AngolaPortugiesen suchen Zuflucht in der Ex-Kolonie

Zu Hause gibt es keine Jobs oder nur schlecht bezahlte: Gut ausgebildete Fachkräfte aus Portugal erhoffen sich deshalb eine Zukunft in Angola. von 

Szene vom Generalstreik in Lissabon im November 2011

Szene vom Generalstreik in Lissabon im November 2011  |  © Patricia de Melo Moreira/AFP/Getty Images

Bislang ging die Geschichte so: Europäische Sicherheitskräfte greifen illegale afrikanische Einwanderer auf, die hier Geld für sich und ihre daheim gebliebenen Familien verdienen wollten. Die umgekehrte Variante schien undenkbar. Und doch ist sie Realität geworden, seit Europa in die Krise geriet. Angola etwa schob kürzlich 20 Portugiesen ab, die mit falschen Visa eingereist waren. Im vergangenen Jahr nahm die Einwanderungsbehörde insgesamt 42 Portugiesen fest, die keine  Arbeitserlaubnis hatten. Eine Baufirma hatte sie beschäftigt und musste für jeden der illegalen Arbeiter 5.000 Dollar Strafe bezahlen.

Angola, die ehemalige portugiesische Kolonie, gehört wegen der Sprache neben Brasilien und der ebenfalls ehemaligen Kolonie Macau zu den bevorzugten Zielen junger Portugiesen, die für sich zu Hause keine Zukunft mehr sehen. In Portugal liegt die Erwerbslosenquote bei mehr als 15 Prozent, von den Jugendlichen unter 24 Jahren ist sogar mehr als jeder dritte ohne Job. Binnen sechs Jahren ist die Zahl der arbeitslosen Universitätsabsolventen auf nahezu 800.000 angeschwollen. Und wer eine Stelle findet, verdient selbst mit Diplom nur mit Glück 1.000 Euro im Monat. Zahlreich sind die Beispiele von Ingenieuren, Informatikern und Ärzten, die in Callcentern oder kleinen Läden jobben.

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Angola dagegen boomt. Der Ölreichtum vor der Küste des westafrikanischen Landes lässt die Devisen sprudeln. Voriges Jahr produzierte Angola 1,8 Millionen Barrel Öl am Tag; Hauptabnehmer ist China . Zehn Jahre nach dem Ende eines 30 Jahre währenden Bürgerkriegs wird vor allem in der Hauptstadt Luanda an allen Ecken gebaut: Wolkenkratzer mit Glasfassaden für Banken, Versicherungen und die Filialen internationaler Großkonzerne, Straßen, Villen für die neue Oberschicht, Wohnblocks für die Masse der Bevölkerung. Zudem können 40 Prozent der 18 Millionen Angolaner weder lesen noch schreiben. Da werden gut ausgebildete Fachkräfte gebraucht. Die frühere Kolonie beschäftigt die Nachkommen ihrer ehemaligen Herren. Und investiert nebenbei kräftig in Energieunternehmen und Banken des Landes, das voriges Jahr unter den Rettungsschirm schlüpfen musste.

Es gibt nur Schätzungen, weil Portugal die Zahl der Auswanderer nicht systematisch registriert. Aber wenn die Angaben der Regierung zutreffen, wonach im vorigen Jahr 150.000 der rund elf Millionen Portugiesen das Land verlassen haben, dann erreicht der Exodus wieder Werte wie zuletzt während der Salazar-Diktatur in den sechziger und siebziger Jahren. Headhunter wie die portugiesische Filiale von Ema International Partners vermittelten im letzten Jahr mehr als zehn Prozent ihrer Klienten nach Angola.

 Zu wenig Jobs, damit die Fachkräfte bleiben

"Für jeden Schiffbrüchigen in Portugal hat Angola einen Rettungsring" kommentierte das portugiesische Magazin "Visao". Premierminister Pedro Passos Coelho von der konservativen PSD, der selbst in Angola aufwuchs, ermunterte die arbeitslose Jugend sogar, ihr Glück in der Ferne zu suchen. Dafür gab es Kritik, von den politischen Gegnern, die in diesem Aufruf einen Offenbarungseid erkannten. Aber auch von Experten, die einen dauerhaften Verlust junger, kluger Köpfe fürchten. Selbst wenn wie geplant im August eine Reform der  Arbeitsmarktgesetze kommt und der Kündigungsschutz gelockert wird, kommen über Nacht nicht die Jobs, wegen der die Fachkräfte bleiben.

"Portugiesische Ingenieurskunst steht für die größten Bauwerke Angolas", lobt Alvaro Santos Pereira. Der portugiesische Wirtschafts- und Arbeitsminister reiste Anfang Juli in die angolanische Hauptstadt zu einer Konferenz der Ingenieursverbände beider Länder. Sein Amtskollege Abrahão Gourgel betonte sein Interesse, die Partnerschaft zwischen Angola und Portugal zu vertiefen. Die Ingenieurskunst sei "ein zentrales Element für die Entwicklung einer Gesellschaft", erinnerte José Dias, einer der bedeutendsten Ingenieure in dem afrikanischen Land.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie etwas zur Diskussion beizutragen haben. Danke, die Redaktion/mo.

  2. Wir müssten eben auch entsprechendes bieten, der Brain-Drain ist eine Katastrophe.

  3. Die deutschen Auswandererzahlen werden ja auch nur sehr ungerne und mit dem Hinweis auf "statistischen keine verlaesslichen Daten" herausgegeben. Von diesen sind sicher nur eine kleine Minderheit nach Angola gewnadert - ueber die Grenze aber gibt es schon lange deutsche Auswanderer - und nicht wenige sind erst in den letzten Jahren gekommen ... es ist eben immer etwas leichter ueber die Portugiesen zu schreiben ... dann muss man sich mit den eigenen Misstaenden nicht wirklich beschaeftigen!

  4. hat Angola einen Rettungsring"?

    Die Geschichten aus Angola sind aber andere, nämlich, dass die Portugiesen, die dort einen schnellen Nugget machen wollen, dort erst richtig ausgenommen werden.

    Vielleicht bieten die Schwaben hier doch die bessere Perspektive.

  5. Naja, der üblichen deutschen Terminologie zufolge wären dies alles "Wirtschaftsflüchtlinge" und "Asylbetrüger". Angola droht nun die Errichtung von "Parallelgesellschaften" und "Überfremdung" und die "Integration" dieser Leute muss auch noch intensiv diskutiert werden.

    • futty
    • 15. August 2012 21:17 Uhr

    Uebetrieben!
    Nur 3 Beispiele:

    18 Millionen Angolaner. (???)
    Lt. Konsulat der Republik Angola sind es 12.900.000 (2000)
    http://www.consuladogeral... (innerhalb von 12 Jahren sind es wohl nicht 5,1 Mio mehr)

    Gehälter von mehr als 10.000 Euro plus Heimat-Freiflüge ins Land kommen. (???)
    Eine Hand reicht hoechstwarscheinlich um die zu zaehlen die die diesen Gehalt bekommen.

    Wohnungen mit privatem Sicherheitsdienst für 15.000 Dollar monatlich aufwärts. (???)
    Wenn es so waere, dann wuerden die (o.e uebertriebene Gehaelter von ueber 10.000 USD nicht einmal fuer die Wohnungsmiete ausrreichend sein :).
    Wo ist das Profit ueberhaupt nach Angola auszuwandern?
    Bitte mehr realistisch sein und nicht sooooo übertreiben!

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