Der Südhafen auf Helgoland, künftiger Standort der Offshore-Windenergiefirmen © Marlies Uken/ZEIT ONLINE

Jörg Singer stürmt die Treppe hinauf vom Unterland zum Oberland. Mindestens 200 Treppenstufen sind es zu den bekannten Felsklippen Helgolands. Dicke Regentropfen rinnen ihm über seine schwarze Designerbrille, Mantel und Jeans sind durchnässt. Es regnet, es tost. Der komplette Schiffsverkehr ist eingestellt. Unten im Südhafen lässt der Wind die Takelage singen.

Oben angekommen, dreht sich der 45-Jährige um und zeigt mit ausgestrecktem Arm zum Südhafen. "Dort entsteht das neue Hafengelände für die Offshore-Firmen", schreit er gegen den Wind. Sein Zeigefinger wandert nach Westen, Richtung Mittelland. Singer deutet auf graue Rohbauten, Appartements, die der Energiekonzern RWE für seine Mitarbeiter baut. " Helgoland wird die erste Offshore-Serviceinsel der Welt." Trotz Windstärke acht ist der Stolz nicht zu überhören. 

Seit zwei Jahren ist Singer Bürgermeister der einzigen Hochseeinsel Deutschlands, 60 Kilometer vom Festland entfernt. Wenn das Projekt Energiewende in Deutschland klappen soll, dann braucht es wohl Typen wie ihn: sturmerprobt und wetterfest. Ein Mann, der große Pläne für Helgoland hat. Sein neues Amt trat Singer mit der Vision "HelGOland" an. 200 neue Jobs will er bis 2020 schaffen. Die Insel soll CO2-neutral werden.

Nordsee - Tourismus auf Helgoland

Singer steht für das neue Helgoland. Das alte lernt man kennen, wenn man mit ihm über die Insel spaziert. Im Nieselregen läuft der Bürgermeister durch die schmalen Gassen im Unterland; vorbei an Häuschen, an denen der Putz abblättert, an der Schokoladenmanufaktur, die einen Nachfolger sucht, an leer stehenden Ladenlokalen. In der Hauptstraße Lung Wai schlappen Touristen lustlos an Whiskyläden, Imbissbuden und Parfümerien vorbei.

In den achtziger Jahren hatte Helgoland den Spitznahmen Fuselfelsen. Eine kleine Armada von Fährschiffen karrte morgens bis zu 10.000 Touristen heran, die sich auf der Insel günstig mit zollfreiem Whisky in XXL-Flaschen und Zigaretten eindeckten. Ein vom Staat subventionierter Sauftourismus. Die Gastronomen, Reeder und Spirituosenhändler brachten das Geld in vollen Plastiktüten zurück aufs Festland. In die Insel wurde nur wenig investiert.

Die Besucherzahlen haben sich seitdem halbiert. Wer nimmt schon für ein paar zollfreie Buddeln Schnaps eine mehrstündige, teure Schiffsreise in Kauf, um am Ende auf einer Rentnerinsel zu laden? Immerhin ist der durchschnittliche Inselbewohner mittlerweile 58 Jahre alt. Die Deutschen verbringen ihren Urlaub lieber an der Ostsee oder auf Mallorca . Trotzdem lebt der größte Teil der Helgoländer immer noch von den Gästen vom Festland.