Andreas Böge fordert in seinem Leserartikel das Ende des Wachstums. Natürlich wäre das möglich. Wir könnten ganz einfach damit anfangen, wir müssten das nur ernsthaft wollen.

Zum Beispiel könnten wir für einen alten Kühlschrank, der seinen Geist aufgibt, auf ein baugleiches Nachfolgermodell zurückgreifen. Haben wir kein Auto, müssten wir uns keins anschaffen. Wir könnten auf dem Stand verharren, auf dem wir uns befinden. Aber ist das auch realistisch?

Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir unsere Lebensqualität kontinuierlich verbessern wollen, wenn wir die Gelegenheit dazu bekommen und auch von den Errungenschaften unserer Bemühungen profitieren. Die Geschichte der Erfindungen ist voll von Beispielen, in denen einzelne Personen sich nicht mit einem Zustand abfinden wollten, der ihnen unkomfortabel vorkam. Oder trinken Sie immer noch wie damals – vor Melitta Bentz – Kaffee aus einer Tasse, auf deren Boden sich noch der Kaffeesatz befindet? Die Erfinderin des Filterkaffees ist mit dieser Idee an die Öffentlichkeit gegangen und hat sie vermarktet, weil sie sich sicher war, dass sie davon finanziell profitieren kann.

Es ist kein Wunder, dass gerade die unglaubliche Anhäufung von Neuerungen und Erfindungen der letzten 100 Jahre mit der weitestgehenden Demokratisierung der westlichen Welt einhergeht.

Im London des 19. Jahrhunderts war die hygienisch-sanitäre Situation der unteren Schichten menschenunwürdig. Doch erst als der beißende Gestank der Abwässer in der Themse 1858 die Parlamentsarbeit zum Erliegen brachte, führte dies zum Bau einer funktionierenden Kanalisation. Der Trägheit der Masse, die nichts verändern konnte und sich dann mit der Situation abfand, steht hier exemplarisch der Trägheit der Elite gegenüber, die nichts verbessern wollte, weil sie das Problem nicht betraf.

Können wir uns im Ernst anmaßen, dem menschlichen Streben nach Verbesserung innerhalb unserer Lebenszeit Einhalt zu gebieten? Können wir von heute auf morgen das Ende der Entwicklungsgeschichte beschließen? Vor allem weltweit, kultur- und religionsüberreifend?

Selbst wenn wir uns in den entwickelten Ländern mit dem Status quo zufrieden geben würden, besteht für Entwicklungsländer kein Grund, uns das gleichzutun, sobald sie unseren Stand erreichen. Es ist illusorisch, dass niemand mehr bessere Kühlschränke oder Autos produzieren und damit Wachstum schaffen will. Vor allem, wenn die Konsumenten darin eine Verbesserung ihrer Lebenssituation erkennen. Man darf nicht vergessen, dass Singapur Mitte der neunziger Jahre seine ehemalige Kolonialmacht Großbritannien beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf überholen konnte.

Wachstum wird nicht – objektiv zählbar – durch einen optimalen Grad an Versorgung mit materiellen Gütern begrenzt. Nur wenn wir subjektiv zufrieden sind, wachsen wir nicht mehr. Doch mit der Zufriedenheit ist es wie mit dem Horizont: Wir sehen ihn, aber werden nie dorthin gelangen.

Das Wachstum ist und bleibt unbegrenzt.