Der Öl- und Gasindustrie geht es wie der modernen Industriegesellschaft: Sie steckt in einem möglicherweise unlösbaren Dilemma. Sie soll umwelt- und klimafreundlicher werden – aber der nicht nachlassende Energiebedarf sowie die Tatsache, dass konventionelle Öl- und Gasquellen nach und nach zur Neige gehen, treibt sie dazu, immer riskantere und schmutzigere Reserven zu erschließen.

Seit Langem beteuert die Branche, wie wichtig ihr der Klimaschutz und der Ausbau der erneuerbaren Energien seien. Doch in ihrem Geschäftsgebaren schlägt sich das nur begrenzt nieder. Auch die Sicherheit der Ölarbeiter und die Einhaltung der Menschenrechte sind oft ein Problem. Das zeigt eine Studie von oekom research , einer Rating-Agentur, die sich auf die Bewertung von Unternehmen, Ländern und Branchen nach Nachhaltigkeitskriterien spezialisiert hat.

Die oekom-Daten belegen, dass der Ausstoß von Kohlendioxid pro gefördertem Fass Öl oder der äquivalenten Menge an Gas in den vergangenen Jahren so gut wie nicht gesunken ist. "In manchen Fällen gab es zuletzt einen Rückgang, bedingt unter anderem durch die Krise sowie durch die zeitweilig niedrige Nachfrage und die niedrigen Ölpreise", sagt Kristina Rüter, die Autorin der Studie . "Aber tendenziell wird die Förderung CO2-intensiver." Nur ganz wenige Unternehmen setzten sich überhaupt konkrete Emissionsziele; und der Ausbau der erneuerbaren Energien "bleibe, sofern überhaupt ein Thema, ein Randgeschäft".

© ZEIT ONLINE

Wie viel Treibhausgase durch die Öl- und Gasförderung in die Atmosphäre gelangen, unterscheidet sich je nach Unternehmen stark (s. Grafik). Integrierte Öl- und Gaskonzerne – also Konzerne, die den Rohstoff nicht nur fördern, sondern auch weiterverarbeiten – pusten je Fass zwischen 20 und 130 Kilogramm Kohlendioxid in die Luft. Firmen, die vor allem Öl aus Teersand gewinnen oder Kraftstoffe durch Kohleverflüssigung herstellen, sind um ein Vielfaches schmutziger. Am klimaschädlichsten ist die Kohleverflüssigung mit bis zu 3.000 Kilogramm Kohlendioxid pro Fass. Die Ölförderung aus Teersand verursacht immerhin noch bis zu 400 Kilogramm.

Wie sehr ein Konzern die Luft verschmutzt, hänge vor allem von der Lage der Reserven und von der Art des geförderten Rohstoffs ab, erklärt Rüter. "Wird schweres oder leichtes Öl gefördert? Hat es einen hohen Schwefelgehalt? Wird offshore gebohrt, vielleicht sogar in der Tiefsee, oder an Land? Wie lang sind die Transportwege?" Je schwerer das Öl sei, je tiefer gebohrt werden müsse, je aufwändiger der Transport, desto höher seien der Energiebedarf und damit die Emissionen. "Man kann zwar durch eine effiziente Anlagetechnik in den Raffinerien oder durch die Wahl der Transportmittel Energie sparen. Aber die Möglichkeiten sind begrenzt, solange man keine Entscheidung trifft, auf besonders energieintensive Fördermethoden zu verzichten."

Weil Nachhaltigkeit aber nicht nur mit dem Ausstoß von Treibhausgasen zu tun hat, hat oekom auch untersucht, wie stark die Konzerne darüber hinaus die Umwelt verschmutzen, wie hoch ihr Ressourcenverbrauch allgemein ist und welche Risiken ihre Arbeiter eingehen müssen. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Verschwendung, Unfälle, Umweltschäden

Der Druck auf die Unternehmen, verbrauchte Reserven "schnellstmöglich und vollumfänglich zu ersetzen" sei immens, heißt es in der Studie. Das treibe die Konzerne dazu, immer größere Risiken einzugehen. Zunehmend würden auch schwer zugängliche Vorkommen in der Tiefsee oder in der Polarregion erschlossen. Die Folge seien ein steigender Ressourcenverbrauch, systematische Umweltverschmutzungen und immer häufigere "folgenschwere Unfälle" – unter anderem, weil "sichere, umweltverträgliche Technologien (noch) nicht verfügbar sind". Eine Trendwende sei nicht in Sicht.