Acht von zehn Bundesbürgern wünschen sich angesichts der europaweiten Krise eine neue Wirtschaftsordnung. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes TNS Emnid, die im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt wurde und der ZEIT exklusiv vorliegt.

Zwei von drei Befragten misstrauen demnach bei der Lösung der Probleme den Selbstheilungskräften der Märkte. Der Kapitalismus sorge weder für einen "sozialen Ausgleich in der Gesellschaft" noch für den "Schutz der Umwelt" oder einen "sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen".

Das Volk sei demnach gar nicht so stark an kurzfristigen Zielen interessiert. "Nachhaltigkeit, Umwelt und Soziales liegt vielen Bürgern mehr am Herzen, als Politiker glauben", sagte Aart De Geus, Leiter der Bertelsmann Stiftung.

Grundsätzlich hält die Mehrheit der Deutschen Wirtschaftswachstum zwar für wichtig. Gegenüber 2010 ging allerdings der Anteil derjenigen, die es als "sehr wichtig" für die Lebensqualität in der Gesellschaft einschätzen, um 14 Prozentpunkte zurück. Zudem glauben zwei Drittel der Befragten nicht mehr daran, dass Wirtschaftswachstum die eigene Lebensqualität steigere.

Menschen haben sich an die Krise gewöhnt

Die von der Euro-Krise ausgelösten Sorgen der Deutschen werden inzwischen durch andere Ängste verdrängt. Das belegen bislang unveröffentlichte Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW. Während sich 2009 noch 49 Prozent der Bürger vor instabilen Märkten fürchteten, waren es im vergangenen Jahr nur noch 30 Prozent. "Man darf nicht vergessen, dass die breite Bevölkerung sich seit einigen Jahren an die Krise gewöhnt hat, und auch die hohe Erwartung an stabile Finanzmärkte gesunken ist", sagte Jürgen Schupp, Leiter der SOEP-Forschergruppe.

In einer Rangfolge der persönlich wichtigen Dinge stehen für die Befragten zunehmend postmaterielle Ziele oben: "Gesundheit" liegt auf dem Spitzenplatz, gefolgt von "Zufriedenheit mit der persönlichen Lebenssituation" und dem "Schutz der Umwelt". Erst als Letztes wünschen sich die Deutschen "Geld und Besitz zu sichern und zu mehren".

Uneins sind sich die Bundesbürger, wie der beste Weg aus der aktuellen Krise in Europa aussehen könnte. In der Emnid-Umfrage plädieren 46 Prozent der Deutschen für Wachstumspolitik, 44 Prozent für einen strikten staatlichen Sparkurs.