ZEIT ONLINE: Was wäre Ihr Lösungsvorschlag?

Graeber: Meine persönliche Lösung ist eine Kombination aus Jubelfeier, irgendeinem großen Schuldenerlass und einem ernsthaften Nachdenken über Arbeit. Warum gibt man sich nicht mit einem 4-Stunden-Tag zufrieden? Nicht nur, weil es eine Chance bieten würde, den Planeten zu retten, sondern weil es ein handfester sozialer Vorteil wäre, der die Gesellschaft wirklich revolutionieren würde; auf eine Weise, die uns der Neoliberalismus zu Unrecht versprochen hat, indem menschliche kreative Energien freigesetzt würden. Es ist ja nicht so, als würden die Menschen mit den vier freien Stunden nichts anfangen – oder zumindest würde das nur ein geringer Teil tun.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn wir das moralische Konzept von Schulden überwinden: Ist es wirklich zu verhindern, dass es in einer globalen Wirtschaft reichere und ärmere Staaten geben wird und dadurch Machtgefälle entstehen?

Graeber: Solange wir Staaten haben, werden einige sicher mächtiger sein als andere. Das Problem sind für mich die unterschiedlichen Lebensstandards der Bevölkerung, die in diesen Staaten leben. Das eine führt aber zum anderen. Die mächtigen Staaten könnten die Probleme der globalen Armut ziemlich schnell lösen, wenn sie es denn wollten. Nur ein Gedankenexperiment: Was würde passieren, wenn wir alle Grenzkontrollen beseitigen würden? Jeder könnte auswandern, wohin er will. Wenn jeder Mensch aus Zambia oder Guatemala ungehindert in die USA oder nach Holland ziehen könnte, glauben Sie nicht, dass es die reicheren Länder sofort zu ihrer wichtigsten Aufgabe machen würden, die Menschen in Zambia oder Guatemala zu ermutigen, dort zu bleiben? Denen würde nichts einfallen? Natürlich würde denen etwas einfallen!

ZEIT ONLINE: Was sagt es eigentlich über die Ökonomie als Wissenschaft aus, dass diese zur Stunde ihres potenziell größten Auftritts fast alle Antworten auf die Fragen nach dem Wieso, dem Wohin, schuldig bleibt?

Graeber: Ich frage mich ernsthaft, ob es sich tatsächlich um eine Wissenschaft handelt. Sie bietet ein oder zwei nützliche Erklärungen dafür, wie sich Menschen unter bestimmten Umständen verhalten. Aber im Großen und Ganzen geht es eher darum, Menschen beizubringen, wie sie sich zu verhalten haben, als ihr Verhalten zu beschreiben. In der Ökonomie geht es um Macht. Es geht nicht darum, Alternativen zu entwickeln. Es ist das mächtigste Instrument, das die Eliten benutzt haben, um uns davon zu überzeugen, dass es keine Alternative gibt. Deshalb hatten sie auch nichts zu sagen, als nach dem ganzen Jubel das System zusammenbrach.

ZEIT ONLINE: Ist eine ökonomische Theorie denkbar, die sich den gegenwärtigen Bedingungen anpasst?

Graeber: Was häufig als ökonomische Theorien bezeichnet wird, sind in Wahrheit politische Ideologien. Im Moment dominiert eine bestimmte Theorieschule. Wenn sie diskreditiert wird, erfindet sie sich nicht neu, sondern sie führt einen neuen Angriff auf ihre Gegner. Deshalb werden die Vertreter der heterodoxen Ökonomie, die den Crash vor 2008 vorhergesagt hatten, weiterhin an den Rand gedrängt. Ich vermute, dass so auch die heftigen Attacken auf das Hochschulwesen in den USA und Großbritannien zu erklären sind. Sie wollen die totale ideologische Kontrolle über diese Institutionen erlangen, die eventuell eine Alternative anbieten könnten. Nur damit sie sagen können, es gebe keine.