Braunkohletagebau im brandenburgischen Welzow (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

ZEIT ONLINE: Der Erdgipfel von Rio hat nichts daran geändert : Wir verbrauchen mehr Ressourcen, als die Erde regenerieren kann. Was müsste passieren, um das zu ändern?

Kai Schlegelmilch: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssten sich ändern, und zwar so, dass Preise künftig die ökologische Wahrheit sagen . Je schädlicher die Herstellung eines Produkts für die Umwelt, desto höher der Preis. Verbraucher und Unternehmen müssten sich so nicht mehr aufwändig über die ökologischen Folgen ihrer Entscheidung informieren, und ökologisch sinnvolle Projekte würden sich rentieren.

ZEIT ONLINE: Das klingt simpel, aber was bedeutet es praktisch?

Schlegelmilch: Energie aus Kohlekraftwerken müsste verteuert werden, damit sie mehr kostet als Strom aus Erneuerbaren Energien. Auch die Steuern auf Heizöl müssten steigen – Deutschland liegt da im EU-Vergleich im unteren Drittel.

ZEIT ONLINE: Höhere Energiepreise treffen die Armen besonders .

Schlegelmilch: So pauschal kann man das nicht sagen. Hartz-IV-Empfänger zum Beispiel bekommen den Anstieg der Heizkosten in der Regel voll erstattet. Es stimmt, dass höhere Heizölkosten besonders die Bezieher kleiner Einkommen treffen; aber die Luftverkehrsteuer zahlen vor allem wohlhabende Vielflieger, und auch eine stärkere Besteuerung von Dienstwagen würde die Wohlhabenden deutlich mehr treffen als andere. Höhere Kraftstoffsteuern wiederum belasten vor allem die Mittelklasse, denn die Armen haben oft gar kein Auto. Aber letztlich hat jeder die Wahl, zu entscheiden, ob er vermeiden oder lieber zahlen will. Daher verträgt sich eine Ökosteuer so gut mit der Marktwirtschaft und der grundsätzlich freien Wahl der Konsumenten.

Zentrales Ziel ist es, die Abhängigkeit der Unternehmen und Konsumenten von den stark steigenden Energiepreisen zu verringern. Denn weder Wind noch Sonne schicken Rechnungen. Die Nation, die also zuerst vollkommen auf Erneuerbare Energien und Energieeffizienz gesetzt hat, wird also die Nase vorne haben. So werden Arbeitsplätze geschaffen und die Wettbewerbsfähigkeit erhöht.

ZEIT ONLINE: Was muss noch passieren?

Schlegelmilch: Ganz allgemein: Wir müssen klimaschädliche Subventionen abschaffen, fossile Energien verteuern und so Effizienz und Erneuerbare fördern. Einige ökologisch wirksame Steuern und Abgaben haben wir bereits, etwa die Ökosteuer, die Luftverkehr- und die Kernbrennstoffsteuer, oder die Lkw-Maut. Als nächstes steht die Reform der Dienstwagenbesteuerung, aber auch die des Spitzenausgleichs der Ökosteuer an...

ZEIT ONLINE: … letzterer regelt, dass energieintensive Unternehmen die Ökosteuer nur bis zu einem gewissen Höchstbetrag zahlen müssen...

Schlegelmilch: Die EU-Kommission hat diese Ausnahmeregel nur bis zum Ende des Jahres genehmigt. Vermutlich wird sie auch danach bestehen bleiben, aber dann müssen sich die Unternehmen im Gegenzug verpflichten, in ihren Betrieben nach Energiesparmöglichkeiten zu suchen und diese auch umzusetzen. Entscheidend ist: Die Firmen wissen, dass die Politik weiter in diese Richtung gehen wird; das gibt ihnen Impulse, jetzt schon ökologisch zu investieren. Die Rahmenbedingungen müssen langfristig verlässlich sein. Darauf kommt es ganz besonders an.

ZEIT ONLINE: Ist die Richtung der Regierung tatsächlich eindeutig? Zuletzt fiel die Koalition vor allem dadurch auf, dass Wirtschafts- und Umweltministerium sich um die Energiepolitik stritten.

Schlegelmilch: Im Fall des Spitzenausgleichs kommt Druck von Seiten der EU-Kommission, da ist die Richtung klar. Was die Energiewende betrifft: Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird der Widerstand. Deshalb ist es umso wichtiger, dass der Ausbau der Erneuerbaren und der Stromnetze schnell vorangetrieben wird. Aber auch die Gebäudeisolierung als zentraler Baustein einer Effizienzpolitik muss endlich steuerlich gefördert werden. Zusammen mit höheren Heizstoffsteuern und dem Gebäudesanierungsprogramm kommt noch mehr Bewegung in den Markt.