Esther Duflo auf einer Konferenz am Collège de France im Januar 2009 © Patrick Kovarik/AFP/Getty Images

Wahrscheinlich war es ihre Mutter, die sie für das Thema sensibilisierte. Die war Kinderärztin in Paris und engagierte sich für Hilfsprojekte in Afrika . Schon als Kind interessierte sich daher auch Esther Duflo für die Armut in Entwicklungsländern. "Das erschien mir als das größte Problem der Welt", erzählt die 39-Jährige. Heute, rund drei Jahrzehnte später, ist sie Professorin für Entwicklungsökonomie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und eine der international einflussreichsten Ökonominnen der Welt.

Als sie mit ihrer wissenschaftlichen Karriere begann, war Entwicklungsökonomie eine Außenseiter-Disziplin der VWL. Derzeit boomt kaum eine andere Fachrichtung so stark – dank Duflo und ihrem MIT-Kollegen Abhijit Banerjee.

Das Forscher-Duo verhalf einer wissenschaftlichen Methode zum Durchbruch, die die Armutsforschung revolutionierte: Experimente mit Kontrollgruppen, wie sie in der Medizin schon lange üblich sind. So, wie Ärzte die Wirkung von neuen Medikamenten systematisch erforschen, testen die Ökonomen die Effekte von Wirtschaftspolitik mit sogenannten randomized trials .

So fanden die Forscher zum Beispiel heraus, dass Mikrokredite im Kampf gegen die Armut nur bedingt helfen – und dass energiesparende Kochherde extrem simpel zu bedienen sein müssen, damit die Armen sie auch nutzen. Einleuchtend eigentlich, "aber das sagt sich hinterher immer leicht", meint Duflo.

Als die Studie fertig war, hatte die Global Alliance for Clean Cookstoves schon Hunderttausende von schwierig zu bedienenden Öfen verteilt.

Weil sie "unerbittlich konventionelles Wissen infrage stellt", setzte das Time -Magazin Duflo im vergangenen Jahr auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt . Die American Economic Association zeichnete sie 2010 mit der John Bates Clark Medal aus, die in der Zunft als "kleiner Nobelpreis" gilt. Das Buch Poor Economics , das sie mit Banerjee schrieb, wurde von der Financial Times zum Wirtschaftsbuch des Jahres 2011 erklärt. Die deutsche Übersetzung des Bestsellers kommt heute unter dem gleichen Titel in die Buchläden.

Der Ruhm ist Last und Lust

Der Ruhm ist ihr Last und Lust zugleich: "Er kostet Zeit, aber wirkt wie ein Verstärker für meine Ideen. Es ist schon angenehm, in einem populären Feld zu arbeiten." Mit Banerjee gründete sie 2003 das Poverty Action Lab (PAL), dem heute 70 Ökonomen in 51 Ländern angehören. Im Hermann Building, einem Betonbunker auf dem MIT-Campus in Boston, belegt das Institut eine halbe Etage.

Duflo selbst tritt unprätentiös auf: Schlichte schwarze Bluse, dunkelblaue Jeans, lila Flipflop-Sandalen und kein Schmuck, so nimmt sie im Konferenzraum Platz. Auch der ist schnörkellos: großer Tisch, Holzstühle, kein Bild an der Wand. Konzentriert euch auf die Arbeit, ist die Botschaft. Die ist wahrlich wichtig genug.