SchuldenkriseJuncker warnt vor Zerfall der Euro-Zone

Alle europäischen Länder und Institutionen müssten in der Krise viel beherzter eingreifen, fordert der Chef der Euro-Gruppe. Mit Deutschland ging er hart ins Gericht. von afp und dpa

Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker

Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker  |  © Jon Thys/AFP/GettyImages

Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker hat vor einem Zerfall der Euro-Zone gewarnt. Um den Euro zu retten, sei keine Zeit mehr zu verlieren, sagte Juncker der Süddeutschen Zeitung . "Wir sind an einem entscheidenden Punkt angekommen", sagte Juncker weiter. "Wir müssen jetzt mit allen verfügbaren Mitteln überaus deutlich machen, dass wir fest entschlossen sind, die Finanzstabilität der Währungsgemeinschaft zu gewährleisten."

Zugleich bestätigte der Euro-Gruppen-Chef, dass sich die Euro-Länder zusammen mit dem Rettungsfonds EFSF und der Europäischen Zentralbank (EZB) darauf vorbereiten, notfalls Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder aufzukaufen. Daran bestehe kein Zweifel, sagte er. "Es ist noch zu entscheiden, was genau wir wann machen werden."

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Die Welt rede darüber, ob es die Euro-Zone in einigen Monaten noch gebe, kritisierte Juncker. Deswegen stünden alle Länder und Institutionen nun noch entschiedener zur Währungsunion: "Wir sind fest entschlossen, den Euro in seinem Bestand, also mit allen Euro-Ländern, und in seiner Bedeutung zu halten. Alles Geschwätz über den Austritt Griechenlands ist da nicht hilfreich."

"Deutschland behandelt Euro-Zone wie eine Filiale"

Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion gehöre "nicht zu meiner Arbeitshypothese", fügte der Eurogruppen-Chef hinzu. "Wer denkt, dass die Probleme dadurch behoben würden, dass man Griechenland ausschließt oder fallen lässt, hat die eigentlichen Ursachen der Krise nicht erkannt."

Zuletzt hatte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) gesagt, für ihn habe ein Austritt Athens "längst seinen Schrecken verloren". Weitere Politiker der Regierungskoalition hatten sich ähnlich geäußert.

Juncker warf Deutschland vor, es mache "andauernd Innenpolitik in Sachen Euro-Fragen". "Warum behandelt Deutschland die Euro-Zone wie eine Filiale?", fragte er. Juncker sprach sich ferner für die Einführung eines hauptamtlichen "europäischen Finanzministers" aus. Dieser müsse "eine prominente Persönlichkeit sein, die durchaus nationale Haushaltspläne stoppen kann".

Über die Probleme in der europäischen Währungsunion wollen auch US-Finanzminister Timothy Geithner und sein deutscher Kollegen Wolfgang Schäuble ( CDU ) sprechen. Geithner besucht Schäuble in dessen Urlaubsort auf der Nordseeinsel Sylt . Am Abend wollte Geithner dann den EZB-Präsidenten Mario Draghi in Frankfurt am Main treffen. Geithner hat die Europäer wiederholt aufgefordert, die Euro-Krise durch beherzte Maßnahmen zu überwinden.
 

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Leserkommentare
    • rolco4
    • 30. Juli 2012 15:34 Uhr
    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Herr Juncker,"
  1. Innenpolitik in Sachen Eurofragen zu machen? Warum behandelt Deutschland die Euro-Zone wie eine Filiale? Wenn das alle 17 Regierungen machten, was bliebe dann übrig von dem was uns gemeinsam ist. Warum ist das so?".
    - Jean-Claude Juncker, , seit 1995 Premierminister Luxemburgs und ab 2005 Vorsitzender der Euro-Gruppe -
    http://www.sueddeutsche.d...

    Die Beschimpfungen von Herrn Junker sind überflüssig, sie zeigen auf, das dem Euro und seinen vermeintlichen Rettern die Argumente ausgehen.

    Dem Recht, der Verfassung ist mehr Tribut zu zollen, so gewinnt man Vertrauen,
    so nicht:
    SPIEGEL 27.12.1999:
    “ Jean-Claude Juncker ist ein pfiffiger Kopf. "Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert", verrät der Premier des kleinen Luxemburg über die Tricks, zu denen er die Staats- und Regierungschefs der EU in der Europapolitik ermuntert. "Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt."
    So wurde bei der Einführung des Euro verfahren, als tatsächlich kaum jemand die Tragweite der ersten Beschlüsse 1991 zur Wirtschafts- und Währungsunion wahrnehmen mochte. “
    http://www.spiegel.de/spi...

    " Die EU steckt in der Krise, weil Recht missachtet wurde. "
    - Paul Kirchhof, Verfassungsrechtler -

    6 Leserempfehlungen
  2. Es ist wie auf der Titanic kurz vor der Kollision mit dem Eisberg. Alle "klugen Strategien" haben keinen Zweck mehr, für sinnvolle Maßnahmen ist es viel zu spät. Die Katastrophe ist nicht mehr abwendbar, egal ob das Ruder hart steuerbord oder hart backbord gelegt wird, dem Maschinenraum volle Kraft voraus ooder volle Kraft rückwärts befohlen wurde. Ob €- bonds oder Austritt einzelner Länder aus dem Wahsinnsprojekt, ob Aufkauf fauler Kredite oder noch so großartige "Rettungsschirme", nichts bringt wirkliche Rettung. Die Passagiere, besonders die aus dem Zwischendeck, sind stark beunruhigt, sie bangen um ihre Zukunft, um ihr Leben. Sie wissen: Auf alle Fälle müssen sie die Zeche bezahlen. Nur auf der Brücke bricht unter der Schiffsführung ein wüster Streit zwischen den einzelnen Offizieren der Besatzung aus, wer denn nun die eigentliche Schuld am Übel hat. Lange Zeit wurde dort ja gemeinsam abgestritten, daß es überhaupt ein Problem geben würde. Zum Schluß wird es heißen: "Rette sich, wer kann. Wir, der Kapitän und die Herren Offiziere (die Schiffseigner sowieso), sind schuldlos, es war das Wetter und der liebe Gott!"

    2 Leserempfehlungen
  3. Das Recht wurde gebrochen.
    Verträge wurden gebrochen.
    Vereinbarungen nicht eingehalten.
    Falsche Zahlen übermittelt.

    Es wird uns gesagt: "Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa."

    Es wird uns sinngemäß gesagt: "Ohne den Euro gibt es Krieg in Europa."

    Deutschland wird von seinen Schuldnern epresst.

    Uns wird die braune Vergangenheit vorgeworfen, um unsere Schuldgefühle zu instrumentalisieren.

    Es wird uns gesagt, wir hätten nach dem Krieg ja soviel Geld bekommen und deshalb müssten wir jetzt dankbar sein.

    Es wird Deutschland von der EU-Spitze vorgeworfen, dass in Deutschland "zu viel geredet" würde.

    Das Verfassungsgericht wird von der Regierung unter Druck gesetzt. Die Gewaltenteilung ist angegriffen.

    Ein diktatorisches Gremium, der ESM, soll installiert werden.

    Das Volk wird nicht befragt, ob es das alles will.

    Unsere Kanzlerin wird im "befreundeten" Ausland verhöhnt und beschimpft und beleidigt und kein ausländischer Politiker nimmt sie in Schutz.

    Uns wird vorgeworfen, wir wären die großen Profiteure des Euro auf Kosten anderer.

    Usw. usf.

    Wenn das der Frieden ist, den uns das vereinte Europa beschert, dann kann ich nur sagen:

    Auf diesen Frieden verzichte ich.

    11 Leserempfehlungen
  4. Die Aufgabe der Medien als "4. Gewalt" sind zweierlei:

    1. Information der Bevölkerung. Die Menschen über das, was passiert, aufklären. Dazu gehört in der Frage des ESM, den Menschen den Text zu übermitteln. Einfach nur den Text zu zeigen. Das ist nichts schwieriges. Eine Zeitung z.B. muss einfach nur den Text, wie er vorliegt, so wie er ist, abdrucken.
    Falls es sich um einen Text handelt, der, wie im vorliegenden Fall, schwierige Fachterminologie enthält, ist es die Aufgabe der Medien, den Menschen, die diese Fachterminologie nicht beherrschen, den Text sozusagen zu "übersetzen".

    2. Die Politik in kritischer Distanz zu begleiten. Dies machen Medien, indem sie Kommentare anbieten, um damit Diskussionen, oder neudeutsch ausgedrückt, den "Diskurs", zu inititieren.

    Ziel dieser Bemühungen ist der informierte Staats-Bürger, der sich ein eigenständiges, fundiertes Urteil bilden kann, um am politischen Geschehen selbständig teilzunehmen zu können.

    Die ZEIT, es tut mir wirklich leid, dies sagen zu müssen, nimmt im Zusammenhang mit der "Euro-Rettung" und dem ESM ihre journalistische Pflicht NICHT wahr.

    Weder informiert sie die LeserInnen über die Fakten, den ESM-Vertrag, seine Artikel, noch begleitet sie die Politik kritisch distanziert.

    Marion Dönhoff dreht sich im Grabe rum, wenn sie dieses Trauerspiel, das die Zeit zurzeit abliefert, aus der besseren Welt, in der sich sie befindet, anschauen muss.

    11 Leserempfehlungen
    • PPTT
    • 30. Juli 2012 16:57 Uhr

    auf den Ton der Debatte hier reagiert der DAX. Ich gebe nicht so viel auf die "Märkte", aber für mich ist es beruhigend wie unsere Wirtschaft zur Zeit beurteilt wird. Die Leute gehen scheinbar schon noch in Aktienanlagen. Und dazu höre ich dann die nervöse Begleitmusik zu der Schulden- und Eurokrise wie sie sich hier auf dem Forum widerspiegelt. Merkwürdig! Mir fällt es langsam schwer, dass Ganze ernst zu nehmen.

  5. ...das ein Kreditgeber KEINERLEI SIcherheit vom Gläubiger hat und dessen Aussicht auf Zahlungsunfähigkeit hingenommen werden muß. Und dies trotz kaltlächelndem Weitergewutschtele. In der freien Kreditwirtschaft würden solchen Gläubigern ganz unmissverständlich mit vollem Recht der Weg gewiesen. Solche Kandidaten sind Gift für das EU-System.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Verkehrte Welt"
  6. Juncker soll bitte mal vor der eigenen Tür kehren, bevor er Deutschland, den Hauptnettozahler der EU, attackiert.
    Juncker hat die Öffentlichkeit dreist belogen, er besitzt eine sonderbare Vorstellung von Demokratie, wie aus Kommentar Nr. 5 hervorgeht, er erklärt erst seinen Rücktritt und sich dann selbst zu seinem eigenen Nachfolger, einfach so, ohne sich einer Wahl stellen zu müssen. Das Ganze nimmt diktatorische Züge an.
    "L'état, c'est moi" sprach einst der Sonnenkönig, "L'europe, c'est moi", ist offensichtlich das Motto von Juncker.

    4 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte Jean-Claude Juncker | Timothy Geithner | Wolfgang Schäuble | CDU | FDP | Euro-Zone
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