Eurogruppen-ChefJuncker, der letzte Überlebende

Jean-Claude Junckers Biografie ist eng mit Europa verwoben. Der Euro lässt ihn nicht los. Nun bekommt er einige Monate mehr Zeit, ihn zu retten. von 

Jean-Claude Juncker

Jean-Claude Juncker  |  © Thierry Roge/Reuters

Als Europas Währung im Mai 2010 vor dem Kollaps steht, verschwindet Jean-Claude Juncker durch einen Hinterausgang des Brüsseler Ratsgebäudes und geht spazieren. Keine Leibwächter, kein Hoftstaat, nur er, sein Mantel und die Zigaretten. Er sieht in diesen Minuten der Sitzungspause nicht aus wie einer der mächtigsten Politiker Europas, sondern wie jemand, dem die Macht zu schwer geworden ist.

Stunden später wird öffentlich, was Juncker quält. An jenem Abend wird der Chef der Eurogruppe für einen Rettungsschirm von 750 Milliarden Euro votieren. Für ihn persönlich ist das eine schwere Niederlage. Er muss sich endgültig eingestehen, dass der Euro nicht die Erfolgsgeschichte bleiben wird, als die er sie seit Jahren verkauft. Seitdem versucht er den Euro zu retten – und damit auch sein Lebenswerk.

Anzeige

Wohl auch, weil ihm das noch nicht ganz gelungen ist, bleibt er mindestens bis zur Weihnachtspause Vorsitzender der Eurogruppe. Juncker kokettiert gern damit, neben dem Euro der einzige Überlebende der Maastrichter Verträge zu sein. Kein aktiver europäischer Politiker hat länger als er so intensiv die Entwicklung des Euro begleitet. Als Finanzminister zählte Juncker schon 1992 zu den treibenden Kräften der Vertragsverhandlungen um die gemeinsame Währung. In diesen zwei Jahrzehnten hat er sich unentbehrlich gemacht für die Europäische Politik.

Das liegt zum einen daran, dass Juncker – wie sonst unter den aktiven Politikern wohl nur Wolfgang Schäuble – mit seiner Biografie für das europäische Projekt einsteht. Sein Vater war gezeichnet vom Krieg an der Ostfront, mit Einschüssen am Hals, am Knie und an der Hand. Dass es wichtig war, für das Friedensprojekt Europa zu streiten, hat Juncker ganz konkret zu Hause erlebt. Der Vater war aber auch Symbol für den Aufbau Europas in den Nachkriegsjahren – als Stahlarbeiter und Gewerkschafter in der Montanunion.

Er war immer für Europa

Jean-Claude Juncker hingegen hat Jura studiert, als Rechtsanwalt gearbeitet hat er nie. Es zog ihn früh in die Politik und in die Debatten über die Zukunft Europas. 1985, Juncker war gerade 31 Jahre alt, leitete er in der EG die Treffen der Minister für Soziales und Haushaltsfragen. Schon damals war er überzeugt, dass Europa zusammenwachsen müsse.

Der Euro hätte das Schmiermittel werden sollen für eine Gemeinschaft, in der sich die einst verfeindeten Staaten Europas noch enger aneinander binden. Selbst Juncker wird nicht bestreiten, dass der Plan von damals nicht ganz aufging. Aber trägt er Schuld daran?

Auf die Unzulänglichkeiten der Eurozone hat er früher als andere hingewiesen. Öffentlich zum Beispiel in seiner Dankesrede zum Karlspreis 2006: "Wir sind mit der europäischen Währungskonstruktion nicht fertig", sagte er damals. "Der politische Arm, der wirtschaftspolitische Arm der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion muss gestärkt werden." Und fast schon prophetisch: "Wir dürfen auch durch wirtschaftspolitisches Nichtstun die Geldpolitik nicht überfordern und überfrachten."

Leserkommentare
  1. deren U-Boot er in Europa schon immer war. Als Luxemburger ist ihm das auch kaum übel zu nehmen, ist doch mittlerweile der einzige Daseinszweck - jedenfalls in wirtschaftlicher Hinsicht- dieses Staates das Verstecken von Schwarzgeld und der Empfang des Lohnes für diese und andere zweifelhafte Dienstleistung ...
    Wenn man einen Teich trockenlegen will, darf man den Oberfrosch nicht auch noch am lautesten Quacken lassen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Chali
    • 12. Juli 2012 20:25 Uhr

    ... der Mann ist für mich in erster Linie ein beinharter Neo-Liberaler (INSM), dem das Schicksal der europäischen Bürger ... ähmm ... wenig interesiert. Vielleicht eben noch, olange diese noch Steuern erarbeiten. Kein Wunder, dass er sich mit Steinbrück prima versteht.

  2. ...und genau deshalb ist der Mann als EUROChef unglaubwürdig.
    Die haben die Krise verursacht, sind erst unlängst wieder beim Schummeln erwischt worden - von ausgerechnet dem Mann der meinte "There was a period of remorse and apology for banks, that period needs to be over" - und wurden bis jetzt nicht dafür belangt.
    Wie kann der Mann soetwas vor dem Durchschnitteuropäer, der dafür bezahlen darf verteidigen?

  3. und warten einige Zeit ab, was passiert", verrät der Premier des kleinen Luxemburg über die Tricks, zu denen er die Staats- und Regierungschefs der EU in der Europapolitik ermuntert. "Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt." ....““
    - Jean-Claude Juncker-

    SPIEGEL, 27. 12. 1999 – vor rund 13 Jahren:
    ““ So wurde bei der Einführung des Euro verfahren, als tatsächlich kaum jemand die Tragweite der ersten Beschlüsse 1991 zur Wirtschafts- und Währungsunion wahrnehmen mochte. ““
    http://www.spiegel.de/spi...

    Am Procedere hat sich wenig geändert. In einer Laudatio steckt kein journalistischer Auftrag, die übertragene öffentliche Aufgabe gebietet zu informieren, der Auftritt als verlängerte Presseabteilung verfehlt.

    ““ ...."Passen Sie auf den Juncker auf." Dem eilte schon in den neunziger Jahren ein Ruf voraus, für den er 2004 offiziell mit dem Titel "Goldenes Schlitzohr" geehrte wurde. ....““ Damit kann Herr Juncker und seine Protagonisten nicht mehr punkten.

    Gefragt ist was Herr Paul Kirchhof, FAZ formuliert:

    ““ Eine Instabilität des Rechts wiegt schwerer als eine Instabilität der Finanzen. Wer das nicht begreift, dem hilft auch keine Zentralgewalt mehr. .... ““
    http://www.faz.net/aktuel...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 12. Juli 2012 22:13 Uhr

    "“ Eine Instabilität des Rechts wiegt schwerer als eine Instabilität der Finanzen. Wer das nicht begreift, dem hilft auch keine Zentralgewalt mehr. .... ““
    http://www.faz.net/aktuel...

    Genau genommen ist 'das Recht' die Zentralgewalt, daran ändert auch die Tatsache nix, daß Gesetze oft von Bankern und anderen Gentlemen vorgesetzt und übernommen werden.

    Auch korrumpiertes 'Recht' ist 'Recht', die juristische Erscheinungsform von Macht.

  4. Luxemburg ist die größte Geldwaschanlage Europas.
    Dort sind für über 70Mrd. Euro-Geldscheine, überwiegend 500Euro-Noten, gedruckt worden, die von Schwarzgeldkonten in bar abgehoben und über die Grenze gebracht wurden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Schweiz wäscht noch weißer...

  5. Die Schweiz wäscht noch weißer...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Chali
    • 12. Juli 2012 20:32 Uhr

    Luxemburg ist Euroland. Irland ist auch EuroLand.
    Die Kanalinseln sind immer noch EU
    Delaware ist US.

    Hat schon mal jemande gehört, im Rahmen des "Fiskalpaktes" sollten dort ansässige Firmen mit herangezogen werden?
    Dort ist die Steuerhinterziehung juristisch völlig legal.

    Auf die Schweiz aber, nichts von alledem, kann man prima einhacken.

    dann muss man auch Amsterdam mit seinem Fiscal–Paradies Curaçao auf den niederländischen Antillen in Betracht ziehen...

    es gibt sicher viele Wege...aber..

    Den unbestrittenen Spitzenplatz der internationalen Geldwäsche hält jedoch die Schweiz. Die Metropolen Genf und Zürich für internationale Schmutzgelder und Lugano für italienische Gelder sind die führenden Kantone des internationalen Geldumschlagplatzes.

    Grüße
    P.G. Della Rovere

  6. Es muß wohl heißen, daß Juncker Zeit hat, seinen eigenen Hintern zu retten.

    • Chali
    • 12. Juli 2012 20:25 Uhr

    ... der Mann ist für mich in erster Linie ein beinharter Neo-Liberaler (INSM), dem das Schicksal der europäischen Bürger ... ähmm ... wenig interesiert. Vielleicht eben noch, olange diese noch Steuern erarbeiten. Kein Wunder, dass er sich mit Steinbrück prima versteht.

    • Chali
    • 12. Juli 2012 20:32 Uhr

    Luxemburg ist Euroland. Irland ist auch EuroLand.
    Die Kanalinseln sind immer noch EU
    Delaware ist US.

    Hat schon mal jemande gehört, im Rahmen des "Fiskalpaktes" sollten dort ansässige Firmen mit herangezogen werden?
    Dort ist die Steuerhinterziehung juristisch völlig legal.

    Auf die Schweiz aber, nichts von alledem, kann man prima einhacken.

    Antwort auf "Nicht übertreiben.."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service