Im Kampf gegen die Finanz- und Schuldenkrise hat die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals ihren Leitzins von 1,0 auf 0,75 Prozent gesenkt. Damit liegt der Schlüsselzins für die Banken erstmals in der EZB-Geschichte unter einem Prozent, teilte die EZB mit.

Mit niedrigen Zinsen will die EZB die Kreditvergabe in der Euro-Zone ankurbeln und auf diesem Wege die schwachen Konjunktur in einer Reihe von Mitgliedsländern anregen. Bereits bei der Sitzung des Zentralbankrates vor einem Monat hatten sich einige Notenbank-Chefs von Euro-Ländern für niedrigere Zinsen ausgesprochen. Der Leitzins bestimmt die Konditionen, zu denen sich Banken und Sparkassen bei der Zentralbank mit Geld versorgen können. Zahlreiche Finanzexperten hatten angesichts der lahmenden Konjunktur in der Euro-Zone mit einem solchen Schritt gerechnet.

An den Börsen schuf die Zinssenkung nur vorübergehend gute Stimmung. Zunächst profitierte der Dax von der Hoffnung auf niedrigere Zinsen: Der Leitindex stieg schon, bevor die EZB ihren Schritt verkündete. Doch später drehte die Stimmung, und am Ende des Handelstages notierte der Dax wieder im Minus.

Beschleunigt wurde seine Abwärtsbewegung, nachdem EZB-Präsident Mario Draghi ein weiterhin schwaches Wachstum in der Euro-Zone konstatiert und von einer hohen Unsicherheit und einem belasteten Vertrauen gesprochen hatte. Enttäuschende Wirtschaftsdaten aus den USA belasteten die Stimmung am Aktienmarkt zusätzlich.

Bank of England kauft Anleihen

Die Zentralbank Großbritanniens beließ ihren Leitzins auf dem Tiefstand von 0,5 Prozent. Jedoch weitete die Bank of England ihr Programm zur Belebung der heimischen Konjunktur um 50 Milliarden Britische Pfund (62 Milliarden Euro) aus. Dafür kauft die Zentralbank etwa Staats- und Unternehmensanleihen ebenfalls mit dem Ziel auf, die Kreditvergabe der Banken an die Wirtschaft anzukurbeln.

Bereits vergangene Woche hatte die EZB ihre Anforderungen an die Sicherheiten reduziert, die Banken bei ihr als Pfand für Liquidität abgeben müssen. Der Schritt zielte nach Einschätzung von Fachleuten darauf ab, vor allem den spanischen Banken zu helfen.

"Rein ökonomisch dürfte der Effekt der Zinssenkung gering sein", sagte Volkswirt Thomas Amend von HSBC Trinkaus. Die Kappung des Leitzinses dürfte eher psychologische Effekte haben, denn die Zinsen seien schon vorher extrem niedrig gewesen. "Die Politik ist weiterhin am Zug, die Beschlüsse des EU-Gipfels umzusetzen und weitere Maßnahmen gegen die Schuldenkrise zu finden." Händler Markus Huber von ETX Capital nannte die Zinssenkung der EZB ebenfalls einen psychologisch wichtigen Schritt. Er warnte aber, dass die Maßnahmen der Notenbanken in Europa und China nicht ausreichten, um die Wirtschaft weltweit anzukurbeln.

Der Spielraum der Währungshüter sei nach der Zinssenkung weiter geschrumpft, sagte Marktexperte Andreas Lipkow von MWB Fairtrade. "Viel trockenes Pulver ist jetzt nicht mehr vorhanden. Man kann nur hoffen, dass sich die konjunkturelle Entwicklung bald wieder fängt." Gegen die Euro-Krise stünden der Notenbank außer der Möglichkeit, erneut Anleihen von Krisenländern zu kaufen, kaum noch schlagkräftige Instrumente zur Verfügung.