Der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler während eines Besuchs in Athen im Oktober 2011 © Yiorgos Karahalis/Reuters

Antonis Samaras war nach einem Wutausbruch zumute. "Wir tun alles, was wir können, damit das Land wieder auf eigenen Beinen stehen kann, und sie tun alles, damit wir scheitern", schimpfte der griechische Ministerpräsident am Dienstagnachmittag im heimischen Fernsehen. Ob das "bewusst oder aus Dummheit" geschehe, wisse er nicht, aber in einem sei er sich sicher: "Sie werden es nicht schaffen."

"Sie", das sind der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und der Generalsekretär der CSU , Alexander Dobrindt . Rösler hatte in einem am Sonntag ausgestrahlten ARD-Interview gesagt, er sei "sehr skeptisch", was die Reformbemühungen der griechischen Regierung angehe. Selbst ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone sei mittlerweile vorstellbar und habe "längst seinen Schrecken verloren". Dobrindt hatte den Griechen da schon empfohlen, die Drachme als Parallelwährung einzuführen. Gewissermaßen für den Fall der Fälle.

Das sind neue Töne. Monatelang hatte in der deutschen Politik das Wort des Finanzministers Wolfgang Schäuble gegolten, wonach der Austritt eines Euro-Landes "der Anfang vom Ende einer gemeinsamen Währung" sei. Jetzt bringt erstmals ein Minister einen solchen Schritt offensiv ins Spiel. Aus Regierungskreisen heißt es, noch mehr Hilfe für Athen sei politisch nicht denkbar. Und der CDU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder ließ am Dienstag wissen, es gebe für Griechenland "keine Zugeständnisse mehr, weder in der Zeit noch in der Sache".

Griechenland spart wie nie zuvor

Dass der Ton zwischen Athen und Berlin rauer wird, liegt vor allem an den Versäumnissen der griechischen Regierung. Zwar hat Griechenland drastischer und konsequenter gespart als jedes andere Euro-Land: Das Primärdefizit, also der laufende Haushalt ohne Zins- und Tilgungszahlungen, sank zuletzt von mehr als zehn auf rund zwei Prozent . Nach Berechnungen der Industrieländer-Organisation OECD hat das Land seine Staatsausgaben seit 2009 um mehr als zehn Prozent seiner Wirtschaftsleitung gesenkt – mitten in einer tiefen Rezession. "Es würde mich nicht wundern, wenn Griechenland es bald alleine schafft", sagt Daniel Gros, Ökonom am Centre for European Policy Studies.

Dennoch sind etliche Reformvorhaben liegen geblieben, unter anderem wegen des Wahlkampfes im Frühjahr. Viele der versprochenen Privatisierungen bleiben aus, weil sie an die Pfründen politischer Amtsträger rühren. Auch die Liberalisierung des Dienstleistungssektors kommt – anders als versprochen – nur langsam voran.

Jetzt klafft eine zweistellige Milliardenlücke im Sanierungsprogramm des Landes, und es geht um die Frage, wer sie schließen soll: Griechenland selbst, indem es noch mehr spart – oder die anderen Euro-Länder, indem sie weitere Kredite nach Athen vergeben. Letzteres würde auf ein drittes Hilfsprogramm für Griechenland hinauslaufen. Das aber, so heißt es aus Regierungskreisen, sei "einfach nicht vorstellbar".

Wohl deshalb droht Berlin jetzt mit der großen Keule: Mit Staatsbankrott und Euro-Austritt , wohlwissend, dass die Regierung in Athen alles tun wird, um ein solches Szenario zu verhindern. "Die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Griechen den Euro behalten wollen", sagt Ökonom Gros. Er begreift die aktuelle Debatte als Verhandlungsspiel: Athen solle dazu gezwungen werden, die "letzten Schritte zu gehen", um den eigenen Haushalt auszugleichen und die Reformen im Land voran zu treiben. Die Drohung mit dem Staatsbankrott ist für die Euro-Retter der letzte Hebel, um das Bollwerk von Korruption und politischer Patronage aufzubrechen.