Lehrstellen : Auf Azubisuche in Bulgarien

Weil immer mehr Jugendliche studieren wollen, gehen der Wirtschaft die Azubis aus. In einigen Regionen greifen die Unternehmen nun zu ungewöhnlichen Mitteln.
Ein Auszubildender der Liebherr-Akademie in Rostock © dpa

Es klingt wie ein Märchen aus einer längst vergangenen Zeit. Damals, 2004, dachte sich die rot-grüne Bundesregierung ein exotisches Arbeitsmarktinstrument aus: Die Ausbildungsplatzabgabe. Unternehmen, die nicht genügend Lehrstellen anboten, sollten eine Strafgebühr zahlen. Wirtschaftsverbände rebellierten, Firmenchefs schimpften, Gewerkschaften jubelten. Was damals für große Aufregung sorgte und schließlich im Bundesrat scheiterte, erscheint heute unwirklich. Ausbildungsplätze gibt es inzwischen im Überangebot. Jetzt fehlen die Auszubildenden.

Rund 144.000 Lehrstellen sind derzeit laut Bundesagentur für Arbeit noch frei. Allein in der Lehrstellenbörse des Deutschen Industrie- und Handelskammertages ( DIHK ) gibt es 12.000 unbesetzte Ausbildungsplätze. Viele Unternehmen hätten Probleme, passende Lehrlinge zu finden, sagte DIHK- Präsident Hans Heinrich Driftmann Anfang der Woche. Selbst der harte Kern der Schwervermittelbaren, die jahrelang von einer Maßnahme der Arbeitsagentur in die nächste gereicht wurden, schmilzt inzwischen ab, zeigen Daten der Arbeitsagenturen. Aus dem Lehrstellenmangel, einem arbeitsmarktpolitischen Dauerbrenner, ist innerhalb weniger Jahren die verzweifelte Suche nach Lehrlingen geworden. Und das obwohl Unternehmen nicht mehr Ausbildungsplätze anbieten als früher. Was ist passiert?

In den ostdeutschen Bundesländern ist der neue Azubi-Mangel vor allem eine Spätfolge der deutschen Wiedervereinigung. "Nach der Wende sind dort die Geburtenzahlen stark eingebrochen", sagt Holger Seibert, Arbeitsmarktforscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Das merkt man jetzt bei den Schulabgängerzahlen." Jedes Jahr verlassen 20.000 Schüler weniger die ostdeutschen Schulen. Statt wie früher in den Westen auswandern zu müssen, können sich ostdeutsche Jugendliche nun in ihren Heimatstädten die Ausbildungsplätze aussuchen.

Auch in den alten Bundesländern sind Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen, vom Problemfall zur heiß begehrter Mangelware geworden. Die Schülerzahlen bleiben zwar in etwa konstant, doch die Betriebe müssen immer stärker mit Universitäten und Fachhochschulen konkurrieren.

Denn die meisten Jugendlichen verlassen die Schule mit einem Abitur oder der Fachhochschulreife. Der Realschulabschluss, früher der klassische Ausgangspunkt einer Berufsausbildung, wird immer seltener. Seit 2001 ist die Zahl der Realschulabsolventen um 25.000 gesunken. "Der Großteil der Schulabgänger will an die Hochschule", sagt Markus Kiss, Referatsleiter Ausbildungspolitik und Ausbildungspakt beim DIHK. " Alles was nicht Studium ist, gilt inzwischen als Reste-Ausbildung."

Auch Politiker fordern gerne steigende Akademikerquoten. In der Tat liegt Deutschland hier beim Vergleich mit anderen OECD-Ländern auf dem fünftletzten Platz. Nur rund ein Viertel der 25 bis 34-jährigen haben einen Hochschulabschluss. Doch was in Sonntagsreden gerne vergessen wird: Die niedrige Akademikerquote ist nicht ein Problem, sondern eine Stärke. In Ländern mit höheren Quoten wie Italien und Portugal , ist auch die Jugendarbeitslosigkeit deutlich höher. Nur Deutschland hat ein sogenanntes duales Ausbildungssystem, bei dem ein Teil des Nachwuchses eben nicht in Unis, sondern direkt in den Betrieben und Berufsschulen qualifiziert wird.

"Höhere Akademikerquoten zu fordern, ist daher grober Unfug", sagt Felix Rauner, Leiter der Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung an der Universität Bremen. "Gerade Industrieunternehmen brauchen genauso viele ausgebildete Fachkräfte wie Hochschulabsolventen."

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Sicher doch

Lieber junge Leute aus dem Ausland holen, als vielleicht Zeit und Geld für angeblich! ungeeignete, mit schlechten Noten abgegangene Haupt-und Realschüler inverstieren.

Es ist nur noch lächerlich un d traurig was in D. abgeht.
Ohne Abi bist du eine Null und ein Versager.

Frage: Wer deckt das Dach, reinigt den Kamin, verlegt die Fliesen, baut den maßgenauen Schrank, pflegt Alte und Kranke, ----beliebig fortsetzbar.
Das tun die "Versager".

P.S. Bin Ausbilder und war "Lehrerschwemme"+ 2 Ausbildungen.
(Also Theorie und Praxis)

Irgendwie

passt das doch alles nicht zusammen.

Sonst immer die alte Leier vom Fachkraefte- und Akademikermangel, nun gibt es nicht mehr genug Azubis, weil jeder an die Uni geht? Ja was denn nun?

Wenn doch Arbeitskräfte so dermaßen Mangelware sind, warum haben wir denn dann nicht Vollbeschäftigung? Warum jobben Millionen Arbeitnehmer in katastrophal unterbezahlten Minijobs oder als moderne Sklaven (aka "Leiharbeiter")?
Warum sind dann die Reallöhne in den vergangenen 10 Jahren nur gering gestiegen? Warum haben mehr und mehr Arbeitnehmer einen Zweitjob? Alles nicht nötig, wenn doch so viel Arbeit vorhanden ist.

Das Märchen vom Fachkraeftemangel war schon immer unglaubwürdig, das neue Märchen vom Azubimangel schlägt dem Fass schon den Boden aus. Die Wirtschaft will uns hier fuer dumm verkaufen.

System

... scheint mir auch so.
Wenn man den Bürgern nur lang genug das Märchen vom Personalmangel vorgaukelt, dann mucken die nicht auf, wenn "günstigere" Arbeitskräfte zu Hauf angeworben werden. Das drückt nicht nur die Produktionskosten, sondern auch noch gleich das Lohnniveau. Zudem hat es auch den netten Nebeneffekt, dass man nicht mehr Geld in die Ausbildung stecken muss.

Und ist der Ruf erst mal ruiniert lebt es sich ganz ungeniert.

Haarstreubend

Diese Argumentation, dass es gut wäre wenn ein Teil der Bevölkerung nur eine Ausbildung anstatt einer echten Bildung bekommt kann ich nicht folgen. Mir wird schlecht wenn ich sowas lese.

Ziel der Universitäten ist, den Menschen beizubringen selbständig zu denken, selbständig zu lernen, selbständig Lösungen zu finden.

Jemand der studiert hat und sich selbständig orientieren kann ist viel flexibler auf dem Arbeitsmarkt. Im Zweifelfall kann er schneller und etwas selbständiger einen neuen Beruf lernen können.

Die ach-so-tolle Berufsaubildung verweigert einem großen Teil der Bevölkerung eine gewisse intelektuelle selbständigkeit. Der Staat verweigert einem Teil seinen Bürgern die Dienstleistung "gute Schule und gute Uni".

Wollen wir wirklich die Masse dumm halten, oder wollen wir Weltspitze sein?

Ich bitte Sie,

die Masse der Bevölkerung ist dumm, oder was meinen Sie, warum es RTL II und Bild gibt?

Es geht darum, endlich zu verstehen, daß nicht jeder studieren kann und nicht jeder Schüler auf's Gymnasium muß. Es geht darum, daß die Real- und Hauptschulabschlüsse annehmbar ausfallen und damit Chancen für eine gute Ausbildung bestehen. Es geht darum, daß oft nicht die Bewerber an sich fehlen, sondern sich lediglich unmotivierte und in ihrer sozialen und beildungsmäßigen Kompetenz stark eingeschränkte Problemfälle aus Hartz-IV-Dynastien melden, weil sie ihr Betreuer beim Arbeitsamt dazu aufgefordert hat. Und, und, und ...

Alter Spruch auf dem Bau: Ich Polier, Du Polier, keiner schiebt die Karre hier!?

Entwicklungsverzögert

Tatsächlich gibt es Jugendliche, die in ihrer geistigen und interlektuellen Entwicklung verzögert sind und deshalb (unter Anderem) schlechte Schulabschlüsse haben. Aber die Antwort darauf kann doch nicht lauten, die lassen wir ale auf der Strecke, sondern die Antworten können und müssen nur sein, wir verbssern langfristig die Schulsituation und bemühen uns kurzfristig, die Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten jetzt, hier und heute mitzunehmen! Hier setzt gesellschaftliche Verantwortung ein und auch die Wirtschaft gehört in die gesellschaftliche Verantwortung miteingebunden. Entweder freiwillig oder mit gesetzlichen Vorgaben. Aber diese Rosinenpickerei und das Gejammere der Wirtschaftsvertreter sind schädlich und kontraproduktiv.

Ihre Meinung in Ehren, meine ist sie nicht!

Das "...selbständig zu denken, selbständig zu lernen, selbständig Lösungen zu finden..." ist natürlich das Wunschergebnis jeder Ausbildung.
Vom Wunsch weg, sollte ein funktionierender System aber in erster Linie dafür sorgen, dass der Mensch die Möglichkeit hat zu Leben.
Nach heutige Stand muss man dafür immer noch Arbeiten (die Superreichen und die Alimenteempfänger mal aussen vor, aber für die müssen andere mitarbeiten).

Eine gute Berufsausbildung ist kein "Denkhindernis", sondern das Gegenteil.

Ein guter "Arbeiter" besitzt die von ihnen beschrieben Selbständigkeit im übrigen genauso wie ein guter "Studierter".

Ich Beitrag ist arrogant.

Natürlich gibt es dumme Abiturienten,

genauso wie es in allen anderen Bildungsschichten Dumme und Schlaue gibt. Es gibt dumme Akademiker, die ihr Geld nicht die Bohne "verdienen". Und es gibt fleißige Arbeiter, die viel mehr "verdienen", als sie bekommen.

Es geht ja eben auch nicht darum, alle ohne Abitur zu verteufeln. Was ich gelernt hab und welche Noten ich hatte, ist ja nur ein Teilaspekt meiner Person. Wenn ich zwar schlau bin, aber faul oder unwillig, kann trotzdem keiner was mit mir anfangen. Wenn ich wenig weiß, aber fließig bin, vielleicht schon eher.

Es ist eben nur so, daß mit fortschreitender Industrialisierung der Anteil an rein manueller Tätigkeit stetig abnimmt. Und an die Tätigkeit werden größtenteils andere Ansprüche gestellt als früher. Heute braucht man nur nochh wenige Hilfsarbeiter, vieles ist automatisiert. Wir brauchen z. Bsp. auf dem Bau keine Handlanger mehr, weil's überall Kräne, Radlader etc. hat. Gefragt sind versierte Maurer, Schaler etc., die unter Zeitdruck gute Leistungen bringen, bei wettbewerbsbedingt immer knapperen arbeitszeitlichen Ansätzen. Und alle müssen den Mindestlohn von 10 € erstmal bekommen, egal ob schlau und fleißig oder weniger schlau und weniger fleißig. Und der Maurer muß auch mal im Kopf überschlagen können, ob die Steine und der Mörtel noch reichen. Wer dann selbst für einfache Denkprozesse nicht geeignet oder vorgebildet ist, bleibt auf der Strecke.

Und Unternehmen, die kapitalistisch agieren müssen, sind keine Therapiezentren.