Euro-Krise"Die Finanzmärkte irren"

Die EZB sollte massenhaft Staatsanleihen aus den Krisenländern aufkaufen, sagt Ökonom Paul de Grauwe im Interview. Nur so könne die Panik am Markt beruhigt werden. von 

Händler an der Wall Street

Händler an der Wall Street  |  © Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr De Grauwe, kommt jetzt die Wende in der Krise? Die Europäische Zentralbank will massiv Staatsanleihen aufkaufen , um in den Schuldenländern die Zinsen zu drücken.

Paul de Grauwe: Es könnte die Wende sein. Die Finanzmärkte sind derzeit getrieben von Angst und Panik. Sie fürchten, dass sie ihr Geld nicht wiedersehen. Deshalb verkaufen sie die Staatsanleihen aus den Ländern der Peripherie. Damit steigen in diesen Ländern die Zinsen, was die Wirtschaft belastet und die Haushaltskonsolidierung erschwert, weil der Staat mehr Geld für den Zinsdienst aufbringen muss. Es ist ein Teufelskreis.

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ZEIT ONLINE: Was hat das mit der Zentralbank zu tun?

De Grauwe: Es ist ihre Aufgabe, die Märkte zu beruhigen und die Finanzierungskosten auf einem angemessenen Niveau zu halten.

ZEIT ONLINE: Aber sind die höheren Zinsen in Spanien und Italien nicht die Quittung für verschleppte Reformen ? Wenn die EZB eingreift, sinkt der Reformanreiz.

Paul de Grauwe

lehrt Volkswirtschaftslehre an der Universität Leuwen und an der London School of Economics. Er gilt als Vordenker des neuen EZB-Plans, Staatsanleihen aus Krisenländern aufzukaufen, um deren Preise zu stabilisieren

De Grauwe: Diese Länder haben doch schon so viel getan ! Vielleicht mehr als Deutschland, und ganz sicher mehr als Belgien . Und trotzdem werden sie an den Finanzmärkten abgestraft.

ZEIT ONLINE: Da ist die Bundesbank anderer Meinung, sie hat das Anleiheprogramm kritisiert.

De Grauwe: Ich weiß, dass es für deutsche Ökonomen schwierig ist, zu akzeptieren, dass sich die Finanzmärkte irren. Aber das tun sie immer wieder. Sie haben in den vergangenen Jahren die Risiken unterschätzt und Südeuropa mit billigem Geld versorgt. Und jetzt überschätzen sie die Risiken und ziehen ihr Geld ab.

ZEIT ONLINE: Und deshalb soll ein Komitee von Zentralbankern festlegen, welcher Zins der richtige ist?

De Grauwe: Es geht darum, etwas gegen die Panik zu tun. Ich frage mich, warum wir den Märkten so viel Vertrauen schenken und dem Staat so wenig.

ZEIT ONLINE: Die EZB hat schon einmal versucht, sich mit Anleihekäufen gegen die Marktentwicklung zu stemmen. Der Erfolg war bescheiden. Griechenland , Irland und Portugal mussten trotzdem unter den Rettungsschirm – und die EZB blieb auf den Anleihen sitzen.

De Grauwe: Das Programm war falsch konzipiert. Zu zögerlich. Nur wenn die EZB ihre gesamte Feuerkraft aufbietet, hat sie Aussicht auf Erfolg.

Leserkommentare
    • Chali
    • 24. August 2012 9:35 Uhr

    Der Euro bricht auseinander - das ist das Problem.

    Die ganzen Massnahmen - "Sie bauen eine Brücke ins Nichts" (H.Flassbeck)

    Da kann man Brückenpfeiler bauen wie man will - soloange diese "Eliten" weiter über Deutschland herrschen, wird die Brücke immer wieder zu kurz sein.

    • Marula
    • 24. August 2012 9:39 Uhr

    Über die EZB: "Es ist ihre Aufgabe, die Märkte zu beruhigen und die Finanzierungskosten auf einem angemessenen Niveau zu halten."
    Nein, das ist nicht ihre Aufgabe, die Aufgabe ist Preisstabilität als Ziel und Unabhängigkeit als Voraussetzung (s.a. Grundgesetz, Art. 88). Dazu wird sich hoffentlich das Bundesverfassungsgericht äußern.
    Für die Finanzierungskosten sind die Staaten selbst verantwortlich und es gibt auch keine oberste Instanz, die bestimmt, was das "angemessene Niveau" für diese Kosten ist. Bekanntlich zahlten Staaten wie Spanien und Italien in eigener Währung viel höhere Zinsen als jetzt.

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    " Bekanntlich zahlten Staaten wie Spanien und Italien in eigener Währung viel höhere Zinsen als jetzt."

    Genau: "In eigener Währung".
    Das ist das Stichwort. Die damaligen Eigenwährungen der genannten Staaten waren weich. Der Euro ist es nicht, soweit es nach den bisher vereinbarten Statuten der EZB geht. Ein Dilemma.

    Früher wäre man noch baß erstaunt gewesen, wenn ein Universitätsprofessor - sei er aus Leuwen oder gar von der LSE - öffentlich solche Falschinformationen verbreitet. Heute wundert einen nichts mehr.

    Es ist nur nicht die Aufgabe, es darf nie und nimmer die Aufgabe einer Zentralbank sein, sich von der Infantilität der Märkte treiben zu lassen.

    Sehr geehrter Herr, damals waren die Zinsen hoch weil zu erwarten war dass es eine Abwertung geben würde was auch so immer war,.......wie hat Bruno Kreisky gesagt,.....lernen Sie Geschichte,.....

  1. Ich halte die Aussagen von Herrn de Grauwe für abenteuerlich, gefährlich und kurzsichtig. Er versteht ja offensichtlich noch nicht einmal die Illegitimität der Aushöhlung des einzigen Mandats der EZB, der Preisstabilität. Aber schon Carl Schmitt wusste: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."

    Hier übrigens eine etwas konträre Position vom Geldtheoretiker Naumann (Bonn):
    "Also, was da immer für ein politisches Spektakel veranstaltet wird, wenn die Zinsen in einer Woche mal über sechs Prozent steigen! Italien bezahlt - Stand heute - im Schnitt 4,5 Prozent Zinsen für seine Staatsanleihen. In den 1990er Jahren waren es zehn Prozent, noch 2000 waren es 5,8 Prozent. Der Das ist nicht zu viel. Italien könnte über Jahre hinweg mit höheren Zinsen leben."

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    Es ist ja schoen das sich jeder ein paar Zitate von Oekonomen zusammensucht, um eine unhaltbare Argumention zu stuetzen. Nur mal so als Anmerkung, Ihr Hinweis das die Zinsen in Italien zu Lira-Zeiten hoeher waren, hat oekonomisch nun gar keinen Gehalt,insbesondere dann nicht, wenn es sich um Nominalzinsen handelt. Aber selbst wenn man die Realzinsen vergleicht, sagt ein solcher Vergleich nichts, da zwei verschiedene Geldsysteme die Zinsen hervorgebracht haben. Wenn Sie Herrn Neumann so zitieren, dann muss eben festgestellt werden, dass Herr De Grauwe eben solche deutschen Monetaristen, die weiterhin an die geistige Irrsinnsannahme glauben, dass Finanzmaerkte perfekt sind und rationale Erwartungen bilden, kritisiert. Gibt man diese Unsinnsannahmen auf, ja dann muss der Markt mit Hilfe der EZB reguliert werden. Im uebrigen ueberstrahlt De Grauwe's wissenschaftliche Reputation die von Herrn Neumann bei weitem.

  2. " Bekanntlich zahlten Staaten wie Spanien und Italien in eigener Währung viel höhere Zinsen als jetzt."

    Genau: "In eigener Währung".
    Das ist das Stichwort. Die damaligen Eigenwährungen der genannten Staaten waren weich. Der Euro ist es nicht, soweit es nach den bisher vereinbarten Statuten der EZB geht. Ein Dilemma.

  3. Der EZB ist Staatsfinanzierung verboten. Sollte die EZB nicht aufhören das Ursache-Wirkung Prinzip der freien Marktwirtschaft zu durchbrechen, wird es massenhaft Klagen beim BVerfG in Karlsruhe geben. Zusätzlich zu den bereits bestehenden bzgl. des Euro-Untergangsschirms ESM.

  4. "Ich frage mich, warum wir den Märkten so viel Vertrauen schenken und dem Staat so wenig."

    Weil die Staaten der Eurozone mittlerweile oft genug bewiesen haben, dass sie keinerlei Vertrauen verdienen. Sie treffen Abkommen, an die sich niemand hält, und von denen man mittlerweile schon vorher weiss, mit welchen Ausreden sie nacher unterlaufen werdern, sie geben Versprechungen, die das Papier nicht wert sind, auf das sie gedruckt sind, und beweisen, dass sie weder über wirtschaftspolitische Sachkompetenz noch einen Funken Verantwortungsbewusstsein verfügen.

    Wie sonst soll die Reaktion auf derartige Verhaltensweisen ausfallen?

    "Diese Länder haben doch schon so viel getan!"

    Ein Tip an De Grauwes Studenden. Wenn Sie die nächste Klausur bei ihm vermasseln, stellen Sie sich einfach hin und sagen ihm, sie haben doch sooooo viel dafür getan, das muss er doch honorieren. Mal sehen wie er darauf reagiert.

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    ...reden auch die oberen 1%. Nur mit dem Hintergrund und der Absicht sein Geld zu vermehren. Die Spekulanten lieben doch Europa, denn da gibt es die besten Renditen zur Zeit.

    Gleichzeitig Kreditausfallversicherungen und Staatsanleihen kaufen von Europäischen Staaten ist hoch im Kurs, immer im Hinterkopf "die Rendite ist ja sicher". Solange wir gegen andere Länder wettern und nicht erkennen, dass es sich hier nicht um eine Staatsschuldenkrise sondern um eine Bankenkrise handelt und das die Ursache bei der Ungerechtigkeit in der Verteilung liegt, ja solange geht das so weiter.

    • thbode
    • 24. August 2012 9:55 Uhr

    Man möchte es ja gerne glauben dass der Wahnsinn bald ein Ende hat.
    Aber zu sagen dass die Märkte irren, oder "irre" sind, und wir denen gleichzeitig unbegrenzt Einsatz auf den Spiel-Tisch legen, in der Hoffnung dass sie diesmal nicht irre sind, ist schon abenteuerlich. Aber der deregulierte Kapitalismus selbst ist abenteurlich.
    Wer sagt denn dass die Märkte jetzt nicht total panisch werden weil sie Deutschland, Finnland usw. auch destabilisiert sehen?
    Das Ganze hat nichts mehr mit rationaler Politik zu tun sondern mit russischem Roulette. Und eine Perspektive wie man grundsätzlich aus dieser Lage raus soll wird nicht entwickelt, von Schwarz-Gelb jedenfalls nicht. Man kann doch niemandem erzählen dass die Griechen & Co. halt noch mal so viel "sparen" sollen wie bisher und dann sind alle Probleme langfristig gelöst. Wenn man von "Problemen" spricht muss man übrigens uch im Auge behalten WESSEN Probleme: primär die der Menschen am Existenz-Minimum, die unter diese Grenze fallen. Auf die muss, müsste, primär geachtet werden. Aber die sind nur unwichtige Spielfiguren, nicht Subjekte des GG und der Menschenrechte.

  5. ohne grundlegendes am System zu ändern, kommt dem Versuch nahe Wasser am kochen zu hindern ohne den Herd abzustellen. Es geht einfach nicht weiter wie bisher, wir können die Implosion höchstens noch ein bisschen länger heraus zögern. Aber zu welchen Kosten?

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