IndienGrüner Strom statt Kochen mit Dung

Indien will die Stromversorgung verbessern und baut das Netz aus. Doch darüber vernachlässigt die Regierung die dezentrale Energieerzeugung. von Sikha Bhasin und Oliver Johnson

An einer Straße in den Außenbezirken von Hyderabad verkauft ein Junge Diesel und Benzin aus Plastikflaschen.

An einer Straße in den Außenbezirken von Hyderabad verkauft ein Junge Diesel und Benzin aus Plastikflaschen.  |  © Noah Seelam/AFP/Getty Images

Die meisten von uns können sich ein Leben ohne Strom kaum vorstellen – aber für 1,3 Milliarden Menschen, fast 20 Prozent der Weltbevölkerung, ist es traurige Realität. Etwa doppelt so viele sind, um kochen zu können, auf traditionelle Brennstoffe wie Holz, Holzkohle, Tierdung und Pflanzenreste angewiesen. Hätten sie Zugang zu Elektrizität und sauberen Kochgelegenheiten, könnte sich ihr Leben entscheidend verbessern.

Die Vereinten Nationen haben es sich zum Ziel gesetzt, die Energieversorgung der Armen zu verbessern. Ihre Initiative Nachhaltige Energie für alle basiert auf drei Säulen: der allgemeine Zugang zu modernen Energieformen soll gesichert und die Energieeffizienz verdoppelt werden, ebenso wie der Anteil erneuerbarer Energien am globalen Energiemix. Im Zentrum der Initiative steht die Förderung von Partnerschaften zwischen nationalen Regierungen und der Privatwirtschaft, der Zivilgesellschaft und Entwicklungspartnern. Mit ihrer Hilfe soll Energiepolitik so gestaltet werden, dass sie Investitionen und den Aufbau von Kompetenzen befördert.

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Die entscheidende Frage ist, inwiefern sich die neuen Partnerschaften von den bestehenden unterscheiden, die zum Erhalt des Status quo beitragen.

Indiens Energiebedarf wächst rasant

Für Indien, das gerade einen Mega-Stromausfall erlebte, sind die Ziele der UN-Initiative besonders wichtig: Aufgrund des rasanten Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums ist davon auszugehen, dass sich der Energiebedarf des Landes bis 2030 verdoppelt. Bislang bezieht Indien einen Großteil seines Stroms aus Kohlekraftwerken und investiert auch weiterhin in technisch veraltete Kraftwerke. Damit es nicht zu der daraus erwarteten Verdreifachung des CO2-Ausstoßes kommt, muss Indien das Potenzial seiner erneuerbaren Energien ausschöpfen und die Energieeffizienz steigern.

Zugleich leben nirgendwo so viele Menschen ohne Energieversorgung wie in Indien. Etwa 300 Millionen Menschen sind von Energiearmut betroffen, das heißt sie haben keinen Zugang zu modernen Energieformen. Mehr als 65 Prozent der Bevölkerung kochen mit traditionellen Brennstoffen.

Die Autoren

Shikha Bhasin und Dr. Oliver Johnson sind Wissenschaftliche Mitarbeiter in der Abteilung "Wettbewerbsfähigkeit und soziale Entwicklung" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).

Das indische Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die UN-Ziele zu verwirklichen. Das beginnt damit, dass es kompliziert ist, den "Zugang zu modernen Energieformen" zu schaffen und zu messen. Die meisten von Energiearmut betroffenen Menschen haben ein sehr geringes Einkommen und leben auf dem Land. Geografisch und ökonomisch an den Rand gedrängt, haben sie kaum Einfluss auf Entscheidungsfindungsprozesse in Indiens traditionell hierarchischem Machtgefüge.

Der Grad der ländlichen Elektrifizierung wird in Indien auf Dorfebene ermittelt. Entscheidend ist, ob ein funktionsfähiges Versorgungsnetz existiert, Strom an öffentlichen Orten verfügbar ist und mindestens zehn Prozent der Haushalte ans Stromnetz angeschlossen sind. Diese Form der Berechnung erfasst jedoch nicht alle Aspekte: Unberücksichtigt bleiben die Qualität und Dauer der Stromversorgung und die Zahl derjenigen, die sich einen privaten Stromanschluss leisten können.

Die Regierung beziffert den Grad der Elektrifizierung indischer Dörfer auf mehr als 83 Prozent. Tatsächlich aber haben 45 Prozent der ländlichen Haushalte keinen Zugang zu Strom, und mehr als eine Million Haushalte leben ohne irgendeine Form von moderner Energie oder elektrischem Licht.

Leserkommentare
  1. in diesem Beitrag doch etwas die tatsächlichen Verhältnisse in Indien. Zur Zeit wird 50% der Energie durch Kohleverbrennung erzeugt und 25% durch Öl. Viehdung, Holz und anderes (Windkraft, Wasserkraft) machen 20% und KKW 5% des Energiemixes aus. Also kann man Viehdung eigentlich fast vergessen. Wenn man die damit (durch die komplette Energieerzeugung) verbundene Zerstörungen der Natur betrachtet, schon erschreckend. Dennoch, wenn man sieht, wie schwer sich der Ausbau von regenerativen Energien in Deutschland gestaltet (trotz immenser Subventionen), weiß ich nicht wie das in den ärmsten Teilen Indiens geschehen soll, und wäre sowieso nur ein Tropfen auf dem heißen Stein der Klimabilanz. Indien muss weg von 75% der Energieversorgung durch fossile Brennstoffe. Nicht zuletzt deswegen bauen die neue KKW's, was man ja hier bei uns nicht verstehen kann.
    Ein lesenswerter Beitrag dazu, vom Dalai Lama persönlich.
    http://blogs.wsj.com/japa...
    Außerdem darf man auch nicht vergessen, dass in Indien auch die Verstäterung (Landflucht) stattfindet und weiterhin zunimmt.

    2 Leserempfehlungen
  2. Gesichtspunkte wäre wohl vorerst grüner Strom UND kochen mit Dung am günstigsten, oder? Der grüne Strom müsste schon sehr grün und in größer Masse verfügbar sein um 'besser' zu sein als Kochen mit Dung.
    Letzteres ist eh ein 'grünes' Abfallprodukt (wenn nicht als Dünger benutzt), desweiteren fallen bei der Umwandlung von Wärme in Strom und bei der Übertragung von diesem Verluste an.

    Lasse mich aber gerne vom Gegenteil belehren.

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    • otto_B
    • 31. Juli 2012 10:44 Uhr

    Beschreibt die Überschrift des Artikels überhaupt ein realistisches Szenario?
    Als Modernisierungsansätze kennt man Spar-Öfen für eben die traditionellen Brennstoffe. (Ganz am Rande gefragt: ist Rinderdung keine regenerative Energie? Die grasende Kuh gehört auch bei uns ja mit zum Wohlfühl-Image der Biogas-Erzeuger. Sollte also diese Schiene kein Modernisierungspotential enthalten?)
    Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von Strom für Kochzwecke scheint in Drittweltländern eher nicht gegeben zu sein. Eher scheint ja weltweit, wenn die Strukturen ein bisschen urban sind, das Kochen mit Gas aus der Flasche weit verbreitet zu sein.
    Insofern scheint es zweifelhaft, ob auch unter indischen Verhältnissen der Strom aus dem PV-Modul wirtschaftlicher sein kann als das Gas aus der Flasche.
    Dann ist Indien neben der Kohle ja noch ein Atom-Land. Das wird im Artikel ja gar nicht erwähnt. Hat sich da etwas grundlegend geändert? Für die urbanen Ballungen wird man alles nehmen, was zu bekommen ist.

    3 Leserempfehlungen
  3. nennt man das klimaneutral.
    Was macht ein Dungfeuer (eine brauchbare Feuerstelle vorausgesetzt) jetzt so schädlich?
    Ist so ein Dungfeuer nicht eigentlich eine ideale dezentralisierte Energielösung mit regionalen Rohstoffen.
    Sollte man zunächst nicht besser die Dungöfen/Kochstellen opitimieren und ergänzend Solarkocher beistellen statt über große Nachhaltigkeitsstromnetze zu reden?

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  4. Wenn die Inder sie nicht nutzen, tun wir es. Wenn nicht wir, dann die Amerikaner. Wenn nicht die, dann die Chinesen.

    Klar ist, die bleibt nicht liegen.

    Wenn Demokratie zu Reichtumsverteilung führen würde, hätte das in Indien schon lange passieren müssen. Die traurige Wahrheit ist, dass die dortigen Eliten so eigennützig sind, wie die Eliten überall auf der Welt.

    Wenn wir Griechenland oder Spanien ansehen, sehen wir bestätigt, Demokratie schützt auch nicht vor planmäßiger Verarmung breiter Bevölkerungsschichten zum Nutzen der Elite.

    In Deutschland hatten wir lediglich das Glück, dass die Verarmung weniger den Charakter eines nächtlichen Überfallkommandos hatte, sondern die rot-grüne Regierung sich alle Mühe gab, dem Volk die Entmachtung über benachteiligende Arbeitsgesetze und gleichzeitige Entfesselung der Finanzmärkte als notwendig für die Entwicklung Deutschlands als führende Exportnation zu verkaufen

    Es hat geklappt. Noch heute freuen sich viele SPDler, dass zwar die Wirtschaft boomt, die Rente aber planmäßig jährlich schrumpft. Wenn die Leute rechnen und schreiben können, heißt das nicht, dass man sie weniger erfolgreich ausbeuten könnte

    In Indien herrscht vergleichsweise Goldgräberstimmung. Die dortigen Eliten verkaufen Indien mit Verweis auf das Raumfahrtprogramm in Bangalore als Hochtechnolgieland, außerdem wird Reis exportiert, aber hinter der nächsten Müllkippe hungern die Menschen. Im Westen freut man sich über billigen Telefonsupport und Duftreis und schweigt

    Eine Leserempfehlung
  5. Indien hockt auf gigantischen Thorium-Reserven und wird diese in 40 neuen Atomkraftwerken zu Elektrizität machen.
    Alles was daran grün ist, ist vielleicht das nächtliche Leuchten der in der Nähe wohnenden Menschen.

    http://phys.org/news20514...
    http://www.spiegel.de/wis...

    • illyst
    • 01. August 2012 8:50 Uhr

    Es gibt nichts dümmeres als mit Strom zu kochen/heizen. Da wird Wasser gekocht um daraus, wie es moppelg schon sagte, mit Verlust Strom zu erzeugen, nur um dann Zuhause doch wieder Wasser damit zu kochen.

    Wie Grün darf denn der Strom sein, um so demokratisch cool wie wir die Freiheit besitzen einen gekauften E-Herd benützen zu können?
    Grüner, als mit Kacke zu heizen geht nicht, da hilft es auch nicht Solaranlagen und Windräder aufzustellen, deren Rohstoffe werden nämlich ohne Bio-Zertifikat ausgebuddelt und bis die einmal stehen haben die ne ganze Menge Bäumen auf den Gewissen, und die WAREN voll grün.

    Die sollen sich erstmal ein vernünftiges Stromnetz aufbauen, ohne dasses grün ist denn das können die sich eh nicht leisten. Und wenn das getan ist kümmert man sich um die Armut, Hunger ist nämlich auch nicht grün.

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    • mjakobs
    • 01. August 2012 12:33 Uhr

    Zu den zentralen Faktoren, die die Energiepolitik und -Entwicklung in unseren sogenannten Demokratien bestimmen, gehört die Lobby-Steuerung durch die großen Banken und Konzerne. Der sind die "demokratisch gewählten" Politiker nachgeordnet: sie sind an einem ordentlichen Einkommen und Alterssicherung interessiert.

    Aus diesem Grund sind die Chancen für eine auskömmliche Energieversorgung der einfachen Bevölkerung in Indien minimal. Die realisierten Lösungen hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine maximale Rendite für Investoren und Kraftwerksbetreiber abwerfen und dass sie satte Provisionen für die Politiker, die die "demokratischen" Kontrollinstanzen besetzen, bringen.

    Erst wenn diese Voraussetzungen gesichert sind, folgt die Entscheidung über Energieerzeugung / Energieträger. Diese Vorgaben berücksichtig stehen natürlich Nuklearenergie und Kohle im Vordergrund des Interesses

    Sollten (unwahrscheinlicherweise) einmal die Interessen der Landbevölkerung berücksichtigt werden, dann würde die Entscheidung fallen zugunsten von dezentraler Sonnen- Wind- und Bioenergie. Photovoltaik erzeugt heute Strom für 4ct / kWh (die Modulpreise auf 20 Jahre gerechnet) und ist damit unschlagbar. Kernkraft kommt hingegen auf weit über 10 Cent, ebenso wie Kohle (wenn deren Nebenkosten einkalkuliert werden).

    Dennoch wird die Entscheidung für Letztere fallen, da hier die Margen der Konzerne und "Provisionen" der Politiker gesichert sind.

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