AOK-Verbandschef"Ich will mehr Wettbewerb"

Das Gesundheitssystem braucht mehr Wettbewerb, sagt AOK-Chef Jürgen Graalmann. Im Interview spricht er über Abzocke beim Arzt und die Vorteile der gesetzlichen Kassen. von Heike Jahberg und Rainer Woratschka

Frage: Herr Graalmann, die Kassen schwimmen in Geld . Wann geben Sie den Versicherten etwas davon zurück?

Jürgen Graalmann: Die Überschüsse haben vor allem drei Ursachen: die gute Konjunktur, die zu steigenden Einnahmen führt, gesetzliche Sparmaßnahmen bei Arzneimitteln und Einsparungen durch Rabattverträge zwischen Kassen und Pharmafirmen. Wenn man den Gesundheitsfonds und die Rücklagen aller gesetzlichen Kassen zusammenrechnet, kommen wir auf knapp 20 Milliarden Euro. Das klingt viel, liegt aber immer noch unter dem, was gesetzlich vorgegeben ist. Nach dem Sozialgesetzbuch sollen die Kassen Rücklagen von 1,5 Monatsbeiträgen aufbauen.

Anzeige

Frage: Wie viel wäre das?

Graalmann: 23 Milliarden Euro. Wir haben also noch nicht einmal das Soll erreicht, und trotzdem gibt es schon Begehrlichkeiten aus der Politik, wie man mit den Überschüssen verfahren soll – fast täglich neue Vorschläge und Forderungen nach Prämienausschüttungen an die Versicherten.

Frage: Die würden sich bestimmt freuen.

Graalmann: Ja, das Geld gehört den Versicherten und Beitragszahlern . Die Versicherten profitieren aber nicht von kurzatmigen Prämienausschüttungen, sondern von langfristig stabilen Beiträgen. Wer weiß denn schon, was die nächsten Jahre, auch vor dem Hintergrund der Euro-Krise, bringen.

Jürgen Graalmann

Jürgen Graalmann leitet den AOK-Bundesverband.

Frage: Schließen Sie für das AOK-System denn zumindest Zusatzbeiträge für 2013 aus?

Graalmann: Ich bin optimistisch, dass auch 2013 keine AOK Zusatzbeiträge braucht.

Frage: Obwohl es innerhalb der AOK-Familie ja sehr große Unterschiede gibt, was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit angeht…

Graalmann: Alle AOKs stehen solide da. Auch wenn es unterschiedliche Versicherten- und Versorgungsstrukturen in den Regionen gibt. Aber wir nutzen Synergien und unterstützen uns, wie es sich in einer guten Familie gehört. Wir tun dabei gut daran, unsere Stärke – die Regionalität – zu bewahren.

Frage: Bei der AOK Nordost, zu der auch Berlin gehört, reicht die Region von Stralsund bis Cottbus . Das ist riesig.

Graalmann: Die Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind aber durchaus vergleichbar. Wir legen Wert darauf, dass auf dem Land eine flächendeckende, ortsnahe hausärztliche Versorgung sichergestellt ist. Berlin ist dagegen mit Kliniken und Praxen sehr gut versorgt. Die AOK kümmert sich darum, wie die Versicherten in Brandenburg oder Mecklenburg von hoch qualifizierten Kliniken und Spezialisten in Berlin profitieren können. Die AOK bleibt in der Region präsent, auch wenn sich andere Kassen zurückziehen oder schließen.

Frage: Wie wollen Sie Hausärzte in die Provinz locken?

Graalmann: Das Problem lässt sich nicht mit Geld und Honorarzuwächsen allein lösen. Der durchschnittliche GKV-Umsatz der Hausärzte betrug zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr rund 240 000 Euro. Aber Ärzte, die bereit wären, aufs Land zu gehen , wollen Schulen und Kindergärten für ihre Kinder, eine vernünftige Infrastruktur, und der Lebenspartner braucht auch einen Job. Das Problem müssen die Gemeinden, die kassenärztlichen Vereinigungen und die Kassen gemeinsam lösen.

Leserkommentare
  1. der nach eigener Angabe solide dasteht, also keine drückenden Geldprobleme haben sollte, nach mehr Qualitätswettbewerb ruft, so frage ich ihn in solch einen Interview doch, was ihn daran hindert, diesen Wettbewerb in den Markt zu tragen.

  2. Stimmt.
    Die billigsten Hüftgelenke.
    Die billigsten Kniegelenke.

    Und billig operiert oft.

    Ich kann den neoliberalen Sch..ß nicht mehr hören.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...er spricht von einem Wettbewerb in Qualität und hat auch sehr konkrete Vorstellungen, die nicht so super neoliberal sind. Die Überschrift suggeriert zwar was anderes, aber im wesentlichen sind seine Positionen, na ja, ganz aktzeptabel.

  3. Meines Erachtens wäre eine komplette Reform des Gesundheitssystems von Nöten.
    Eine Kasse, die alles regelt. Keine Kassenärztliche Vereinigung die mehr die Zahlungsströme aller Kassen verwalten muss.
    Abschaffung des ganzen bürokratischen Wasserkopfs und der ganzen Prunkbauten. Ausgaben für Werbung sind dann auch nicht mehr notwendig.
    Danach kann man sich voll und ganz auf die Leistungen konzentrieren und spart sogar noch jede Menge Ausgaben.

    Eine Leserempfehlung
  4. ... nach Schweizer Modell:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Gruß
    S_R

  5. Ich finde es auch schade, dass hier die Grundsatzfrage nicht gestellt wurde.

    In anderen öffentlichen Bereichen (Wasserversorgung, Strom, Telephon usw.) hat sich doch auch gezeigt, dass der Wettbewerb nicht immer alles richtet. Wettbewerb scheint Konzerne gelegentlich von ihren Kernaufgaben abzulenken, weil sie links und rechts nach den Preisen schielen und außerdem einen Haufen Energie in Werbung und PR stecken müssen.

    Wenn alle Kassen sowieso den gleichen Satz verlangen und die gleichen Leistungen anbieten müssen, dann braucht man doch nicht 150 Stück davon. Hab ich noch nie verstanden. Genauso wie es völlig unverständlich ist, warum ein Arzt für die Behandlung eines Privatpatienten mehr als das Doppelte abrechnen kann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Privat -Patienten zahlen für die erbrachte Leistung , analog zum Friseur-Besuch . Also 5 mal Arztbesuch mit Ohrtoilette > 5 mal Ohrtoilette bezahlen. Danach noch Ultraschall wegen Nebenhöhlen-Problemen > Ultraschall bezahlen. Kassen-Versicherte dagegen sind nur mit einer Pauschale versichert, z.B. 30 Euro für Hals-Nasen-Ohren-Leiden im Vierteljahr. Das heißt einmal Ohrtoilette wird bezahlt, die anderen vier bezahlt der Pat. selbst oder er läßt die Behandlung sein. Aber jeder Versicherte kann bei gleichem Beitrag in die echten Versicherung bei seiner Kasse wechseln. Sie erstattet dann die Hälfte der Rechnung d.Arztes oder Apothekers.

  6. ... sondern Transparenz.

    Wer ein US-amerikanisches "Gesundheitssystem" anstrebt (das neue "Obamacare" jetzt mal aussen vor), der findet das Primärziel Wettbewerb bestimmt toll - solange er sich denn auf der Gewinnerseite befindet oder zumindest wahrnimmt.

    Wettbewerb ~ Profit. Um Kunden, also Patienten, braucht man sich im Gesundheitswesen schliesslich nicht zu sorgen - das liegt in der Natur der Sache. Ob Profit jetzt das oberste Ziel sein sollte, wenn es um Gesundheit geht, darüber sollte man streiten dürfen.
    Hinweis: Profit ist nicht das gleiche wie Wirtschaftlichkeit!

    Wettbewerb wird zugunsten der Anbieter (Pharmaindustrie, Ärzte) gehen, und zu Lasten der Kunden/Patienten. Dieses Spiel haben wir allerdings schon mehr als genug (dank "Geld" überall, aber das ist ein Thema für sich).

    Was es bräuchte wäre TRANSPARENZ.

    Es ist ein Unding, daß man als Kassenpatient keine Chance hat, zu erfahren, welche Leistungen man gerade in Anspruch genommen hat und der Kasse in Rechnung gestellt wurden - von dem völlig intransparenten Punktesystem dahinter und der "broken-by-design" Privat-Kassen vs. gesetzliche Kassen-Problematik ganz zu schweigen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sollte ein Arzt mir nicht gefallen gehe ich zum nächsten.
    Muß nur nochmal die Praxisgebühr zahlen.
    Eine Einheitskasse wäre nicht verkehrt, wo man dann Zusatzleistungen vereinbaren könnte.
    Transparenz wäre auch wünschenswert.
    Alle Ärzte verdienen nicht Millionen/Netto.

  7. ... wenn Marktteilnehmer keine marktbeherrschende Stellung einnehmen (bzw. vom Kartellamt zerschlagen werden, wenn sie das tun) und
    ... wenn der entscheidet, der bezahlt.

    Die AOK ist also das Gegenteil von Wettbewerb, ein abgehobener marktbeherrschendes Parteiprodukt, das den Menschen schadet (billig, schlechter, weniger) und die Bürger komplett entmündigt, weil der penionsorientierte Kassenmufti kein Interesse an emanzipierten Patienten haben kann.

    Kassen vertreten Kasseninteressen, Patienten vertreten Patienteninteressen

  8. Wenn ich den Großkopferten der AOK von 'schicken' und unnötigen Luxusleistungen sprechen höre, dann bekomme ich wirklich zu viel.

    Die Kassen scheffeln unmengen an Geld, so etwas wie eine unkomplizierte vollkommene Leistung gibt es nicht mehr, alles wird zusatzversichert und statt zu zahlen was nötig UND möglich ist wird nur noch das Nötigste finanziert. Da fallen z.B. Kuren für Krebspatienten im Endstadium schonmal aus dem Raster...

    Stattdessen wird den Ärzten eine immer engere Verhaltenscorsage angelegt, die Kassen bestimmen inzwischen was verschrieben wird, nicht die Ärzte!

    Auch wenn mein Kommentar nicht mit vielen Fakten überzeugt wundere ich mich, dass die Kassensituation in Deutschland nicht wesentlic mehr leuten übel aufstößt?!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte AOK | Arzt | Bundesgerichtshof | Krankenversicherung | Chile | Euro-Krise
Service