Der Finanzbezirk der Londoner City © Oli Scarff/Getty Images

Erst der Oberaufseher, dann der Chef und nun noch der Geschäftsführer: Innerhalb von zwei Tagen hat die zweitgrößte britische Bank Barclays ihre komplette Führung verloren . Weil Mitarbeiter von Barclays versucht haben, einen der wichtigsten Leitzinssätze weltweit zu manipulieren, haben erst Verwaltungsratschef Marcus Agius, am Tag darauf Vorstandschef Bob Diamond und schließlich auch Geschäftsführer Jerry del Missier ihren Rücktritt erklärt.

Die britische Finanzbranche hat ihren nächsten Skandal, der allerdings nicht auf die Insel beschränkt bleiben könnte. Seit Jahren ermitteln Aufsichtsbehörden in den USA , Großbritannien sowie der Schweiz und der EU wegen des Verdachts der Manipulation der Leitzinssätze Libor und Euribor gegen mehr als ein Dutzend Großbanken weltweit. Darunter Schwergewichte wie die Deutsche Bank, die UBS , Citigroup , HSBC oder Lloyds.

Die Vorwürfe, um die es geht, betreffen Finanzgeschäfte mit einem Volumen von mehr als 350 Billionen Dollar (etwa 280 Billionen Euro): Die Banken sollen die für Interbanken-Kredite maßgeblichen Zinssätze manipuliert haben, um die eigenen Profite zu steigern und über die wahren Kosten ihrer Refinanzierung hinwegzutäuschen.

Um zu verstehen, wie eine solche Manipulation funktionieren könnte, muss man wissen, welche Bedeutung Libor und Euribor im Finanzgeschäft haben. Der Libor legt fest, zu welchem Preis sich Banken untereinander Geld leihen. Zugleich ist er der Maßstab für viele weitere Finanzgeschäfte. Beispielsweise liegt er der Kreditvergabe von Banken an Unternehmen oder dem  Handel mit Derivaten und anderen Finanzprodukten zugrunde. Auch einige Zentralbanken orientieren sich in ihrer Geldpolitik am Libor. Und was der Libor für den Dollar-Währungsraum, das Pfund oder den Yen, ist der Euribor für die Euro-Zone.

Der Einfluss auf Geldgeschäfte ist also groß, die Manipulationsmöglichkeiten sind es allerdings auch. Denn Libor und Euribor kommen durch die Angaben der jeweils bedeutsamsten Banken zustande. Sie melden die Zinssätze, die andere Banken zahlen müssen, um Kredit zu bekommen, an die Agentur Thomson Reuters, die daraus den Libor berechnet. Die Zinsmeldungen sind streng vertraulich und beruhen einzig auf den Angaben der Bank. Ob die Werte stimmen, lässt sich nur schwer überprüfen.

Als sich nach Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2008 die Libor-Zinssätze nicht wie erwartet veränderten, schöpften die Aufsichtsbehörden in Europa und den USA Verdacht und begannen mit Untersuchungen. Im Fall von Barclays kam die britische Finanzaufsicht FSA zu dem Ergebnis, dass die Verfehlungen "ernst und großflächig" seien. Auch auf politischer Ebene wurden Untersuchungen eingeleitet, und auch in den USA wurde ermittelt. Um einen noch größeren Schaden abzuwenden, räumte Barclays schließlich die Manipulationsversuche ein und akzeptierte in einem Vergleich eine Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar.

E-Mails bezeugen Manipulation

Die Beweislast war erdrückend. Interne E-Mails zeigten, wie spielerisch und willkürlich die Banker mit den Zinssätzen umgingen. Ein Barclays-Händler antwortet etwa auf die Bitte eines Kollegen, niedrigere Zinsen weiterzugeben: "Ist gebongt... für Dich, mein Großer." Das seit der Finanzkrise noch nicht wieder verblasste Bild von den leichtfertigen Zockern der Finanzmärkte wurde damit noch verstärkt.

Dabei sah Barclays nach der Finanzkrise eigentlich wie ein Gewinner aus. Die Bank war nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen und konnte Teile der insolventen Bank Lehman Brothers kaufen. Doch offensichtlich wurde die wahre finanzielle Lage durch die Meldung niedriger Zinsen verschleiert, kam Barclays weiter günstig an frisches Geld und konnte die eigene Kreditwürdigkeit beschönigen.