Bald wird es offiziell verkündet werden: Großbritanniens Konzerne haben das Sommerloch abgeschafft. Klar, in diesem Jahr dominiert Olympia alles, aber die Monate der Nachrichtendürre, in denen die Schlagzeilen vom Wetter bestimmt sind, weil alle in den Ferien sind und nichts passiert, gibt es in Großbritannien schon seit Jahren nicht mehr. BP , News Corp, Barclays : jeden Sommer füllt ein anderes Unternehmen die Titelseiten.

Seit gestern ist es die Standard Chartered Bank. Gegen sie ermittelt eine New Yorker Aufsichtsbehörde wegen des Verdachts der Geldwäsche. Die Vorwürfe gegen Standard Chartered sind schlimm und sie könnten zum Entzug der amerikanischen Handelslizenz führen. Wenn es dazu kommt, "ist die Bank erledigt", sagte ein Mitarbeiter am Dienstag in London .

Die neueste Story aus der Finanzwelt ist kein ganz normaler Bankenskandal, denn die Beweislage ist nicht besonders gut angesichts der schweren Vorwürfe gegen Standard Chartered. Und so kommen auch die Aufsichtsbehörde und ihre Motivation ins Gerede.

Ein Fossil in der City of London

Standard Chartered ist ein Fossil in der City of London und doch ist sie kaum der Öffentlichkeit bekannt. Die Geschichte der Bank reicht in die Mitte des vorletzten Jahrhunderts zurück und ihr Aufstieg ist mit imperialen britischen Prestigeprojekten wie dem Bau des Suezkanals und der Entstehung des Eisenbahnnetzes in Indien verknüpft. Diese Historie ist auch der Grund für die geschäftliche Ausrichtung der Bank auf den Nahen und Fernen Osten.

Als fünftgrößte britische Bank mit einer Bilanzsumme von rund 600 Milliarden Dollar galt Standard Chartered bei Anlegern immer als sichere Investition. Von dem Bankencrash blieb sie weitgehend unberührt, denn, so sagte Vorstandchef Peter Sands letzte Woche bei der Präsentation der Quartalszahlen, "wir sind eine vergleichsweise langweilige Bank."

Vier Tage später war es vorbei mit der Langeweile. Der Chef der New Yorker Finanzaufsicht, Benjamin Lawsky, präsentierte Dokumente, die belegen sollten, dass Standard Chartered jahrelang für seine iranischen Kunden illegale Dollargeschäfte über New York abgewickelt habe. Dabei sei die Identität der Kunden verschleiert worden, um US-Sanktionen gegen den Iran zu umgehen. Mit insgesamt 60.000 "heimlichen" Transaktionen, sagte Lawsky, habe die Bank sich der Geldwäsche in einer Größenordnung von 250 Milliarden Dollar schuldig gemacht.

"Standard Chartered ist keine Schurken-Institution"

Die Anleger reagierten sofort. Binnen weniger Stunden verlor die Standard Chartered Aktie ein Fünftel ihres Wertes. Aber dann kam die Bank mit einer Gegendarstellung. 99,9 Prozent aller Transaktionen mit dem Iran bewegten sich innerhalb der gesetzlichen Regeln und hätten nichts mit Parteien zu tun, die von der US-Regierung zum damaligen Zeitpunkt als terroristisch eingestuft worden waren.

Nur bei Geschäften im Wert von 14 Millionen Dollar, das gab die Bank zu, seien US-Sanktionsregeln gebrochen worden. Davon jedoch haben die Aufseher nur erfahren, weil die Bank Anfang 2010 Selbstanzeige erstattet habe. "Standard Chartered ist keine Schurken-Institution", sagte ein Pressesprecher. "Bei den Regelverstößen, die wir den Aufsichtsbehörden vorgelegt haben, handelt es sich schlicht und einfach um Abrechnungsfehler."

Der Vorwurf der Geldwäsche gegen britische Banken ist nicht neu. Erst letzten Monat wurde HSBC in New York zu einem Bußgeld von 700 Millionen Dollar verdonnert, weil die Händler der Bank Drogengeld aus Mexiko in die USA geschleust hatten.

"StanChart fühlt sich wirklich im Recht"

"Normalerweise geben Banken solchen Vorwürfen sehr schnell nach", sagt der Londoner Analyst Marcus Hewitt. "Wenn es auch nur die kleinsten Anzeichen dafür gibt, dass sie überführt werden können, zahlen sie lieber, als sich zu verteidigen. Denn wenn so einen Affäre lang und breit in der Öffentlichkeit verhandelt wird, ist der Imageschaden größer als eine Strafzahlung." Für den Veteran der Londoner Bankenszene ist das allein Anzeichen dafür, dass die Vorwürfe gegen Standard Chartered übertrieben sein könnten. "Die Reaktion von StanChart deutet darauf hin, dass die sich wirklich im Recht fühlen."

So sind Gegenvorwürfe entstanden. Ziel der New Yorker Regelhüter sei es nicht, die amerikanischen Sanktionen gegen den Iran durchzusetzten. Vielmehr wollten sie ausländische Banken schwächen, argwöhnen manche in der City. Der Unterhausabgeordnete John Mann, der auch Mitglied im Finanzausschuss des Parlaments ist und sich in der City gut auskennt, sprach von einer "zunehmendem Voreingenommenheit amerikanischer Behörden gegen ausländische und vor allem gegen britische Banken."

John Mann vermutet, dass es hier darum geht "die Wall Street zu stärken und Macht zu konzentrieren." Ein Schweizer Banker in New York sieht das ebenso. "Credit Suisse, Barclays, Lloyds und jetzt Standard Chartered, die Liste der ausländischen Firmen, die es mit den Aufsehern zu tun bekommen, wird immer länger. Im Zeitalter der globalen Kapitalströme ist es auffällig, dass amerikanische Banken offenbar tadelloser sind, als alle anderen."

Kritik vom US-Justizministerium

Wie gehaltvoll die Vorwürfe von Benjamin Lawsky gegen Standard Chartered sind, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Doch wurde seine Glaubwürdigkeit am Mittwoch auch von den amerikanischen Behörden unterminiert. Aus dem Justizministerium und dem Zentralbank kam Kritik an seinem Alleingang. Normalerweise würden solche Vorgänge auf ministerieller Ebene angesprochen hieß es.

Am Ende füllen dann nicht mehr nur die Banken das britische Sommerloch, sondern auch noch die Regulierungsbehörden selbst. Keine guten Aussichten. Olympia wäre besser.