ChinaDas lange Warten auf ein deutsches Visum

Angela Merkel wirbt in China für die deutsche Wirtschaft. Chinas Firmen aber haben es schwer, in Deutschland Geschäfte zu machen: Sie müssen zu lang auf ein Visum warten. von Mathias Peer

Arbeiter in einer chinesischen Solarfabrik: Viele Manager aus China warten monatelang auf eine Visum.

Arbeiter in einer chinesischen Solarfabrik: Viele Manager aus China warten monatelang auf eine Visum.  |  © Getty Images

Angela Merkel wirbt in Peking um milliardenschwere Aufträge für die heimische Industrie. Allein der deutsch-französische Flugzeugbauer Airbus hofft auf eine Großbestellung von 100 Flugzeugen. Während ihrer zweiten China-Reise in diesem Jahr spielt die Bundeskanzlerin abermals den Türöffner für die deutsche Wirtschaft: 20 Unternehmer hat sie im Schlepptau. Mit dabei sind Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger, der künftige BDI-Chef Ulrich Grillo und der Geschäftsführer des Automobilzulieferers Schaeffler, Jürgen Geißinger. Sie alle wissen: Persönliche Kontakte mit den Geschäftspartnern aus Fernost sind ein wertvoller Trumpf in den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen.

Doch die Besuche der deutschen Unternehmer im Reich der Mitte drohen eine einseitige Angelegenheit zu werden: Denn chinesische Geschäftsleute und Investoren, die nach Deutschland reisen wollen, stehen derzeit vor enormen bürokratischen Hürden. Der Grund: Die Zahl der Visumsanträge aus China ist zuletzt so stark angestiegen, dass die deutschen Auslandsvertretungen in Peking, Schanghai und Chengdu vollkommen überlastet sind. Die Bewilligung einer Geschäftsreise dauert im Regelfall mehrere Monate. Spontane Reisen zu Messen oder Vertragsabschlüssen in Deutschland werden dadurch unmöglich.

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Die Wirtschaft stellt das vor erhebliche Probleme: "Beim deutsch-chinesischen Handel spielt das gegenseitige Vertrauen eine große Rolle", sagt Torsten Grünewald, Asienexperte der Handelskammer Bremen. "Das kann man nur schwer über Telefon oder E-Mail herbeiführen." Die erheblichen Verzögerungen bei der Visumserteilung bergen aus seiner Sicht die Gefahr, dass Verträge erst gar nicht abgeschlossen oder nur schwer erfüllt werden können. "Außerdem könnten deutsche Unternehmen im internationalen Wettbewerb das Nachsehen haben gegenüber Ländern, die schnellere Visavergabeverfahren anbieten."

Dem Auswärtigen Amt ist das Problem bewusst: Die deutschen Auslandsvertretungen in China hatten allein im vergangenen Jahr über 236.000 Visumsanträge zu bearbeiten – rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Nirgendwo auf der Welt wuchs die Zahl der Antragsteller so stark wie hier. Auch für 2012 rechnen die Diplomaten mit einem neuen Rekordwert. "Zusätzliches Personal wurde und wird an den Visastellen eingesetzt, um im Rahmen des Möglichen diesem Anstieg zu begegnen", teilt eine Ministeriumssprecherin mit.

Doch das scheint kaum zu helfen. Wer in China einen Antrag für ein deutsches Geschäftsvisum stellt, muss über ein Onlinesystem einen Termin zur persönlichen Vorsprache ergattern. Nur für regelmäßige Deutschland-Besucher kann diese Pflicht entfallen. In der Botschaft in Peking war bei einem Test am Mittwochabend der früheste Gesprächstermin in sechs, im Generalkonsulat Chengu erst in sieben Wochen verfügbar. Die deutsche Vertretung in der Handelsmetropole Schanghai ist bis zum 19. Oktober gar komplett ausgebucht. Weitere Gesprächstermine werden erst zu einem späteren Zeitpunkt online freigeschaltet.

China scheint angesichts der langen Wartezeiten die Geduld zu verlieren. "Viele Chinesen fühlen sich durch die Antragsprozeduren für europäische Visa gedemütigt", schrieb die Zeitung People’s Daily, das offizielle Sprachrohr der kommunistischen Partei, Anfang der Woche. Der Sozialwissenschaftler Zhou Qi kritisierte in dem Artikel die paradoxe Situation, dass Europa zwar einerseits das Geld der Chinesen wolle, andererseits aber so hohe Hürden bei der Visumserteilung schaffe, dass eine Einreise kaum möglich sei. Auch Sun Yongfu, der die Europa-Angelegenheiten des chinesischen Wirtschaftsministerium leitet, forderte vor wenigen Wochen ein Umdenken: Chinesische Investoren hätten es in der EU schwer, an Visa zu gelangen. "Ich hoffe, dass die Europäische Union diese Hürden bald beseitigt."

Leserkommentare
  1. " Auch Sun Yongfu, der die Europa-Angelegenheiten des chinesischen Wirtschaftsministerium leitet, forderte vor wenigen Wochen ein Umdenken: Chinesische Investoren hätten es in der EU schwer, an Visa zu gelangen. "Ich hoffe, dass die Europäische Union diese Hürden bald beseitigt.""

    Es gibt innerhalb der EU berechtigte Bedenken gegenüber Visaerleichterungen: zum einen gibt es die Sorge, Visaerleichterungen würden der Wirtschaftsspionae Tür und Tor öffen, ein anderes Problem ist die Sorge in der europäischen Öffentlichkeit vor der massenweisen illegalen Einreise und die damit verbundene Kriminalität.

    Diese Ängste und Sorgen bestehen und ihnen muss Rechnung getragen werden.

    4 Leserempfehlungen
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    • lufkin
    • 30. August 2012 16:28 Uhr

    Ich halte die Bedenken für weitgehend unbegründet.
    Typische Auswanderungsländer für Chinesen sind eher Australien und die USA. In Australen machen die Chinesen allein etwa 10% der Visums-Überzieher aus.
    Industriespionage kommt auch eher von Innen, sprich man bezahlt unzufriedene Angestellte für Information, dafür müssen die Chinesen nicht das Dtl. kommen.
    Und Kriminalität... wüsste nicht, dass sich Chinesische Einwandere da irgendwo auf der Welt besonders hervorgetan hätten.

    gemacht. Tolles Geschäftsmodell.

    Während chinesische Hersteller (Staatsbetriebe) mit Dumpingpreisen aus dem Markt drängen, macht Merkel was?

    Wie geht China mit ausländischen Firmen und ihren Mitarbeitern um?

    "Bereits Ende Mai dieses Jahres gab die Europäische Handelskammer in China bekannt, dass mehr als ein Fünftel aller europäischen Konzerne, die in China produzieren, vor einer Aufgabe der Produktion stünden. Als Gründe wurden eine überbordende Bürokratie, zu hohe Kosten und eine Diskriminierung ausländischer Firmen genannt."
    http://www.wirtschaftsfac...

  2. Der Artikel spricht mir, als deutschem Bürger, aus der Seele. Seit 12 Jahren habe ich mit deutschen Vertretungen in China zu tun. Die Arroganz dort ist nicht zu überbieten. So etwas habe ich noch in keiner Vertretung eines anderen Landes erlebt. Von der Beschaffung eines Termines, über die Unfreundlichkeit des Personals, bis zur schieren Unmöglichkeit ein Visum zu bekommen, aufgrund der Anforderungen. Was habe ich mir da schon für freche Sprüche vom, ansonsten unsichtbaren, deutschen Personal angehört! In Peking, als ich eine deutsche Mitarbeiterin um Hilfe bat, da die Botschaft einen Termin verbummelt hatte: "Wer will hier ein Visum, Sie oder Ihre Begleitung?" und weg.
    In Guangzhou: "Bilden Sie sich nicht ein, Sie könnten Ihre Freundin mitbringen, wenn Sie sie heiraten!".
    Es ist offensichtlich, dass, nachdem unter Fischer/ Steinmeier, in Kiew Zigtausende Visa 'verschleudert' wurden, eine radikale Umkehr stattfand, zu 'Hier kommt keiner mehr rein'.
    Wenn die Chinesen sich ebenso verhalten würden, wäre weder privater noch geschäftlicher Kontakt möglich, ausser für die Leute die sich als 'Eliten' bezeichnen.

    • lufkin
    • 30. August 2012 16:28 Uhr

    Ich halte die Bedenken für weitgehend unbegründet.
    Typische Auswanderungsländer für Chinesen sind eher Australien und die USA. In Australen machen die Chinesen allein etwa 10% der Visums-Überzieher aus.
    Industriespionage kommt auch eher von Innen, sprich man bezahlt unzufriedene Angestellte für Information, dafür müssen die Chinesen nicht das Dtl. kommen.
    Und Kriminalität... wüsste nicht, dass sich Chinesische Einwandere da irgendwo auf der Welt besonders hervorgetan hätten.

    Eine Leserempfehlung
  3. ...in SPDCDUCSU. An deren Widerstand scheitern letztendlich Visaerleichterungen. Wenn man dann noch medienwirksam vor dem "Chinesischen Wanderarbeiter" warnt, ist alles paletti und die nächste Wahl in trockenen Tüchern.

    • Tangram
    • 30. August 2012 16:57 Uhr

    ... meine Frau ist Nicht-EU-Bürgerin, inzwischen verwende ich einen polemischen Scherz: "es ist leichter den Deutschen Pass zu bekommen, als ein Visum für England!".
    Ansonsten pflichte ich dem Artikel und den Foranten bei. Die unnötigen Hürden für VISA sind nicht haltbar ... und gleichzeitig wird hier über Green-Card und andere Programme nachgedacht. Da läuft was schief!!!
    PS: Über die zuständigen Konsularbeamten in Westafrika kann ich nicht meckern, uns wurde erst eines von ca. 10 Visa verweigert, was aber einen konkreten Grund hatte.

  4. Liegt vielleicht dadran, dass die Variante "chinesische Firmen machen in Deutschland Geschäfte" aus deutscher Sicht eher als unplanmässiger Ausrutscher gedeutet wird.

  5. gemacht. Tolles Geschäftsmodell.

    Während chinesische Hersteller (Staatsbetriebe) mit Dumpingpreisen aus dem Markt drängen, macht Merkel was?

    Wie geht China mit ausländischen Firmen und ihren Mitarbeitern um?

    "Bereits Ende Mai dieses Jahres gab die Europäische Handelskammer in China bekannt, dass mehr als ein Fünftel aller europäischen Konzerne, die in China produzieren, vor einer Aufgabe der Produktion stünden. Als Gründe wurden eine überbordende Bürokratie, zu hohe Kosten und eine Diskriminierung ausländischer Firmen genannt."
    http://www.wirtschaftsfac...

    2 Leserempfehlungen
  6. mal thematisiert wird. Ähnliches gilt nämlich für Doktoranden, die gerne in D weiterforschen oder arbeiten würden. Selbst auf Fürsprache von den Doktorvätern und potentiellen Arbeitgebern gibt es oft genug Probleme. Da ändert sich nur sehr, sehr langsam etwas. Mittlerweile ist es ja so,daß D bei Akademikern aus China einen schlechten Ruf bekommen hat und die rigiden Bestimmungen zur Visa-Vergabe sind der wesentliche Grund dafür. Auch habe ich erlebt, daß auf Kongressen, für Vorträge geladene chinesische Professoren erst in allerletzter Minute ein oder manchmal gar kein Visum bekommen haben. Hier wird immer so getan, als verhalte man sich mustergültig gegenüber Chinesen und sie sollten endlich mal *unsere tollen* Vorschläge zur Demokratisierung und Einführung von freiheitlichen Grundsätzen übernehmen. Und überhaupt Aufklärung, Humanismus, Menschenrechte...
    @ 7 eisatnaf Die Umfrage ergab rein hypothetische Werte, wer da letztens sich aus dem Geschäft zurückzieht und aus welchen Gründen, ist noch völlig offen. Interessanter wäre eine Umfrage, die den Status Quo, also die tatsächlich erfolgten Rückzüge und deren Gründe, untersucht hätte.

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