Libor-SkandalDie Spekulanten zocken munter weiter

Der Libor-Skandal hat das britische Bankwesen in Verruf gebracht. Es soll umgebaut werden. Die Finanzindustrie hat schon Wege gefunden, sich der Neuordnung zu entziehen. von 

Londons Wirtschaftszentrum Canary Wharf

Londons Wirtschaftszentrum Canary Wharf  |  © Lukas MacGregor/Reuters

London ist, wie sollte es anders sein, fest im Griff von Olympia . Auf Rennstrecken, Reitplätzen und Spielfeldern streben die Athleten im Geist von "Höher, weiter, schneller" nach Rekorden. Auch die Bankenwelt in der City scheint vom olympischen Motto inspiriert, jedoch hat sie ihre instinktive Lust auf Rekorde (mal wieder) auf den Kopf gestellt. Der Skandal um die Manipulation der Liborrate zieht immer weitere Kreise und darf bald als das größte Wirtschaftsverbrechen der modernen Geschichte beschrieben werden.

Am Anfang wurde Barclays überführt. Jahrelang hatten einige Händler die in London festgelegte Tagesrate des Libor (London Interbank Offered Rate), dem Zinssatz, zu dem Banken sich untereinander Geld leihen und nach dem täglich Geldgeschäfte im Wert von mehreren Billionen (!) Pfund gemacht werden, regelmäßig um wenige Zehntel-Prozentpunkte manipuliert und mit Hedgegeschäften bereichert. Im vergangenen Monat verordnete die Finanzaufsicht FSA der Bank eine Strafzahlung von 290 Millionen Pfund (361 Millionen Euro) und binnen einer Woche musste Barclays-Chef Bob Diamond seinen Posten verlassen .

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Nun ist die Royal Bank of Scotland (RBS) an der Reihe. Schon seit mehreren Wochen durchsuchen Mitarbeiter der FSA Computerfestplatten und Unterlagen der Bank, die seit 2008 zu 82 Prozent dem Steuerzahler gehört. Was sie dabei finden, ist jetzt schon klar. "Wir werden auch bald im Zentrum des Liborskandals stehen", erklärte der RBS Vorstandschef Stephen Hester. "Auch wir sind eine der Banken, die in den Fall verwickelt ist." Andere sind die französische Société Générale , die obendrein auch noch einen Umsatzeinbruch von 40 Prozent vermelden musste und die Deutsche Bank , die bereits Disziplinarverfahren "gegen eine begrenzte Anzahl von Mitarbeitern" eingeleitet hat. Besonders pikant ist der Fall für den neuen Co-Vorstand Anshu Jain , der vorher das Investmentbanking Geschäft in London führte und demnach direkter Chef der kriminellen Händler war. Gleichwohl hat eine interne Untersuchung ergeben, dass er von dem Betrug keine Kenntnis hatte.

Der Libor

Die London InterBank Offered Rate (Libor) gibt vor, zu welchem Preis sich Banken untereinander Geld leihen. Zugleich ist der Zinssatz Maßstab für Bankgeschäfte und Wertpapierhandel weltweit, die ein Volumen von etwa 360 Billionen Dollar haben. Von den Libor-Vorgaben hängen die Kreditzinsen für Unternehmen und Privatkunden ab; auch einige Notenbanken orientieren ihre Geldpolitik an diesem Zinssatz.

Berechnung

Der Zinssatz des Libor wird praktisch von den Banken selbst festgelegt. Die nach Marktaktivität 18 wichtigsten Banken melden dafür die Zinssätze, die sie für Kredit bei anderen Banken zahlen müssen, an die Agentur Thomson Reuters. Die höchsten und niedrigsten Sätze werden gestrichen und aus den anderen Angaben wird ein Durchschnitt gebildet. Das ist der Libor.

Manipulation

Eine Manipulation durch eine einzelne Bank ist eigentlich ausgeschlossen, weil die Extremwerte bei der Bildung des Libor gestrichen werden. Doch sind die einzelnen Angaben der Banken kaum nachzuvollziehen, weil die Umfrage streng vertraulich ist. Die Bank kann also einen prinzipiell einen beliebigen Zinssatz melden.

Der Euribor

Der Libor ist der Leitzinssatz für Dollar-Geschäfte, die Euro InterBank Offered Rate (Euribor) ist es für den Euro. Hierbei melden 43 Banken ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs ähnlich dem Libor berechnet wird. Die höhere Zahl an Banken soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen des Euribor.

In der City of London herrscht einerseits heimlich Erleichterung, dass die Libor-Affäre ein internationaler Skandal ist. "Britische Banken haben in den vergangenen Jahren genügend Negativschlagzeilen produziert", sagt ein Haudegen aus der City, "wir haben einen schlechteren Ruf als Politiker, und das wahrscheinlich zurecht, aber in diesem Fall können wir uns wenigstens damit rausreden, dass es internationale Praxis war, den Libor zu fälschen." Das ist ein schwacher Trost zu einem Zeitpunkt, zu dem die zukünftige Stellung der City of London als wichtigster globaler Finanzplatz unsicherer ist denn je.

Einige Banker vermitteln gerne den Eindruck, alles sei gut. Bob Diamond war so einer. Kurz vor seinem Abtritt konnte er den Märkten noch ein Rekordhalbjahr für Barclays präsentieren und erklärte, es gebe trotz der schlimmen globalen Wirtschaftslage allen Grund für langfristigen Optimismus. In Wahrheit steht dem Londoner Investmentbanking die umfassendste Umstrukturierung seit der Einführung des elektronischen Handels 1986 bevor, die den globalen Aufstieg der City einleitete. Die Regierung arbeitet an einem Gesetzentwurf, der die schweren Systemfehler in der Bankenaufsicht beseitigt, die 2008 zum großen Crash führten. Spätestens ab 2019 wird das Investmentbanking vom Privatkundengeschäft getrennt und die Eigenkapitalquote auf 17 bis 20 Prozent erhöht. 

Leserkommentare
  1. "Ein New Yorker Banker fasst die undurchsichtige Situation so zusammen: "Der starke Verdacht, dass Banken und ihre Aufseher unter einer Decke stecken, schadet dem Ruf Londons ungemein. An der Wall Street werden Finanzdelikte streng geahndet. Immer wieder sehen wir Banker, die hinter Gittern landen."

    Huch, hab ich was verpasst?

    (ap) Analyst Hadraniel hat heute morgen in seinem Kaffeesatz gelesen und gibt folgende Prognosen ab:

    Den "Bankstern" von 1999-2013 wird
    ... der Duden einen eigenen Eintrag
    ... die Geschichtsschreiber von 2050 ein eigenes Kapitel
    ... der Mob der "großen Umwälzung" von 2013 ihre ganz besondere Aufmerksamkeit

    .. widmen!

    FATWWTRC.

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    • joG
    • 02. August 2012 14:22 Uhr

    ....ernst? Wenn Sie meinen, was Sie scheinen sagen zu wollen, haben Sie nicht etwas sonder sehr viel verpasst. Das Zitat, das Sie da verwenden trifft die Sache nämlich sehr genau.

    >> FATWWTRC <<

    ... Revolution? Ich sehe keine Revolution, nirgends. Ich sehe nur drei Affen.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au.

  3. Was sollen die Banker denn tun mit all den Milliarden virtuellen Geldes, die in Form von Staatsschulden, also anzulegenden Guthaben der Staatsschuldenkäufer in Umlauf sind?

    Verbrennen?

    Anlegen? Aber wo? Spekulation ist doch nichts anderes!

    Unters Bett legen? Aber welcher Staatsschuldenkäufer gibt dann seine Einlagen noch der Bank bzw. dem Fonds, die oder der sie unters Bett legt?

    Nee, das Problem ist ncht primär eines der Banken und nicht über sie zu lösen. Auf irgendeine Form des Schuldenerlasses für die Staaten wird es hinauslaufen - sei es durch Schnitte, die die Anleger treffen, sei es durch Inflation, die eher den kleinen Mann trifft.

    Der Aufkauf der Staatspapiere durch die EZB geht ja in die Richtung: Das System wird sein eigener Schuldner und erlässt am Ende sich selbst seine Schulden. Machbar nur bei gleichzeitige Verzicht auf weitere künftige Schulden und streger Sparpolitik, die wiederum den kleinen Mann (soweit er vom Staat abhängig ist) trifft und seine Armut als Inflationsverhinderung nutzt: Dem Übermaß an virtuellen Geld entspricht kein in Umlauf befindliches.

    Das Ergebnis ist in Japan zu beobachten.

    Was tun? Beobnachtet man die Tendenz zur nicht nur faktischen, sondern auch - AUCH IN DER ZEIT - ideologisch begründeten Entdemokratisierung, schwant mir Schreckliches...

    In einigen Jahren stellt sich wahrscheinlich die Wahl zwischen chinesischer Lösung und durch freundlich rhetorisierte Suiziderleichterung verbrämte Menschenopfer.

    6 Leserempfehlungen
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    nun, da wir in Deutschland offensichtlich kein Gehöt bei der EZB und andeen Pleitestaaten finden, im Gegenteil uns noch nachgesagt wird, dass wir an der Krise des Euros Schuld seien, wie wäre es, wenn wir unsere Staatsausgaben auf griechische oder französische Verhältnisse aufblähen, die Rente mit 55 einführen und Steuern erlassen, die der Schweiz Wettbewerb machen und sie veranlassen...
    Dann haben wir jedenfalls auch etwas von den Schulden und die anderen Staaten können dann nicht auf uns als Dumpfbacken herabsehen.

    • joG
    • 02. August 2012 14:22 Uhr

    ....ernst? Wenn Sie meinen, was Sie scheinen sagen zu wollen, haben Sie nicht etwas sonder sehr viel verpasst. Das Zitat, das Sie da verwenden trifft die Sache nämlich sehr genau.

    Antwort auf "Bankster"
  4. der Hinweis auf folgendes Blog-Posting -> http://blog.zeit.de/herde...

    Ach ja, Widerstand organisiert sich übrigens auch -> http://www.avaaz.org/de/b...

    5 Leserempfehlungen
  5. solange man sie lässt.

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    • Chali
    • 02. August 2012 14:33 Uhr

    bezeichnet werden. Bon Leuten, die es besser wissen sollten.

    • toasted
    • 02. August 2012 14:32 Uhr

    "In der City of London herrscht einerseits heimlich Erleichterung, dass die Libor-Affäre ein internationaler Skandal ist."

    Die "City of London" ist nicht gleich "London" (was, wenn man es genau nimmt, auch "Greate London" heisst). Vielmehr ist die "City of London" eine Stadt bzw. ein Stadtteil in der Stadt "Greater London" und hat einen speziellen politischen Status.

    Etwas kleinkariert bin ich heut aber schon...

    Gruß

    2 Leserempfehlungen
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    in der Stadt "Greater London" und hat einen speziellen politischen Status."

    Das hab' ich schon öfter gehört. Was für ein Status soll das sein? Ich weiß nur, dass die Banken die alten Docks komplett aufgekauft haben, das dort alles Privatbesitz ist und deswegen auch z. B. nicht gegen den Willen der Banken demonstriert werden kann. Die Banken haben das Hausrecht und können motzige Leute einfach raus schmeißen.

    Ein "spezielle Status" wäre weg, wenn die Londoner Politik sagen würde: "So geht's nicht" und die Straßen wieder an die Allgemeinheit zurück holen würde.

    Der "spezielle politische Status" wäre weg, wenn die englische Politik sagen würde: "Banken haben bei uns keinen Sonderstatus mehr."

  6. wird reißerisch, in bestem Boulevardstil, überschrieben. Wortreich werden wild Kriterien vermengt, von Olympia bis zur Bankenwelt.
    Nur : erklärt und informiert wird kaum.

    Der Libor-Skandal hat nicht nur das britische Bankenwesen, den Finanzplatz London,
    in Verruf gebracht: international agierende Banken in vielen Ländern haben ihre Negativseiten der Öffentlichkeit preisgegeben:
    auch die Deutsche Bank hat aktiv mitgewirkt.

    Die alleinigen Fingerzeige auf die Bankenwelt in London beschönigen die Situation und lenken ab.

    Der politischen Seite – in vielen Ländern – fehlt Haltung, zum Teil Interesse und Mut zur Gestaltung, sie werden zu Getriebenen und oftmals zu Erfüllungsgehilfen degradiert:

    versäumt wurde einen funktionierenden Rechtsrahmen zu installieren.
    Einige willfährige Medien begleiten und unterstützen diesen Weg, gleich verlängerten Presseabteilungen.

    ““ Der Libor wird einmal täglich in London ermittelt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen. Er basiert auf individuellen Angaben von 16 Großbanken und dient als Basis für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und andere Finanzprodukte in einem Volumen von 360 Billionen Dollar. ““
    http://www.spiegel.de/wir...

    Versäumt wird diese Darstellung:
    16 Grobanken bestimmen offenbar die Regeln.

    2 Leserempfehlungen
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    Ergänzung zu Nr. 8, 02. 07. 2012 – 14 : 32

    Die Überschrift steht nicht im Einklang mit der Thematik, was auch im Beitrag Nr. 10
    zum Ausdruck kommt.
    Bitte mehr Respekt gegenüber der Leserschaft und der öffentlichen Aufgabe,
    wahrhaftig und objektiv zu informieren.

    ““ Der Deutschen Bank drohen Milliardenkosten
    Anderen Banken drohen noch höhere Kosten durch die Affäre. Analysten des US-Instituts Morgan Stanley schätzen, dass allein die Bußgelder für die beteiligten Banken zwischen 450 und 850 Millionen Dollar liegen könnten. Hinzu könnten mögliche Schadensersatzzahlungen an Investoren kommen. Hier sieht Morgan Stanley die Deutsche Bank besonders gefährdet. Auf das Frankfurter Institut könnten in den Jahren 2013 und 2014 Kosten von mehr als einer Milliarde Dollar zukommen. In den USA wurden bereits mehrere Sammelklagen eingereicht, darunter auch eine der Frankfurter Privatbank Metzler. ““
    http://www.spiegel.de/wir...

    ““ Die Meldungen der Banken gehen an den Branchenverband BBA und werden von den Aufsichtsbehörden bisher nicht überwacht ““
    steht im o.g. Artikel.

    ““ Neue Gesetze erhöhen die Instabilität ““
    Die erwähnte Gesetzgebung hat doch mit der Libor-Festsetzung nichts zu tun,
    außerdem fehlen dieser These die Belege ?

    Selbst die EU-Kommission sieht Defizite bei den Regulierungsmaßnahmen und prüft weitere Schritte.
    Dieser Artikel erzeugt offenkundig falsche Meinungsgrundlagen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Timothy Geithner | Barclays | Deutsche Bank | Anshu Jain | BNP | England
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