US-GesellschaftDas Nein zu Steuern ist typisch amerikanisch

Es fehlt an allen Ecken und Enden in den USA: marode Schulen, miese Infrastruktur. Aber deshalb mehr Steuern zahlen? Für die meisten Amerikaner ein Unding. Von H. Buchter von 

Schlange vor einer Job-Messe in New York City

Schlange vor einer Job-Messe in New York City  |  © John Moore/Getty Images

Noch immer kämpft Amerika mit den Folgen der Großen Rezession: Armut ist so verbreitet wie seit 50 Jahren nicht, fast 50 Millionen Amerikaner erhalten inzwischen Food Stamps, staatliche Essensmarken, weil sie sonst nicht mehr über die Runden kommen. Langzeitarbeitslosigkeit ist höher als je zuvor.

Für dringend benötigte Infrastrukturmaßnahmen fehlt das Geld. Hunderte Milliarden Dollar müssten investiert werden, um das Stromnetz grundlegend zu überholen, das so alt ist, dass Glühbirnenerfinder Thomas Edison es wiedererkennen könnte. Ingenieure warnen seit Jahren vor den Folgen von überalterten Rohren und Kläranlagen.

Eltern sehen sich zunehmend gezwungen, öffentlichen Schulen durch Spenden unter die Arme zu greifen – und zuweilen neben Büchern auch Putzmittel zu kaufen. Viele Amerikaner beklagen den Zustand ihres Landes.

Doch das heißt nicht, dass sie bereit wären, höhere Steuern zu bezahlen. Steuern waren noch nie und nirgends beliebt und nur wenige Bürger zahlen wirklich gerne.

Anti-Sozialstaat als historisches Erbe

Die Abneigung gegen Abgaben spielt in den USA eine besonders große Rolle. Sie gehört zum historischen Erbe der USA. Zumindest vertreten die Anhänger der Tea Party lautstark diese Ansicht. Sie berufen sich bei ihrer Anti-Steuer und Anti-Sozialstaatskampagne auf das Vorbild der frühen amerikanischen Revolutionäre und die Boston Tea Party von 1773 und brachten es mit dieser Botschaft innerhalb von nur drei Jahren zu beachtlicher politischer Macht im Land.

Dabei zahlen die US-Bürger im Vergleich weniger als Bürger anderer westlicher Industrieländer. Das Steueraufkommen liegt bei 24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, damit liegen die USA unter den 28 OECD-Ländern auf Platz 26 (nach Daten von 2009). Nur in Chile und Mexiko erhält der Staat weniger von der Wirtschaftsleistung. Deutschland ist auf Platz zwölf mit 37 Prozent.

Auch Präsident Obama hat Steuern zum zentralen Thema seines Wahlkampfs gemacht. Er propagiert höhere Steuern für Besserverdiener. Gern verweist er dabei auf seinen Rivalen Mitt Romney, dessen Vermögen sich – strategisch günstig verteilt auf verschiedene Steueroasen –auf geschätzte 200 bis 250 Millionen Dollar belaufen soll. Romney genießt als Finanzier eine besonders niedrige Steuerrate. 

Obamas Wahlkampfhelfer haben dennoch einen schweren Stand. Laut Umfragen ist zwar eine Mehrheit dafür, die Last für Wohlhabende zu erhöhen. Doch die Zustimmung sinkt: Vor 20 Jahren befürworteten 77 Prozent höhere Steuern für Vermögende, heute sind es nur noch 62 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der Befragten gestiegen, die finden, dass die Reichen genug zum Allgemeinwohl beitragen.

Leserkommentare
  1. Hat das ein tieferen sinn das das, U.S Amerikanische Steuersystem hier das Topthema ist?

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    dann erfahren Sie, dass es nicht um das US-amerikanische Steuersystem geht, sondern um den Unmut der dortigen Gesellschaft, die Dinge, die sie vom Statt fordern auch zu bezahlen.

    Das ist nicht nur deshalb einen Artikel wert, weil es auch hierzulande Menschen gibt, die sich für das interessieren, was in den USA passiert, sondern auch, weil eine ähnliche Tendenz auch in Deutschland immer deutlicher spürbar wird.

    ...welche definitiv ein Topthema sind.

    • RGFG
    • 22. August 2012 8:58 Uhr

    Also erstens nimmt in Amerika der Präsidentschaftswahlkampf an Touren auf.

    Und zweitens ist das doch eine ganz instruktive Perspektive zur Eurokrise - in den USA interessierte es keine Sau und auch keine Ratingagentur, dass Nevada, New Mexico etc. eigentlich Pleite sind. Bei Griechenland dagegen schon. Und jetzt stellen wir uns doch mal die Vereinigten Staaten von Europa vor, und ob da nicht plötzlich auch eine gewisse 'Steuermüdigkeit' um sich greifen würde, nach dem Motto: "Egal ob es mir nicht so gut geht - Hauptsache den anderen geht es 'von meinem Geld' nicht besser..."

    jup das ist der blick in unsere zukunft.

    Allein das Wort „Steuern“ ruft bei vielen eine Art pawlowschen Abwehreflex aus.

    Z.B. wurde vor Jahrzehnten die hubraumabhängige KFZ-Steuer festgelegt.

    Obwohl der Anteil der KFZ-Steuer an den gesamten Haltungskosten gering sind, war sich die Autoindustrie offenbar der allgemeinen „Steuerallergie“ der Verbraucher und deren sportlichen Ehrgeiz Steuer zu sparen, bewusst, und reduzierte die Hubräume, wobei die Hersteller mit geringen Hubräumen und der damit verbundenen (tatsächlich läppischen) Steuerersparnis warben.
    Um jedoch aus den geringen Hubräumen mehr Leistung zu holen, musste die Verdichtung erhöht, und deshalb aus diversen techn. Gründen dem Benzin Blei hinzugefügt werden.

    Laut z.B. Spiegel-Bericht Heft 16/1971 Textblock 6, beklagte die Industrie sogar, von der (Steuer-) Politik zur Bleiverwendung gezwungen worden zu sein:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43334755.html

    Also haben wir die jahrzehnte lange Luftverschmutzung mit Blei, einem starkem Gift (u.a. Nerven, Keime), einer weit verbreiteten, fast wahnhaft zu nennenden in Teilen wie im obigen Beispiel unverhältnismäßigen Steuersparsucht zu „verdanken“.

    Steuersparen auf Teufel komm heraus als Statussymbol, als „clevere Heldentat“.
    Dabei blind für die tatsächlich oft läppischen Einsparungen die die Mühe des Taktierens und Tricksens nicht lohnt und blind für die letztlich zum gesellschaftlichen und persönlichen Schaden (auch gesundheitlich) führenden Schattenseiten, zu dem solcher Wahn führen kann.

    ... zwischen US-Medien und z.B. den deutschen (Qualitäts-)Nachrichten. Hätten US Bürger Zugang und Informationen über die Vielfalt der globalen Steuersysteme und deren Symptome (und würde die Mehrheit der US Bürger diese auch zur Kenntnis nehmen), dann hätten sie sicher auch eine andere Haltung gegenüber der Bereitschaft zum Steuernzahlen im eigenen Land.

    Denn: Was einem Land blühen kann, dessen Bevölkerung so ein gestörtes Verhältnis zu Steuerabgaben hat, wie anscheinend der Großteil der US-Amerikaner, dürfen wir hier ja gerade an einem Beispiel eindrucksvoll vor der eigenen Haustüre erleben.

  2. Die fehelenden Finanzen sind eben die Folge von Bushs (junior ) Ölkrieg.

    Der Schuldendienst verbraucht eben einen Großteil der Steuereinahmen.

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    Konterrevolution meint:"Die fehelenden Finanzen sind eben die Folge von Bushs (junior ) Ölkrieg"

    Ein schönes Beispiel für eine Contradictio in adiecto.
    Denn wenn es ein Ölkrieg gewesen wäre, dann gäbe es ja jetzt keine fehlenden Finanzen.

    Nee, das Problem ist eher das Bush eben nicht für Öl sondern gegen einen Diktator in den Krieg gezogen ist und das zahlt sich am Ende nicht aus.

  3. Problematischer als die individuellen Ungleichheiten sind die zwischen Regionen. In den reichen Regionen gibt es ganz brauchbare öffentliche Leistungen, und dies zu niedrigen Steuersätzen - die dort bezogen auf die höheren Einkommen und Hauspreise trotzdem mehr Steuereinnahmen pro Kopf ergeben.
    Keine wohlhabende Region will durch Leistungen für sozial Schwächere diesen Vorteil einbüßen.

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    entgegen dem gaengigen Vorurteil naemlich keine Transferunion und hat keinen Laenderfinanzausgleich. Frau Kraft wuerde dort alt aussehen. Der eigentliche Grund warum man gegen mehr Steuern ist, nennt Artikel nicht. Immer nur mehr Geld der Anderen auszugeben loest keines der genannten Probleme. Im Gegenteil! Die USA gibt pro Kopf deutlich mehr als die im Resultat fuehrenden Staaten fuer die Schulung der Kinder und fuer den Gesundheitsdienst der Bevoelkerung aus und hat Nichts dafuer vorzuweisen. Die Gruende sind vielfaeltig und im Rahmen eines Kommentars unmoeglich umfassend zu benennen. Wenn man sich jedoch die Unterschiede zwischen den Bundesstaaten genauer ansieht, kann man erkennen das die Freiheit den eigenen Weg zu gehen und dafuer zu zahlen/haften durchaus das Rezept zum Erfolg finden kann.

  4. Problematischer als die individuellen Ungleichheiten sind die zwischen Regionen. In den reichen Regionen gibt es ganz brauchbare öffentliche Leistungen, und dies zu niedrigen Steuersätzen - die dort bezogen auf die höheren Einkommen und Hauspreise trotzdem mehr Steuereinnahmen pro Kopf ergeben.
    Keine wohlhabende Region will durch Leistungen für sozial Schwächere diesen Vorteil einbüßen.

  5. sollte man sich erstmal überlegen warum man so fantastische Summen fürs Militär ausgeben muss...

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    Die immensen Militaerausgaben sind zwingender Bestandteil staatlicher Verpflichtung zur Sicherung des Eigentums und der "Rechte" auf kuenftiges Eigentum, insbesondere der oberen 20%. Die aktuelle und kuenftige Ausbeutung der weltweiten Resourcen muss sichergestellt werden, um aus dem "amerikanischen Traum" nicht in die Realitaet aufzuwachen.

    The american way - dream on barbie.

  6. dann erfahren Sie, dass es nicht um das US-amerikanische Steuersystem geht, sondern um den Unmut der dortigen Gesellschaft, die Dinge, die sie vom Statt fordern auch zu bezahlen.

    Das ist nicht nur deshalb einen Artikel wert, weil es auch hierzulande Menschen gibt, die sich für das interessieren, was in den USA passiert, sondern auch, weil eine ähnliche Tendenz auch in Deutschland immer deutlicher spürbar wird.

    Antwort auf "Topthema?"
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    ... "vom Statt" sollte natürlich "vom Staat" heißen.

    Auch ich gehöre zu den Bürgern, die ihre Steuern mit gemischten Gefühlen zahlen, und zwar deswegen, weil ich einige Zweifel an der sinnvollen Verwendung habe.

  7. ...welche definitiv ein Topthema sind.

    Antwort auf "Topthema?"
  8. ... "vom Statt" sollte natürlich "vom Staat" heißen.

    Antwort auf "Lesen Sie den Artikel,"

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