Italien : Mario Monti und der Kampf gegen den Zins

Italiens Premier hat das Land schneller reformiert als jeder vor ihm. Jetzt soll der Finanzmarkt das endlich honorieren – oder Europa helfen.
Mario Monti © Alberto Pizzoli/AFP/Getty Image

Als Mario Monti vergangene Woche nach einem Treffen der Finanzminister vor die Presse trat, wirkte er seltsam erschöpft: "Meine Erklärungen waren nicht sonderlich präzise", entschuldigte er sich nach seinen Ausführungen. Es war ein ungewöhnlicher Auftritt des "deutschen Professors", wie Italiens Premier wegen seiner Gründlichkeit und Präzision genannt wird.

Seit rund acht Monaten ist Monti nun im Amt. Seither hat er das Land in einem Tempo reformiert, das zur Zeit seines Amtsvorgängers Silvio Berlusconi noch undenkbar war. Es ist ein kräfteraubender Prozess, der Monti innenpolitisch vor schwere Probleme stellt.

Künftig sollen nicht nur das Rentenalter von 55 Jahren an stufenweise ansteigen und Steuererleichterungen für Immobilienbesitzer gestrichen werden. Monti setzte sich auch über die Widerstände gegen seine Arbeitsmarktreform hinweg. Noch bis vor wenigen Monaten war die Lockerung des Kündigungsschutzes in Italien ein Tabu. Als die Regierung Berlusconi 2002 den betreffenden Artikel 18 des Grundgesetzes ändern wollte, gingen Millionen Italiener auf die Straße. Nun wird die Reform ohne großes Aufsehen verabschiedet.

Mit der Liberalisierung will Monti den Arbeitsmarkt beleben. Weil die Wirtschaft in der Rezession steckt, ist die Arbeitslosenquote zuletzt auf mehr als neun Prozent gestiegen. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt mehr als 30 Prozent. Viele Junge hangeln sich von Job zu Job, meist mit befristeten Verträgen. Jüngste Statistiken belegen, dass rund 3,5 Millionen Arbeitnehmer seit Jahren in befristeten Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind und dabei weniger als 850 Euro verdienen – die meisten von ihnen im öffentlichen Dienst. Sie sollen bald nach einer Schulungsphase schneller in unbefristete Verträge rutschen.

In Europa wird Monti für seine Reformen gelobt . Daheim aber hat der Premier zunehmend Schwierigkeiten, Unterstützung für seinen Kurs zu finden. Sowohl die Gewerkschaften, als auch der Industrieverband Confindustria sehen seine Arbeitsmarktreform kritisch. Dabei ist das Reformwerk noch nichts gegen das, was der Regierung Monti Im Herbst bevorsteht. Dann soll die Schrumpfung des Staatssektors beginnen. 

Seit der Wirtschaftskrise der siebziger Jahre ist der öffentliche Dienst gewaltig angewachsen. Im Dezember 2011, als die Krise in Italien ihren Höhepunkt erreicht hatte, war der Staat der einzige Arbeitgeber, der überhaupt noch Mitarbeiter einstellte. Das soll sich nun ändern. Vergangene Woche präsentierte die Regierung eine Liste von Kürzungen im öffentlichen Sektor , durch die der Staat allein in neun Monaten 10,3 Milliarden Euro sparen soll.

Den Anfang sollen die Ministerien machen. Jeder fünfte Leitungsposten soll wegfallen, jede zehnte Beamtenstelle abgebaut werden. Die Zahl der Parlamentsabgeordneten sinkt um rund 20 Prozent. Die Ausgaben für die rund 65.000 Dienstwagen der Beamten und Abgeordneten sollen um die Hälfte schrumpfen – von zwei auf eine Milliarde Euro im Jahr. Auch bei der Armee sollen rund 10 Prozent der Kosten wegfallen. Monti will außerdem rund 220 Gerichtshöfe schließen, 7.000 Krankenhausbetten abbauen und 1.152 Poststellen dicht machen.

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Kommentare

90 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Italien hatte jahrzehntelang HÖHERE Zinsen

Was soll die Klage? Dank Euro hatte Italien ein paar Jahre historisch niedrige Zinsen. Aktuell sind sie noch lange nicht so hoch, wo sie vor dem Euro waren.

Gegen diejenigen zu agitieren, die einem Geld leihen sollen, wird wenig bringen.

Oder will Monti die Geldgeber mit der Pistole in der Hand zur Zahlung verpflichten?

Hören Sie bitte auf

uns diese unsinnigen Illusionen gebetsmühlenartig weiter vorzuspinnen. Sie müssen doch selbst wissen, dass die Kreditnehmer der Staaten kein scheues Reh sind, von dem es im Walde nur wenige gibt, das man anlocken und dem man Vertrauen einflößen muss.

Dass das Zustandekommen der Zinssätze eben keiner marktwirtschaftlichen Logik wie am Warenmarkt folgt, dafür gibt es reichlich illustre Beispiele. Eine große Menge an Finanzmarktteilnehmern wird auf Zinseskalation, einige sogar auf Zahlungsausfall setzen - Griechenland ist kein Einzelfall! Das alles hat keine Notwendigkeit noch sachliche wirtschaftliche Begründung. Es geht um geradezu destruktive Renditeerwartungen der Marktteilnehmer, und darauf muss man hinweisen.

Die internationalen Erfahrungen zeigen, dass man der Zinseskalation sehr wohl entgegensteuern kann ohne Zwangsanleihen, noch "Pistole in der Hand". Wieder stellen Sie sich zweckmäßigerweise dümmer als Sie wohl sind. Es reicht eine regulierende Zinspolitik der Notenbank, wie sie auf europäischer Ebene problemlos möglich und geboten wäre.
Sicher, Deutschland hat sich zurzeit noch etwas. In unserem Land ist es Tradition, lieber den Arbeitnehmer und Steuerzahler bluten zu lassen, als den Großinvestor und Vermögensmillionär auf die gesellschaftlichen Grenzen von Profitgier hinzuweisen.

Doch wenn Frau Merkel es ernst meint, dass "wenn der Euro scheitert, Europa scheitert" - und dann auch Deutschland scheitert - dann wird das kommen. Und Sie wissen dass es so kommen muss.

Lieber Booker-T

Das Problem ist nicht die Summe X% an Zinsen, das Problem ist der reale Zins.

Der errechnet sich aus der Differenz zwischen den zu zahlenden Zinsen (I = 6%) minus der Inflationsrate (stand heute 2,4%). Daraus folgert, dass I z.Zt. reale Zinsen von 3,6% bieten muss um sich für 10 Jahre Geld zu leihen.

Da in näherer Zukunft, weder das Wirtschaftswachstum noch neue Schulden diese 3,6% Lücke schließen werden, müssen weitere Einsparungen folgen um die Lücke zu schließen.

Soviel zum Thema, warum diese 6% tatsächlich ein Problem sind.

Bleibt die Frage warum denn die Investoren immer noch am Reformwillen Italiens zweifeln?

Und da war der Artikel durchaus hilfreich. Italiens Problem ist und bleibt Bunga-Bunga. Der hat mehrfach bewiesen, dass er es schaffen kann, mit populistischen Themen an die Macht zu kommen. Ist er einmal dort, dann sieht es von Außen so aus, als würde italiens Politik nur noch daraus bestehen, dass Herr Bunga-Bunga nicht ins Gefängniss muss.

Stellen Sie sich vor diesem Hintergrund folgende Frage:

Wo würden Sie lieber ihr Geld oder das Ihnen anvertraute Geld Anderer anlegen, beim italienischen Staat oder z.B. bei BMW?

Italien wäre mehr als mit allem Geld der Welt geholfen, wenn Bunga-Bunga kein politisches Thema mehr wäre. In dem Punkt ist das Land leider ein abschreckendes Beispiel, wohin zuviel Medienmacht in der Hand eines Menschen führen kann.

Danke

Allerdings sind die meisten Menschen faktenresistent.....wie sagte dereinst Gerhard Polt im Osterhasi/Nikolausi Disput: Wenn man sich in eine Idee verrannt hat, ist man wie vernagelt.

Wer immer noch meint, es sei ja alles halb so wild und die Südländer sollen sich nicht so haben, weil sie früher (also bevor sie unsäglicherweise eine Währung eingeführt haben, die viel zu stark für ihre "Leistungsfähigkeit" ist), hat von Wirtschaft soviel Ahnung wie unser Wirtschaftsminister.....also gar keine.

Lieber Lothar Schepers

...ist ist angenehm zu sehen das es noch Leute gibt die sachlich Argumentieren können. Möchte daher ihren Beitrag ergänzen.

Einsparungen schließen keine Lücken. Sie reißen nur neue, da die Einsparrungen zu lasten von irgend jemand anders gehen.
Diesem jemand, ob Staaten, Firmen oder privat Haushalte wird es dann nach der Einsparungen schlechter gehen als vorher.
Vorallem da die Sparmaßnahmen meist dann die jenigen welchen treffen, denen es sowiso nicht so berauschend geht, führt dies dann auch mal zu höherer Arbeitslosigkeit. Siehe Spanien.

Genauso wenig wie "Investitionen" helfen, denn diese müssen auf Pump finaziert werden. Ist das Wirtschaftswachstum dann kleiner als die Zinslast der Schulden die durch die Investition entstanden sind....Nunja...

Ihrem Kommentar kann ich mich ansonsten nur anschließen.

MfG

Jein nicht ganz!

Das Einsparungen an einer anderen Stelle im Wirtschaftskreislauf fehlen ist erst einmal richtig. Die Frage ist jedoch, was machen die Menschen/Unternehmen denen diese Arbeit/Aufträge fehlen?

Diejenigen, die keine Kompensation finden/suchen verschieben nur das Manko zurück an die Gemeinschaft/Staat, die Anderen jedoch verkleinern es.

Wie dem auch sei, man kann die Lücke natürlich auch durch Einnahmen schließen. Ist aber nur sinnvoll wenn man die Kunst beherrscht, die Steuern zu erhöhen/einzuführen, die unproduktiv geparktes Vermögen (im eigenen Hoheitsgebiet) betreffen.

Es geht um die Glaubensfrage der Konsum gesteuerten Wirtschaft (John M. Keynes). Wie Sie wahrscheinlich vermuten bin ich aber kein Anhänger dieser Glaubensrichtung, da ich keinen Fall kenne bei dem das Verfahren jemals (im Sinne von Keynes) Erfolg gehabt hat.

Weder der "New Deal" (Roosevelt kannte Keynes "Treatise on Money") noch Japans Versuche der Stagnation seit 1989 zu entkommen (durchschnittlich 10% des BIP's p. a. über 20Jahre) waren erfolgreich. Die Konsumstrategie mildert nur die kurzfristigen Folgen, führt aber bereits mittelfristig zum wirtschaftlichen Abstieg der Allgemeinheit (vergl. Japan).

Die Argumente von Krugman, über Soros bis Bernanke inkl. des Verweises auf die soziale Katastrophe (Hitler), stimmen nicht. Von Papen hielt dem Wahlverlierer (-4,2%) schnell die Steigbügel, denn Brünings Spardiktat wirkte und die Konjunktur sprang bereits 1932 wieder an.

Der Markt sollte es honorieren?

Dem Markt (oder besser gesagt der Finanzindustrie) ist nur eins wichtig: Der Profit (egal ob finanziell oder marktmachttechnisch).

Mit den Sparplänen hat man sich selbst eine Bombe gelegt und erwartet, dass die daraus resultierenden schlechten Daten außer acht gelassen werden.

Weshalb hat dieser "Markt" denn Reformen verlangt?