Euro-KriseMonti warnt vor Auseinanderbrechen Europas

Der italienische Ministerpräsident sieht bereits "Züge einer psychologischen Auflösung Europas". Gegenüber den Parlamenten müssten Regierungen Handlungsfreiheit bewahren. von afp

Italiens Ministerpräsident Mario Monti während einer Pressekonferenz

Italiens Ministerpräsident Mario Monti während einer Pressekonferenz  |  © Wolfgang Kumm/dpa

Der italienische Ministerpräsident Mario Monti fürchtet wegen der anhaltenden Eurokrise das Auseinanderbrechen Europas . "Die Spannungen, die in den letzten Jahren die Eurozone begleiten, tragen bereits die Züge einer psychologischen Auflösung Europas", sagte Monti dem Spiegel . Wenn der Euro zu einem Faktor des europäischen Auseinanderdriftens werde, dann seien "die Grundlagen des Projekts Europa zerstört".

Monti empfahl den Regierungschefs, sich ihre Handlungsfreiheit gegenüber den eigenen Parlamenten in der Krise zu bewahren: "Wenn sich Regierungen vollständig durch die Entscheidungen ihrer Parlamente binden ließen, ohne einen eigenen Verhandlungsspielraum zu bewahren, wäre das Auseinanderbrechen Europas wahrscheinlicher als eine engere Integration", sagte er.

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Der Ministerpräsident lobte zugleich den Kurs des Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi , in der Eurokrise und die von ihm angedeuteten neuen Aufkäufe von Staatsanleihen kriselnder Euroländer . Wie Draghi spreche er schon lange davon, dass der Markt für Staatsanleihen in der Eurozone "schwer gestört" sei, sagte Monti. Er forderte die Euroländer daher zum Handeln auf: "Diese Probleme müssen jetzt schnell gelöst werden."

Draghi hatte am Donnerstag gesagt, die Zentralbank werde in den nächsten Wochen die Bedingungen von Maßnahmen wie den erneuten Aufkauf staatlicher Schuldscheine diskutieren. Er machte jedoch keine konkreten Hilfszusagen. Die EZB hatte bis Mitte März Anleihen aufgekauft, um den Zinsdruck auf kriselnde Euro-Staaten zu senken. Seitdem liegt das umstrittene Programm auf Eis .

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Leserkommentare
  1. Ambrose Evans-Pritchard spricht heute im 'Telegraph' von der "venezianischen Schläue", mit welcher es den Herren Draghi und Monti gelungen ist, sämtliche zögernden nordischen Staaten auf ihre Seite zu bringen, um Deutschland nunmehr gänzlich zu isolieren.

    Doch der Hauptstratege ist wohl Monti, der Sieger der Brüsseler Konferenz, der zuerst Frau Merkel mit der Drohung zu beeindrucken suchte, dass die Italiener "auf die Straße gehen würden", und dann nach Helsinki reiste mit der neuen Drohung, das in Italien "eine euroskeptische Regierung an die Macht kommen" könne.

  2. Montis Aussage, Parlamte gehörten wie unartige Kinder zum Zwecke der Erziehung an den Löffeln gezogen, rufen ein Protestgeschrei hervor, das nur schwer nachzuvollziehen ist. Findet doch gerade in Deutschland shchon seit Jahren ein Prozess der schleichenden Aushöhlung des Parlamtarismus statt, der mit dem harmlos klingenden Etikett "marktkonforme Demokratie" zugekleistert werden soll. Und was sind denn diese Dauerkonferenzen abgehobener Staatenlenker zu Rettung des Euro anderes als feudale "Wiener Kongresse" in Permanenz? Um zu zeigen, dass hier ein ganzer Kontinent zu einem Chile des Jahres 1973 gemacht werden soll, bedurfte es nicht eines Herrn Monti.
    Nein, ein Europa als Laboratorium für neoliberalen Größenwahn, in dem Ausbeutung und Demütigung der Untertanen optimiert werden, brauchen wir ganz gewiss nicht. Was ist bloß aus dieser großen Idee in den Handen von diesen Kleinkrämern, geworden?

  3. Agrippa, vermutlich ein Nachfahre der edlen Römer, fordert mit großer Geste und noch größerer Empörung die "Solidarität" der Geberländer ein. Er appelliert an das Mitgefühl mit 129 Mio Mittelmeeranrainern, die wir doch nicht einfach "untergehen" lassen könnten.

    Wie dies aber funktionieren soll, interessiert nicht. Hauptsache, das Geld fließt weiter. Sonst sind wir böse "Panzer-Teutonen".

    Solchen Erpressungsversuchen kann man nur die kalte Schulter zeigen. Ist ja auch albern: als wäre der ClubMed in den Jahrhunderten vor EU und Euro untergegangen. Die wurschteln sich schon durch.

    Antwort auf "Nachsatz"
  4. Nope, im Mittelmeer versinken muß oder soll niemand. Sie können da weiter dran wohnen, fischen, baden, grillen - kein Problem. Wie in 3000 Jahren vorher.

    Nur zahlen sollen Sie selbst, Ihre Schulden, Ihre Einkäufe, Ihre Rechnungen und Ihre Steuern. Damit das funktioniert, sollten die soliden Staaten sich von den unsoliden trennen. Die Mentalitäten und Wirtschaftsformen passen nicht zusammen - wie man sieht. Solange wir zahlen, gibt es keine Besserung.

    Antwort auf "Volksverdummung"
    • Cheruby
    • 09. August 2012 10:35 Uhr

    Sozialarbeiter kennen das Dilemma in dem Deutschland momentan steckt besser als jede andere Berufsgruppe. Es ist das Dilemma zwischen Nähe und Distanz zu denjenigen, denen aus der Patsche geholfen werden soll. Geht man zu sehr ein auf die Probleme, verschwindet der Anreiz, das kreative Maß der Not, was die Betroffenen brauchen um sich selbst zu befreien... Geht man zu sehr auf Distanz, wird die Situation für die Bekümmerten schier überwältigend. Erst das richtige Maß der Zuneigung und Unterstützung verwandelt überfordernden Disstress in motivierenden Eustress. »Eu-stress« ist in einem föderalen Europa das politisch mögliche Lebensgefühl. Endgültige Lösungen wird es in Europa, wie nirgendwo anders, niemals geben. »The torture never stops.« Wer etwas anderes verspricht ist ein Demagoge. Wer Panik schürt ebenfalls. Europa ist ein Schwebezustand, zu komplex für Patentrezepte. Direktismus, Zentralismus, Dogmatismus, Panikmache, Abzocke führen zu Disstress unter den Europäern. Eu-stress bedeutet anregender, motivierender Stress. Das richtige Mass von Unterstützung und Zurückweisung, von Solidarität und Eigennutz. Eu-stress beinhaltet keine paradiesischen Illusionen, sondern ein stimulierendes, aber realistisches Lebensgefühl. Dafür braucht es hellwache Parlamente und Demokratien, die alle Disstresser in die Schranken weisen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte Mario Monti | Europäische Zentralbank | Mario Draghi | Anleihe | Euro-Krise | Integration
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