Indien : Grüner Strom statt Kochen mit Dung

Indien will die Stromversorgung verbessern und baut das Netz aus. Doch darüber vernachlässigt die Regierung die dezentrale Energieerzeugung.
An einer Straße in den Außenbezirken von Hyderabad verkauft ein Junge Diesel und Benzin aus Plastikflaschen. © Noah Seelam/AFP/Getty Images

Die meisten von uns können sich ein Leben ohne Strom kaum vorstellen – aber für 1,3 Milliarden Menschen, fast 20 Prozent der Weltbevölkerung, ist es traurige Realität. Etwa doppelt so viele sind, um kochen zu können, auf traditionelle Brennstoffe wie Holz, Holzkohle, Tierdung und Pflanzenreste angewiesen. Hätten sie Zugang zu Elektrizität und sauberen Kochgelegenheiten, könnte sich ihr Leben entscheidend verbessern.

Die Vereinten Nationen haben es sich zum Ziel gesetzt, die Energieversorgung der Armen zu verbessern. Ihre Initiative Nachhaltige Energie für alle basiert auf drei Säulen: der allgemeine Zugang zu modernen Energieformen soll gesichert und die Energieeffizienz verdoppelt werden, ebenso wie der Anteil erneuerbarer Energien am globalen Energiemix. Im Zentrum der Initiative steht die Förderung von Partnerschaften zwischen nationalen Regierungen und der Privatwirtschaft, der Zivilgesellschaft und Entwicklungspartnern. Mit ihrer Hilfe soll Energiepolitik so gestaltet werden, dass sie Investitionen und den Aufbau von Kompetenzen befördert.

Die entscheidende Frage ist, inwiefern sich die neuen Partnerschaften von den bestehenden unterscheiden, die zum Erhalt des Status quo beitragen.

Indiens Energiebedarf wächst rasant

Für Indien, das gerade einen Mega-Stromausfall erlebte, sind die Ziele der UN-Initiative besonders wichtig: Aufgrund des rasanten Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums ist davon auszugehen, dass sich der Energiebedarf des Landes bis 2030 verdoppelt. Bislang bezieht Indien einen Großteil seines Stroms aus Kohlekraftwerken und investiert auch weiterhin in technisch veraltete Kraftwerke. Damit es nicht zu der daraus erwarteten Verdreifachung des CO2-Ausstoßes kommt, muss Indien das Potenzial seiner erneuerbaren Energien ausschöpfen und die Energieeffizienz steigern.

Zugleich leben nirgendwo so viele Menschen ohne Energieversorgung wie in Indien. Etwa 300 Millionen Menschen sind von Energiearmut betroffen, das heißt sie haben keinen Zugang zu modernen Energieformen. Mehr als 65 Prozent der Bevölkerung kochen mit traditionellen Brennstoffen.

Die Autoren

Shikha Bhasin und Dr. Oliver Johnson sind Wissenschaftliche Mitarbeiter in der Abteilung "Wettbewerbsfähigkeit und soziale Entwicklung" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).

Das indische Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die UN-Ziele zu verwirklichen. Das beginnt damit, dass es kompliziert ist, den "Zugang zu modernen Energieformen" zu schaffen und zu messen. Die meisten von Energiearmut betroffenen Menschen haben ein sehr geringes Einkommen und leben auf dem Land. Geografisch und ökonomisch an den Rand gedrängt, haben sie kaum Einfluss auf Entscheidungsfindungsprozesse in Indiens traditionell hierarchischem Machtgefüge.

Der Grad der ländlichen Elektrifizierung wird in Indien auf Dorfebene ermittelt. Entscheidend ist, ob ein funktionsfähiges Versorgungsnetz existiert, Strom an öffentlichen Orten verfügbar ist und mindestens zehn Prozent der Haushalte ans Stromnetz angeschlossen sind. Diese Form der Berechnung erfasst jedoch nicht alle Aspekte: Unberücksichtigt bleiben die Qualität und Dauer der Stromversorgung und die Zahl derjenigen, die sich einen privaten Stromanschluss leisten können.

Die Regierung beziffert den Grad der Elektrifizierung indischer Dörfer auf mehr als 83 Prozent. Tatsächlich aber haben 45 Prozent der ländlichen Haushalte keinen Zugang zu Strom, und mehr als eine Million Haushalte leben ohne irgendeine Form von moderner Energie oder elektrischem Licht.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich vermisse,

in diesem Beitrag doch etwas die tatsächlichen Verhältnisse in Indien. Zur Zeit wird 50% der Energie durch Kohleverbrennung erzeugt und 25% durch Öl. Viehdung, Holz und anderes (Windkraft, Wasserkraft) machen 20% und KKW 5% des Energiemixes aus. Also kann man Viehdung eigentlich fast vergessen. Wenn man die damit (durch die komplette Energieerzeugung) verbundene Zerstörungen der Natur betrachtet, schon erschreckend. Dennoch, wenn man sieht, wie schwer sich der Ausbau von regenerativen Energien in Deutschland gestaltet (trotz immenser Subventionen), weiß ich nicht wie das in den ärmsten Teilen Indiens geschehen soll, und wäre sowieso nur ein Tropfen auf dem heißen Stein der Klimabilanz. Indien muss weg von 75% der Energieversorgung durch fossile Brennstoffe. Nicht zuletzt deswegen bauen die neue KKW's, was man ja hier bei uns nicht verstehen kann.
Ein lesenswerter Beitrag dazu, vom Dalai Lama persönlich.
http://blogs.wsj.com/japa...
Außerdem darf man auch nicht vergessen, dass in Indien auch die Verstäterung (Landflucht) stattfindet und weiterhin zunimmt.

Unter energetischen

Gesichtspunkte wäre wohl vorerst grüner Strom UND kochen mit Dung am günstigsten, oder? Der grüne Strom müsste schon sehr grün und in größer Masse verfügbar sein um 'besser' zu sein als Kochen mit Dung.
Letzteres ist eh ein 'grünes' Abfallprodukt (wenn nicht als Dünger benutzt), desweiteren fallen bei der Umwandlung von Wärme in Strom und bei der Übertragung von diesem Verluste an.

Lasse mich aber gerne vom Gegenteil belehren.

Mehrere Fragen

Beschreibt die Überschrift des Artikels überhaupt ein realistisches Szenario?
Als Modernisierungsansätze kennt man Spar-Öfen für eben die traditionellen Brennstoffe. (Ganz am Rande gefragt: ist Rinderdung keine regenerative Energie? Die grasende Kuh gehört auch bei uns ja mit zum Wohlfühl-Image der Biogas-Erzeuger. Sollte also diese Schiene kein Modernisierungspotential enthalten?)
Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von Strom für Kochzwecke scheint in Drittweltländern eher nicht gegeben zu sein. Eher scheint ja weltweit, wenn die Strukturen ein bisschen urban sind, das Kochen mit Gas aus der Flasche weit verbreitet zu sein.
Insofern scheint es zweifelhaft, ob auch unter indischen Verhältnissen der Strom aus dem PV-Modul wirtschaftlicher sein kann als das Gas aus der Flasche.
Dann ist Indien neben der Kohle ja noch ein Atom-Land. Das wird im Artikel ja gar nicht erwähnt. Hat sich da etwas grundlegend geändert? Für die urbanen Ballungen wird man alles nehmen, was zu bekommen ist.

Wenn bei uns Holz verheizt wird,

nennt man das klimaneutral.
Was macht ein Dungfeuer (eine brauchbare Feuerstelle vorausgesetzt) jetzt so schädlich?
Ist so ein Dungfeuer nicht eigentlich eine ideale dezentralisierte Energielösung mit regionalen Rohstoffen.
Sollte man zunächst nicht besser die Dungöfen/Kochstellen opitimieren und ergänzend Solarkocher beistellen statt über große Nachhaltigkeitsstromnetze zu reden?