Energiewende : Der Mythos vom teuren Ökostrom

Dank der regenerativen Energien sinken die Preise an der Strombörse. Davon hat der private Verbraucher aber bisher nichts, schreibt Leser Christian Synwoldt.

Regelmäßig werden Strompreiserhöhungen damit begründet, dass mehr Ökostrom erzeugt wird. In Wahrheit wird Strom durch regenerative Energien immer billiger. Nur leider kommt bei den privaten Verbrauchern davon nichts an.

An der Energiebörse EEX ist der Strompreis in den letzten zwölf Monaten um mehr als dreißig Prozent gesunken. Selbst langfristige Stromkontrakte werden heute rund 20 Prozent günstiger gehandelt als noch vor einem Jahr.

Die Preise sinken, weil grüner Strom die Erzeugnisse konventioneller Kraftwerke aus dem Markt verdrängt. An der Strombörse heißt das "Merit-Order-Effekt". Besonders Strom aus Photovoltaik-Anlagen macht teure Spitzenlastkraftwerke zunehmend überflüssig. Wenn tagsüber der Stromverbrauch am höchsten ist, liefern die Anlagen den größten Beitrag. Aber auch bei verhangenem Wetter, also selbst im Frühjahr und Herbst, werden die Spitzenlastkraftwerke kaum noch benötigt.

Im vergangenen Jahr lag der Beitrag aus regenerativen Energien bereits bei zwanzig Prozent der gesamten in Deutschland benötigten Strommenge. Der weitere Zubau von Wind- und Photovoltaikanlagen, insbesondere zum Jahresende 2011, wird sich erst dieses Jahr vollständig bemerkbar machen, so dass für 2012 eine Marke von 25 Prozent wahrscheinlich ist. Der Strompreis an der Börse dürfte also weiter sinken.

Christian Synwoldt

ist Diplom-Ingenieur und hat sich beruflich auf das Thema Stromerzeugung spezialisiert. Er hat dazu zwei Bücher veröffentlicht und ist Lehrbeauftragter am Umwelt-Campus Birkenfeld der Fachhochschule Trier.

Die privaten Verbraucher merken bisher nichts von den fallenden Preisen. Seit dem Jahr 2000, als das Energieeinspeisegesetz (EEG) in Kraft trat, sind die Strompreise für private Haushalte um zwölf Cent pro Kilowattstunde gestiegen. Das liegt aber nicht am Ökostrom. Der Anteil der EEG-Umlage an der Preissteigerung beträgt lediglich 3,6 Cent. Mehr als zwei Drittel der Erhöhung beruhen nicht auf der zunehmenden Stromerzeugung aus Sonne, Wind und Wasser.

Der Mythos vom unsozialen Ökostrom, der dazu führt, dass manche Haushalte ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, ist ein Ablenkungsmanöver der Energiekonzerne. Sie wollen weiterhin mit konventionell erzeugtem Strom Milliardengewinne machen und halten deshalb die Preise hoch. Die Politik lässt die hohen Preise zu und verursacht dem Steuerzahler jährlich weitere Kosten in Milliardenhöhe, indem sie Emissionszertifikate verschenkt, die Konzerne teilweise oder vollständig von der Energiesteuer befreit, keine Haftpflichtversicherungen für Kernkraftwerke verlangt und Atommülllager auf Staatskosten betreibt. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Kosten, die so entstehen, sind auf keiner Stromrechnung aufgeführt.

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Kommentare

98 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Die Propagandaschlacht

Haben die Energieriesen aber leider schon gewonnen.

Dabei könnte man die Liste der Betrügereien und Lügen beliebig fortsetzen.

Gerne als Beispiel für die schleppende Energiewende herangezogen wird der schleppende Ausbau der Netze. Die Energieerzeuger haben daran kein Interesse. Auch hier sind sie diejenigen die den Langsamen Ausbau verursachen.

Strecken für Überlandleitungen werden so gelegt, dass es zu Widerstand derer kommen muss deren Grundstücke dadurch entwertet werden.

Auch deshalb weil die Genehmigungsverfahren für Erdkabel statt 8 nur 2-3 KJahre benötgien werden Erdkabel nicht vorgesehen obwohl bei 110 KV kein nenneswerter preislicher Vorteil der Freileitung existiert.

Selbst 380KV Leitungen werden in Holland oder Dänemark als Erdkabel verlegt da dort Landschaft als Schützenwertes gut angesehen wird.

Über Jahrzehnte haben die Energieriesen mit ihren Netzbetriebgesellschaften abermilliarden von Stromkunden abgesahnt aber nur einen Bruchteil davon wirklich in Erhaltung und Ausbau investiert.

Zitat Robion Wood:
"Allein im Jahr 2006 kassierte das Strom-Kartell 21 Milliarden Euro. Was aber wird für diese gigantischen Einnahmen geleistet? Nichts! Nur rund zwei Milliarden Euro wurden von diesem Geld in die Stromnetze investiert."

Jetzt da der Ausbau ansteht ist soll der Stromkunde erneut dafür zahlen und der "Protestbürger" ist schuld an den Verschleppungen.

Milchmädchenrechnung

Ein wenig differenzierter darf man das durchaus sehen. Der Strom aus PV-Anlagen wird an der Börse verschenkt und dadurch sinkt der Preis dort dramatisch. Die Vergütung wird erst mit der EEG-Umlage bezahlt und das sind immerhin derzeit noch etwas über 200€ für die Megawattstunde. Angesichts eines Börsenpreises von 42€ pro Megawattstunde (bisheriger Durchschnittspreis Phelix-Base) ist das eine gigantische Summe, die ihr da einfach mal so unterschlagt.

Unterschlagung gigantischer Summen?

Erstens, woher haben Sie die 200Euro pro MWH.
Laut EEG Eintrag Wikipedia lag die Umlage bei 32ct/kWh also 3,2 Euro pr MWh. (http://de.wikipedia.org/w...).

Ausserdem: Die AKWs wurden auch nicht einfach von den Konzernen hingestellt sondern mit abermilladen Steuergeldern Subventuioniert.

Der Abriss der AKWs, die Lagerung der Brennstäbe, die Endlagerung usw. all das zahlt der steuerzahler.

Stimmt. Das geht nicht direkt in die Stromrechnung ein. Wird es deshalb für uns billiger?

Das hat man geschickt so eingefädelt um sagen zu können: "Seht, die bösen erneuerbaren sind so teuer und de Atomstrom so billig!"

Leider falsch

Der Strom wird NICHT verschenkt. Das würde noch nicht einmal RWE behaupten.

Der Strom wird zum gleichen Preis wie Braunkohlestrom, Atomstrom oder was auch immer dort verkauft wird, verkauft.

Nur wenn ein hohes Angebot an der Börse herrscht, dann wird Strom verschenkt oder gar Geld bezahlt ihn abzunehmen. Aber das trifft genauso auch für Braunkohlestrom zu.

Die EEG-Umlage trägt nur die Differenz zwischen Börsenverkaufspreis (zB 5 ct/kWh) und der EEG-Vergütung (13-19 ct/kWh PV bzw 6-9 ct/kWh Onshore-Wind).

Differenzierung

Genau diese Art von vollkommen undifferenzierter und unqualifizierter Meinungsmache betreibt die Energieindustrie.

Haben sie gelesen, dass ich geschrieben habe, dass bis 110 KV keine preislichen Vorteile bei der Freileitung liegen?

Der Bau einer 110 KV Freileitung ist Günstiger Betrieb und Wartung aber teurer. Langfristig lohnt sich schon heute 110 KV in die Erde zu legen, auch wegen der Vermeidung der Planungs und Genehmigungshürden die ebenfalls kostern verursachen.

380KV ist teurer aber von 10x sso teuer kann laut diesem Gutachten keine Rede sein:
http://www.forwind.de/pub...

Ausserdem, genug Geld haben die Netzbetreiber eigentlich ja schon bekommen um die Mehrkosten zu tragen, oder nicht?

Wenn man von 20 Millarden jährlich nur 2 ausgibt dann hat man im 10 Jahren für ausbau und Wartun 180 Milliarden angespart.

Das sollte doch wohl auch für Erdkablel genügen, oder nicht?

Energieautonomie - Scheer

Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass ein Wechsel in den Energiestrukturen ohne massive Gegenwehr verlaufen wird. Allgemein halte ich den Glauben der "Neoklassik" in der VWL für Hanebüchen, dass Fortschritt durch Kapitalakkumulation stattfindet.

Realistischer ist die Annahme der österreichischen Schule, z.B. von Schumpeter, der kreativen Zerstörung oder der Verdrängung. Heinsohn beschreibt das in einem Interview sehr treffend mit der Pferdekutschenfabrik, die wertlos wird, sobald eine Automobilfabrik gebaut wird.

Weiterhin muss man auch wissen, dass die deutschen Versorger mehrheitlich nicht mehr im Besitz der deutschen Bevölkerung ist, sondern die Aktien von ausländischen Eigentümern gehalten werden. Ein Manager, der im Interesse seiner Eigner handeln muss, darf auf nationale deutsche Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen.

In seinem Büchern beschreibt Scheer diese Auseinandersetzung, die uns weiterhin bevorsteht. Eines ist zudem auch logisch: Große Oligopolisten können sich teure Zeitungsinserate leisten - auf wessen "Seite" die Presse daher aus eigenem Interesse steht, kann sich jeder selbst denken.

Dann doch lieber das Geld nicht in D investieren, sondern per EZB "exportieren" - in den letzten Jahren haben unsere lieben "Privatisierer" ja auch unglaubliche Werte erschaffen - in vielen Ländern. Interessant wie schnell ein kranker Mann Europas mit dem Industrieproblem zum gefragten Rechnungsbegleicher avanciert.

Wartung 110 KV

Eigentlich ist Wartung kein Thema, Freileitungen haben v.A. höhere Übertragungsverlusste wegen niedrigerem Leiterquerschnitt.

D.h. sie verschwenden auch noch Energie und verursachen somit Klimaschäden.

Zitat (Gutachten Uni Hamburg):
"Bei Freileitungen und 110-kV-VPE-Kabeln sind die Kosten für die spannungsabhängigen Verluste und die Wartungskosten gegenüber den Kosten für die stromabhängigen Verluste ver-
nachlässigbar."

http://www.energie.brande...

"Kaum noch benötigt" nützt leider nicht so viel.

"Wenn tagsüber der Stromverbrauch am höchsten ist, liefern die Anlagen den größten Beitrag.
... Spitzenlastkraftwerke kaum noch benötigt"
Da könnte man zwar streiten, ob die PV-Anlagen tatsächlich ihre höchste Leistung liefern, wenn der höchste Bedarf herrscht (und da betrachten wir bitte auch nicht nur Frühling-Sommer-Herbst), aber gleichwohl muss selbst für geringe Bedarfszeiten die mögliche Spitzenlast abdeckbar bleiben. "Kaum noch benötigt" heißt damit nur: noch immer unentbehrlich.

Sehr informativ und sachlich !

Besonders die Vernachlässigung der immensen externalisierten Kosten, die durch die Nutzung von Kernenergie verursacht werden, erbost regelmäßig.
Und die teuren Folgen, die mit der Verbrennung fossiler Energiequellen einhergehen, werden auch nirgends erfasst. In einer ordentlichen Bilanz würden Rückstellungen dafür diese Kosten bereits jetzt sichtbar machen.

Neben dem "Preistreiber" Ökostrom wird auch gerne die "Verspargelung" der Landschaft durch Windkraftanlagen beklagt oder die in K1 erwähnten hässlichen zusätzlichen Überlandleitungen, als wenn das unser größtes Problem wäre.

k.

Das stimmt

"Neben dem "Preistreiber" Ökostrom wird auch gerne die "Verspargelung" der Landschaft durch Windkraftanlagen beklagt oder die in K1 erwähnten hässlichen zusätzlichen Überlandleitungen, als wenn das unser größtes Problem wäre."
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Das stimmt, solche Argumente werden oft und gerne hervorgebracht. Ich selber habe kein Problem damit, meinetwegen dürfen die Dinger gerne überall stehen.
....ach so, außer bei mir zu Hause und Umgebung natürlich.