Der Mann, der Europas Krise endlich beenden will, betritt den Pressesaal der Europäischen Zentralbank (EZB) durch die Seitentür. Es ist Donnerstagnachmittag halb drei, die Zeit, zu der Mario Draghi, der Chef der Bank, seit bald einem Jahr regelmäßig vor die Presse tritt. Draghi teilt der Öffentlichkeit auf diesen Konferenzen mit, was die Mitglieder des Zentralbankrats beschlossen haben. Manchmal sagt er, dass die Zinsen in der Euro-Zone steigen oder sinken werden, oft deutet er einen Zinssprung nur an. Meistens sagt er, dass alles beim Alten bleibt.

An diesem Donnerstag rückt Draghi sein Jackett zurecht, beugt sich zum Mikrofon und liest die Wirtschaftsprognosen seiner Fachleute vor. Dann verkündet er den Tabubruch. Draghi sagt : "Wir werden bald ein absolut effektives Sicherheitsnetz haben."

Konkret bedeutet das: Die EZB wird Banken, Versicherungen und anderen Anlegern spanische und italienische Staatspapiere abkaufen. Nicht zeitlich begrenzt, wie bei den vergangenen Malen, sondern ohne Limit. Weil so die Nachfrage nach den Schuldpapieren steigt, dürfte der Wertverfall der Anleihen stoppen, die Zinsen dürften sinken. So ist das bei Staatsanleihen: Wenn die Kurse steigen, sinken die Renditen. Die Regierungen in Madrid und Rom müssen dann weniger Zinsen für neue Schulden zahlen und haben mehr Geld übrig, um Schulden zu tilgen.

Entscheidung fiel nicht einstimmig

Das ist der Plan, auf den Anleger seit Wochen gewartet haben, seit Draghi Ende Juli in London verkündet hatte, er werde alles tun, um den Euro zu retten. Die EZB wird Geld drucken. Die Politiker in Madrid, Rom und Athen haben zwar in ihren Ländern die Ausgaben gekürzt und die Steuern erhöht, aber am Ende reichte das alles nicht, um keine neuen Schulden machen zu müssen und die nervösen Anleger davon abzuhalten, auf ein Auseinanderbrechen des Euro zu wetten. Jetzt kommt das Geld nicht vom Kapitalmarkt und auch nicht von den Steuerzahlern. Es kommt aus der Notenpresse der Zentralbank.

Draghi weiß, dass dieser Plan viele Kritiker hat, vor allem in Deutschland. Der ehemalige EZB-Direktor Jürgen Stark ist wegen der Anleihe-Käufe bereits zurückgetreten, auch der deutsche Bundesbank-Chef Jens Weidmann ist ein erbitterter Kritiker. Die Entscheidung im EZB-Rat ist nicht einstimmig gefallen, es gab eine Gegenstimme. Es bedarf nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass es Weidmann war, der mit Nein gestimmt hat.

Draghi betont deshalb die Details des Plans. Die Notenbank werde etwa keine langlaufenden Anleihen kaufen, sondern nur solche, die maximal drei Jahre laufen, sagt er. Das ist die Botschaft, die Zentralbank habe keinesfalls vor, auf Dauer Staaten wie Italien zu finanzieren, wie es zum Beispiel die italienische Notenbank während der siebziger und achtziger Jahre getan hat. Der Notenbankchef verspricht auch, dass die Geldmenge nicht wachsen wird, weil die Zentralbanker das Geld an anderer Stelle am Kapitalmarkt wieder abziehen werden. Das lässt sich als Versprechen lesen, die EZB werde nicht zulassen, dass die Inflation steigt. Auch vermeidet der Notenbankchef eine genaue Aussage, ab welchem Zinsniveau er eingreifen will. Man werde einsteigen, wenn es aus Sicht der Zentralbank nötig ist. Draghi sagt aber vor allem: "Die Regierungen im Euro-Raum müssen sich an ihre Verpflichtungen halten."