirtschaftspolitische Bedingungen. Warum können eine verordnete Wirtschaftspolitik und verordnete Strukturanpassungen nichts bewirken?

David Graeber: Niemand glaubt wirklich daran, dass Griechenlands Schulden zurückgezahlt werden können oder überhaupt zurückgezahlt werden müssen. Das Problem ist kein wirtschaftliches, sondern ein moralisches.

ZEIT ONLINE:  Wie meinen Sie das?

Graeber: Das Establishment handelt in der Gewissheit, dass es gerettet wird, ohne auch nur das geringste persönliche Leid davonzutragen, ganz egal, wie unverantwortlich es handelt. Dieses Establishment behauptet, es sei ein moralisches Gebot, den griechischen Bürgern, und vor allem den ärmsten, ihre Leben, Hoffnungen und Träume zu zerstören, und viele tatsächlich sterben zu lassen – wegen der finanziellen Praktiken früherer Amtsinhaber. Das ist übrigens keine Übertreibung. Eine der Maßnahmen im jüngsten Sparprogramms ist eine 40-prozentige Kürzung des Gesundheitsbudgets, das ohnehin schon spartanisch war. Das führt dazu, dass Krebspatienten ihre Medikamente nicht mehr bezahlt werden. Falls sie die Medikamente nicht selbst bezahlen können, sterben sie. Das hat nichts mit ökonomischer Wiederbelebung zu tun. Das ist purer wirtschaftlicher Sadismus. 

ZEIT ONLINE: Ein auf Schulden basierendes Finanzsystem hat in den vergangenen 150 Jahren den globalen Wohlstand massiv gesteigert. Dies scheint nun in der westlichen Welt nicht mehr zu gelten. Würde Sie die globale Finanzkonstruktion daher als eine moderne "Fortschrittsfalle" bezeichnen?

Graeber: Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihrer Annahme zustimme. Nur weil zwei Dinge gleichzeitig in der Geschichte auftreten, heißt das nicht, dass das eine das andere ausgelöst hat. Wir wissen nicht, wie die Welt heute aussehen würde, hätte zum Beispiel die Pariser Kommune (das war vor 150 Jahren) Erfolg gehabt und die Welt in eine andere Richtung gelenkt. Wäre die Medizintechnik so fortgeschritten, wie sie es heute ist? Wer weiß das schon, vielleicht wäre sie sogar noch viel weiter fortgeschritten! Die Frage ist auch, was Sie mit Wohlstand meinen – das Finanzsystem ist großartig darin, die Produktion permanent auszubauen.

ZEIT ONLINE: Ist das so schlecht?

Graeber: Es ist unklar, ob das wirklich zu mehr Zufriedenheit geführt hat. Klinische Depression ist so weit verbreitet wie in keiner anderen menschlichen Gesellschaft, soweit ich weiß. Ich stimme Ihnen aber zu: Ganz egal, ob es hätte anders kommen können – wir haben uns in eine Falle manövriert. Technologischer Stillstand, abnehmende Lebensstandards, das System hat versagt. Und natürlich zerstören wir in rasender Geschwindigkeit die Ökosysteme der Erde.