ZEIT ONLINE: In den USA gibt es den American Dream: Wer hart arbeitet, schafft es zu Glück und Wohlstand. Gibt es auch einen deutschen Traum?

Stephan Grünewald: Wir haben kürzlich eine größere Studie zur Jugend gemacht, Generation Biedermeier betitelt, und die Lebensträume junger Leute zwischen 18 und 21 abgefragt. Wir waren verblüfft, wie bürgerlich-konservativ die ausfallen. Fast alle Teilnehmer haben uns erzählt: kleines Haus, zwei Kinder, einen treuen Ehepartner, vielleicht noch einen kleinen Schrebergarten dabei. Das war so das höchste Glück.

ZEIT ONLINE: Das fanden Sie ungewöhnlich?

Grünewald: Na, mit Jugend verbindet man ja immer Ungestümheit, Rebellion, Querdenken, Aufbegehren. Davon ist bei den jungen Leuten in Deutschland gar nichts mehr zu spüren. Da strebt man nach einem Ideal, aus dem man nicht mehr ausbrechen muss, weil man bereits angekommen ist.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Grünewald: Das liegt unter anderem an den Lebensverhältnissen. Die 68er-Generation hatte noch das Gefühl, in einer Welt zu leben, die zubetoniert war. Sie träumte davon, aus dieser Enge auszubrechen, sich Freiheiten zu erkämpfen – zum Beispiel politische und sexuelle. Die Jugendlichen von heute haben das entgegengesetzte Gefühl, in einer brüchigen, zerrissenen Welt zu leben, in der nichts mehr Bestand hat, in der alles vom Absturz bedroht ist. Das fängt in den Familien an, die vielfach auseinanderbrechen, und es geht bis zur Politik, wo sogar Bundespräsidenten über Nacht verschwinden und Währungen wie der Euro womöglich auch. Daraus erwächst der Traum, Verlässlichkeit herzustellen.

ZEIT ONLINE: Im Schrebergarten.

Grünewald: Ja, oder in der Idylle des Einfamilienhauses oder der Eigentumswohnung. Auch in den Beziehungen. Wir waren verblüfft, wie viele 18- bis 19-Jährige schon Beziehungen mit eheähnlicher Struktur haben, wo der Alltag genau durchritualisiert wird und man am liebsten gemeinsam auf dem Sofa sitzt ...

ZEIT ONLINE: Wie die Loriot-Pärchen vor dem Fernseher .

Grünewald: Na, eher mit der Playstation auf dem Schoß oder vor Facebook .

ZEIT ONLINE: Vielleicht findet die Jugendrevolution später im Leben statt?