Frage: Herr Graalmann, die Kassen schwimmen in Geld . Wann geben Sie den Versicherten etwas davon zurück?

Jürgen Graalmann: Die Überschüsse haben vor allem drei Ursachen: die gute Konjunktur, die zu steigenden Einnahmen führt, gesetzliche Sparmaßnahmen bei Arzneimitteln und Einsparungen durch Rabattverträge zwischen Kassen und Pharmafirmen. Wenn man den Gesundheitsfonds und die Rücklagen aller gesetzlichen Kassen zusammenrechnet, kommen wir auf knapp 20 Milliarden Euro. Das klingt viel, liegt aber immer noch unter dem, was gesetzlich vorgegeben ist. Nach dem Sozialgesetzbuch sollen die Kassen Rücklagen von 1,5 Monatsbeiträgen aufbauen.

Frage: Wie viel wäre das?

Graalmann: 23 Milliarden Euro. Wir haben also noch nicht einmal das Soll erreicht, und trotzdem gibt es schon Begehrlichkeiten aus der Politik, wie man mit den Überschüssen verfahren soll – fast täglich neue Vorschläge und Forderungen nach Prämienausschüttungen an die Versicherten.

Frage: Die würden sich bestimmt freuen.

Graalmann: Ja, das Geld gehört den Versicherten und Beitragszahlern . Die Versicherten profitieren aber nicht von kurzatmigen Prämienausschüttungen, sondern von langfristig stabilen Beiträgen. Wer weiß denn schon, was die nächsten Jahre, auch vor dem Hintergrund der Euro-Krise, bringen.

Frage: Schließen Sie für das AOK-System denn zumindest Zusatzbeiträge für 2013 aus?

Graalmann: Ich bin optimistisch, dass auch 2013 keine AOK Zusatzbeiträge braucht.

Frage: Obwohl es innerhalb der AOK-Familie ja sehr große Unterschiede gibt, was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit angeht…

Graalmann: Alle AOKs stehen solide da. Auch wenn es unterschiedliche Versicherten- und Versorgungsstrukturen in den Regionen gibt. Aber wir nutzen Synergien und unterstützen uns, wie es sich in einer guten Familie gehört. Wir tun dabei gut daran, unsere Stärke – die Regionalität – zu bewahren.

Frage: Bei der AOK Nordost, zu der auch Berlin gehört, reicht die Region von Stralsund bis Cottbus . Das ist riesig.

Graalmann: Die Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind aber durchaus vergleichbar. Wir legen Wert darauf, dass auf dem Land eine flächendeckende, ortsnahe hausärztliche Versorgung sichergestellt ist. Berlin ist dagegen mit Kliniken und Praxen sehr gut versorgt. Die AOK kümmert sich darum, wie die Versicherten in Brandenburg oder Mecklenburg von hoch qualifizierten Kliniken und Spezialisten in Berlin profitieren können. Die AOK bleibt in der Region präsent, auch wenn sich andere Kassen zurückziehen oder schließen.

Frage: Wie wollen Sie Hausärzte in die Provinz locken?

Graalmann: Das Problem lässt sich nicht mit Geld und Honorarzuwächsen allein lösen. Der durchschnittliche GKV-Umsatz der Hausärzte betrug zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr rund 240 000 Euro. Aber Ärzte, die bereit wären, aufs Land zu gehen , wollen Schulen und Kindergärten für ihre Kinder, eine vernünftige Infrastruktur, und der Lebenspartner braucht auch einen Job. Das Problem müssen die Gemeinden, die kassenärztlichen Vereinigungen und die Kassen gemeinsam lösen.