Händler an der Wall Street © Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr De Grauwe, kommt jetzt die Wende in der Krise? Die Europäische Zentralbank will massiv Staatsanleihen aufkaufen , um in den Schuldenländern die Zinsen zu drücken.

Paul de Grauwe: Es könnte die Wende sein. Die Finanzmärkte sind derzeit getrieben von Angst und Panik. Sie fürchten, dass sie ihr Geld nicht wiedersehen. Deshalb verkaufen sie die Staatsanleihen aus den Ländern der Peripherie. Damit steigen in diesen Ländern die Zinsen, was die Wirtschaft belastet und die Haushaltskonsolidierung erschwert, weil der Staat mehr Geld für den Zinsdienst aufbringen muss. Es ist ein Teufelskreis.

ZEIT ONLINE: Was hat das mit der Zentralbank zu tun?

De Grauwe: Es ist ihre Aufgabe, die Märkte zu beruhigen und die Finanzierungskosten auf einem angemessenen Niveau zu halten.

ZEIT ONLINE: Aber sind die höheren Zinsen in Spanien und Italien nicht die Quittung für verschleppte Reformen ? Wenn die EZB eingreift, sinkt der Reformanreiz.

De Grauwe: Diese Länder haben doch schon so viel getan ! Vielleicht mehr als Deutschland, und ganz sicher mehr als Belgien . Und trotzdem werden sie an den Finanzmärkten abgestraft.

ZEIT ONLINE: Da ist die Bundesbank anderer Meinung, sie hat das Anleiheprogramm kritisiert.

De Grauwe: Ich weiß, dass es für deutsche Ökonomen schwierig ist, zu akzeptieren, dass sich die Finanzmärkte irren. Aber das tun sie immer wieder. Sie haben in den vergangenen Jahren die Risiken unterschätzt und Südeuropa mit billigem Geld versorgt. Und jetzt überschätzen sie die Risiken und ziehen ihr Geld ab.

ZEIT ONLINE: Und deshalb soll ein Komitee von Zentralbankern festlegen, welcher Zins der richtige ist?

De Grauwe: Es geht darum, etwas gegen die Panik zu tun. Ich frage mich, warum wir den Märkten so viel Vertrauen schenken und dem Staat so wenig.

ZEIT ONLINE: Die EZB hat schon einmal versucht, sich mit Anleihekäufen gegen die Marktentwicklung zu stemmen. Der Erfolg war bescheiden. Griechenland , Irland und Portugal mussten trotzdem unter den Rettungsschirm – und die EZB blieb auf den Anleihen sitzen.

De Grauwe: Das Programm war falsch konzipiert. Zu zögerlich. Nur wenn die EZB ihre gesamte Feuerkraft aufbietet, hat sie Aussicht auf Erfolg.