Arbeiter in einer chinesischen Solarfabrik: Viele Manager aus China warten monatelang auf eine Visum. © Getty Images

Angela Merkel wirbt in Peking um milliardenschwere Aufträge für die heimische Industrie. Allein der deutsch-französische Flugzeugbauer Airbus hofft auf eine Großbestellung von 100 Flugzeugen. Während ihrer zweiten China-Reise in diesem Jahr spielt die Bundeskanzlerin abermals den Türöffner für die deutsche Wirtschaft: 20 Unternehmer hat sie im Schlepptau. Mit dabei sind Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger, der künftige BDI-Chef Ulrich Grillo und der Geschäftsführer des Automobilzulieferers Schaeffler, Jürgen Geißinger. Sie alle wissen: Persönliche Kontakte mit den Geschäftspartnern aus Fernost sind ein wertvoller Trumpf in den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen.

Doch die Besuche der deutschen Unternehmer im Reich der Mitte drohen eine einseitige Angelegenheit zu werden: Denn chinesische Geschäftsleute und Investoren, die nach Deutschland reisen wollen, stehen derzeit vor enormen bürokratischen Hürden. Der Grund: Die Zahl der Visumsanträge aus China ist zuletzt so stark angestiegen, dass die deutschen Auslandsvertretungen in Peking, Schanghai und Chengdu vollkommen überlastet sind. Die Bewilligung einer Geschäftsreise dauert im Regelfall mehrere Monate. Spontane Reisen zu Messen oder Vertragsabschlüssen in Deutschland werden dadurch unmöglich.

Die Wirtschaft stellt das vor erhebliche Probleme: "Beim deutsch-chinesischen Handel spielt das gegenseitige Vertrauen eine große Rolle", sagt Torsten Grünewald, Asienexperte der Handelskammer Bremen. "Das kann man nur schwer über Telefon oder E-Mail herbeiführen." Die erheblichen Verzögerungen bei der Visumserteilung bergen aus seiner Sicht die Gefahr, dass Verträge erst gar nicht abgeschlossen oder nur schwer erfüllt werden können. "Außerdem könnten deutsche Unternehmen im internationalen Wettbewerb das Nachsehen haben gegenüber Ländern, die schnellere Visavergabeverfahren anbieten."

Dem Auswärtigen Amt ist das Problem bewusst: Die deutschen Auslandsvertretungen in China hatten allein im vergangenen Jahr über 236.000 Visumsanträge zu bearbeiten – rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Nirgendwo auf der Welt wuchs die Zahl der Antragsteller so stark wie hier. Auch für 2012 rechnen die Diplomaten mit einem neuen Rekordwert. "Zusätzliches Personal wurde und wird an den Visastellen eingesetzt, um im Rahmen des Möglichen diesem Anstieg zu begegnen", teilt eine Ministeriumssprecherin mit.

Doch das scheint kaum zu helfen. Wer in China einen Antrag für ein deutsches Geschäftsvisum stellt, muss über ein Onlinesystem einen Termin zur persönlichen Vorsprache ergattern. Nur für regelmäßige Deutschland-Besucher kann diese Pflicht entfallen. In der Botschaft in Peking war bei einem Test am Mittwochabend der früheste Gesprächstermin in sechs, im Generalkonsulat Chengu erst in sieben Wochen verfügbar. Die deutsche Vertretung in der Handelsmetropole Schanghai ist bis zum 19. Oktober gar komplett ausgebucht. Weitere Gesprächstermine werden erst zu einem späteren Zeitpunkt online freigeschaltet.

China scheint angesichts der langen Wartezeiten die Geduld zu verlieren. "Viele Chinesen fühlen sich durch die Antragsprozeduren für europäische Visa gedemütigt", schrieb die Zeitung People’s Daily, das offizielle Sprachrohr der kommunistischen Partei, Anfang der Woche. Der Sozialwissenschaftler Zhou Qi kritisierte in dem Artikel die paradoxe Situation, dass Europa zwar einerseits das Geld der Chinesen wolle, andererseits aber so hohe Hürden bei der Visumserteilung schaffe, dass eine Einreise kaum möglich sei. Auch Sun Yongfu, der die Europa-Angelegenheiten des chinesischen Wirtschaftsministerium leitet, forderte vor wenigen Wochen ein Umdenken: Chinesische Investoren hätten es in der EU schwer, an Visa zu gelangen. "Ich hoffe, dass die Europäische Union diese Hürden bald beseitigt."