In Griechenland ist es nur ein kleiner Schritt von der Arbeitslosigkeit in die Ausweglosigkeit, denn wenn das Arbeitslosengeld nach spätestens zwölf Monaten ausläuft, gibt es weder Sozialhilfe noch eine Grundsicherung wie Hartz IV. Im Juli waren 922.070 Griechen arbeitslos gemeldet. Aber nur 160.916 haben Anspruch auf Unterstützung. Die restlichen 761.154 sind ohne jedes Einkommen.

Für viele reicht es nicht mal mehr zum Nötigsten. In den meisten griechischen Supermärkten stehen Container neben der Kasse. Hier kann man Lebensmittel für Bedürftige spenden: Konserven, Nudeln, Olivenöl, Reis oder Linsen. "Gemeinsam schaffen wir es", lautet das Motto der Aktion, die der Rundfunksender Skai initiiert hat. Verteilt werden die Hilfsgüter über die orthodoxe Kirche.

Etwa 250.000 Menschen verköstigt die Kirche in den Armenspeisungen im ganzen Land – Tag für Tag. Für jene, die sich noch ein eigenes Mahl leisten können, aber sparen müssen, hat die Autorin Eleni Nikolaidou ein Buch geschrieben: Die Rezepte des Hungers . Es enthält Kochrezepte aus den Jahren der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, als man mit ganz wenig auskommen musste. Im Winter 1941-42 verhungerten und erfroren in Griechenland 300.000 Menschen, weil die deutsche Wehrmacht Nahrungsmittel und Brennstoffe beschlagnahmt hatte.

Ein besetztes Land

Manche Griechen sehen ihr Land jetzt erneut im Joch der Besatzung. Diesmal sind es nicht Soldaten, es ist die Troika, die ein Sparprogramm diktiert, das immer mehr Menschen in die Armut treibt. Und dass es sich bei zwei der drei Troika-Delegationschefs um Deutsche handelt, ist für viele Griechen ebenso wenig ein Zufall wie der Umstand, dass der Deutsche Horst Reichenbach die Task Force leitet, die den Griechen bei der Reform ihrer öffentlichen Verwaltung helfen will.

In manchen griechischen Medien wird Reichenbach als "Gauleiter" hingestellt. So vergiftet ist das Klima zwischen Griechen und Deutschen. Jeder dritte Grieche, so eine Umfrage des Magazins "Epikaira", denkt beim Stichwort Deutschland spontan an Begriffe wie "Hitler", "Nazis", "Drittes Reich". Nur einem von hundert fällt die deutsche Tugend "Fleiß" ein. 76 Prozent sehen in Deutschland ein "feindliches Land".

Große Hoffnungen knüpfen die meisten Griechen deshalb nicht an den Berlin-Besuch ihres Ministerpräsidenten. Samaras will in Berlin um mehr Zeit werben, eine "Atempause", um die Wirtschaft aus der Talsohle zu führen, sonst drohten soziale Unruhen, fürchtet er. Aber viele glauben, Samaras sei damit bei Merkel an der falschen Adresse. Der Premier werde "vor einer neuen Berliner Mauer stehen", prophezeit die Zeitung "Ta Nea". Die "eiserne Kanzlerin" habe Griechenland längst abgeschrieben, glauben viele Kommentatoren in Athen.

Angelos ist früher oft nach Deutschland gefahren, er hat Freunde in Ingolstadt . Jetzt kann er sich die Reisen nicht mehr leisten. Und selbst, wenn er es könnte, er möchte nicht: "Deutschland? Nein, danke", sagt Angelos.