Forensische ÖkonomieVolkswirte auf Verbrecherjagd

Ob illegaler Waffenhandel oder Steuerhinterziehung – Ökonomen suchen immer häufiger auch nach Verbrechern. Die forensische Ökonomie ist ein boomender Forschungszweig. von Malte Buhse

Auch als Ökonom hätte Sherlock Holmes eine gute Figur gemacht. Er hatte alles, was ein Forscher braucht: einen messerscharfen Verstand, gute Theorien und einen genauen Blick für die empirische Datenlage. Kein Wunder also, dass immer mehr Ökonomen in die Fußstapfen des berühmtesten Ermittlers der Literaturgeschichte treten und zu Detektiven werden. Forensische Ökonomie heißt die Fachrichtung, bei der Wirtschaftsforscher Verbrechen aufdecken.

Vom Grabräuber bis zum Waffenhändler haben sie schon viele Täter überführt. Ihre schärfste Waffe dabei ist die Ökonometrie . Mit statistischen Werkzeugen können Ökonomen in großen Datensätzen Hinweise auf Verbrechen finden. So decken sie zum Beispiel mit Börsendaten illegalen Waffenhandel auf.

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Die Forscher Stefano Della Vigna ( Berkeley ) und Eliana La Ferrara (Universität Bocconi) analysierten die Aktienkurse von Rüstungsfirmen und stellten fest, dass die Kurse einiger Waffenproduzenten nach dem Ausbruch von Bürgerkriegen nach oben schnellten – obwohl Waffenlieferungen in die Konfliktstaaten verboten waren. Ein Indiz dafür, dass die Firmen sich nicht an das Embargo hielten, so die Forscher. "Firmeninsider und Investoren wissen oft gut über illegalen Handel Bescheid", so Della Vigna.

Auch Grabräuber müssen sich vor cleveren Ökonomen in Acht nehmen. Raymond Fisman und Shang-Jin Wei von der Columbia Universität konnten mit Hilfe von Zollerklärungen Schmuggel von archäologischen Funden aus Ländern wie Ägypten , Iran und Griechenland aufdecken. Weil die US-Behörden auf historische Artefakte keine Zölle erheben, melden Grabräuber ihre Fundstücke bei der Einreise in die USA oft ordnungsgemäß an.

Beim Verlassen der Herkunftsländer schleusen die Schmuggler ihre heiße Ware hingegen meistens am Zoll vorbei. Viele Artefakte werden also den US-Behörden als Import gemeldet, während sie auf den Listen der Zollbehörden in Ägypten oder Griechenland fehlen. Die Ökonomen maßen diese Lücke und gaben Ermittlungsbehörden wertvolle Hinweise, wo Schmuggler besonders aktiv sind.

Leserkommentare
    • a.bit
    • 09. Juli 2012 16:28 Uhr

    ..."zeigte, dass Selbstständige in den USA oft knapp unter dem Freibetrag bei der Einkommensteuer bleiben. Das lege den Verdacht nahe, dass viele Freiberufler einen Teil ihres Einkommens verschweigen, um nicht steuerpflichtig zu werden."

    Oder sie lassen, wenn sie merken, dass sie knapp über die Grenze kommen würden, es zum Ende des Steuerjahres hin einfach öfter mal ruhiger angehen, um sich nicht noch extra Steuererklärungs-Arbeit aufzuhalsen?

    Erinnert mich an die Untersuchung durchschnittlicher Wartezeiten in britischen Krankenhäusern (nein, leider kein Link zur Hand), bei der die Kurve #Patienten vs. Wartezeit kurz vor der 4-Stunden-Marke einen Ausschlag nach oben und kurz dahinter ein Tal hatte und ansonsten über den 2-6h-Bereich gleichmäßig flach abfiel: Es gab einfach ein Performance-Kriterium "Anzahl Patienten, die länger als 4 Stunden warten mussten". Ist o.g. Ausschlag dann Betrug oder bloß Zeichen kurzfristigen Sich-ins-Zeug-Legens, wenn ein Arzt merkt, dass er gerade so vor der 4h-Marke fertig werden könnte?

  1. Schön, das man 80 Jahre später diese Idee wieder aufgegriffen hat.
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    Nur als Hesse sollt man da vorsichtig sein. Da kann solcher scharfsinn sehr schnell in eine begutachtete, signifikante geistige Störung umschlagen. Dann hängt man berufsunfähig mit einer kleinen Rente rum und muss sich als Steuerberater durchschlagen.
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    Dazu reicht die geistige Gesundheit (siehe hess. Steuerberaterkammer) ja immer noch:-(((
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    Wie wäre es mal mit einer schlagkräftigen Steuerfahndergruppe? Sie machen sich mit 400-1.000% bezahlt, wenn man die nur lässt!
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    Aber ehrliche Steuerzahler sind genau so häufig wie 5ßKm Fahrer im Stadverkehr:)

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