Auf der dänischen Insel Bornholm laufen die Vorbereitungen. Noch knapp zwei Monate, dann sind rund 2.000 Haushalte fertig ausgerüstet. Sie sollen die Avantgarde der dänischen Energiewende werden. Die Bornholmer erhalten intelligente Stromzähler ; ihre Waschmaschinen, Fernseher und Computer sind dann komplett vernetzt und lassen sich vom örtlichen Energieversorger Oestkraft fernsteuern.

Wenn dann jemand auf Bornholm abends die Spülmaschine füllt, kann er zwar gleich den Startknopf drücken. Aber waschen wird das Gerät womöglich erst um zwei Uhr in der Nacht – wenn gerade viel Windstrom im Netz ist. Im Fünf-Minuten-Takt übermittelt Oestkraft den aktuellen Preis für eine Kilowattstunde Strom. Wenn es am günstigsten ist, springt die Spülmaschine an. So ist sie programmiert.

EcoGrid EU nennt sich das rund 23 Millionen Euro teure Pilotprojekt, das im November startet und bis im Jahr 2015 laufen soll. Auf Bornholm will der dänische Netzbetreiber Energinet.dk zeigen, wie ein Energiesystem gebaut sein muss, das im Zeitalter von Ökostrom gut funktioniert. Die Ergebnisse sind auch für Deutschland interessant. Auch hier müssen in den kommenden Jahren große Mengen Ökostrom in das Energiesystem integriert werden.

Der zweite Teil der Energiewende hat begonnen

Bornholm will eines jedoch nicht: noch mehr Solaranlagen und Windräder bauen. Schon heute kommen 47 Prozent des produzierten Stroms aus Windenergie. Das reicht. Die EU will mit dem Pilotprojekt vielmehr zeigen, wie sich Angebot und Nachfrage auf einem volatilen Markt ins Gleichgewicht bringen lassen. Was die 40.000 Einwohner-Insel vorhat, ist nicht Teil Eins der Energiewende. Es ist schon der zweite Teil.

"Es geht darum, über Preissignale die Stromnachfrage zu flexibilisieren", sagt Kim Behnke vom Stromnetzbetreiber Energinet.dk, der das Projekt betreut. Mindestens 100 Euro könne eine Familie im Jahr sparen, wenn sie ihre Nachfrage anpasse.

Für die Dänen lohnt es sich mitzumachen. Das Land hat die höchsten Endkunden-Strompreise in Europa . Doch was für Veränderungen wollen die Kunden? Wollen Sie einen festen Garantiebonus oder lieber eine minutengenaue Abrechnung? Passen sie ihre Gewohnheiten im Alltag tatsächlich an? Das soll EcoGrid EU klären.

Bornholm ist ein Experimentierfeld für die dänische Regierung. In einem parteiübergreifenden Konsens hatte sich die neue linke Regierung im März ein ambitioniertes Energieabkommen gegeben.

 Dänemarks Ökostromziele sind ehrgeiziger als die deutschen

Im Jahr 2020 soll Windstrom die Hälfte des dänischen Strombedarfs decken – das entspricht fast einer Verdopplung. Der Anteil von Ökoenergien am Endenergieverbrauch (Strom, Wärme, Treibstoffe) soll dann bei 35 Prozent liegen. Um das zu schaffen, will Dänemark in der Nordsee den Offshore-Windpark Horns Rev und in der Ostsee den Windpark Kriegers Flak bauen. Die riesigen Windfarmen hätten eine Kapazität von 1.000 Megawatt. Theoretisch wäre das so viel wie ein Atomkraftwerk. Windräder nahe der Küste und an Land liefern noch einmal 1.000 Megawatt Kapazität.

Damit nicht genug: Bis 2050 will Dänemark komplett grün sein, sowohl im Stromsektor als auch beim Heizen, im Verkehr und in der Industrie. Das alles soll einhergehen mit einer Steigerung der Energieeffizienz. Für das kleine Königreich ist das ein wahrer Kraftakt.

Deutschlands Energieziele sind dagegen fast bescheiden. Der Ökostromanteil soll 2020 rund 35 Prozent betragen. Der Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch soll 2030 bei 30 Prozent liegen.Deutschland setzt vor allem auf Windkraft, sowohl an Land als auch auf hoher See.

Die Umstände hierzulande sind eben komplett anders als in Dänemark. Rund 82 Millionen Einwohner leben hier, im Nachbarland sind es gerade einmal 5,5 Millionen. Deutschland hat zudem noch einen Atomausstieg vor sich. Auch die Fördersysteme unterscheiden sich. Während hier jeder Windmüller eine feste Vergütung für seinen Ökostrom erhält, müssen die Dänen ihren Windstrom an der Börse verkaufen und erhalten nur einen Ökobonus von etwa 1,3 Cent/kwh .

Kohlemeiler werden radikal gedrosselt

Dennoch kann Deutschland von Dänemark lernen. Bislang setzte das Land vor allem Kohlekraft, mehr als ein Dutzend Meiler verteilen sich entlang der Küsten von Jütland, Fünen und Seeland. Zahlreiche Blockheizkraftwerke produzieren außerdem Strom und Wärme für die Fernwärmenetze.

Jetzt aber ist die Energiewende in vollem Gang. Die zentralen Kohlemeiler werden immer öfter heruntergefahren, damit das Netz mehr Windstrom aufnehmen kann. Mehr als 6.300 Ökostromproduzenten gibt es inzwischen in Dänemark. "Die großen Blockheizkraftwerke fahren wir teilweise auf zehn Prozent ihrer Leistung herunter, um Ökostrom besser zu integrieren", sagt Peter Jørgensen von Energinet.dk. Er widerlegt damit die Behauptung, dass gerade Kohlekraftwerke extrem unflexibel seien. "In unserem Energiemarktsystem lässt sich inzwischen einfach Geld damit verdienen, flexibel zu sein."

Damit dieses flexible System funktioniert, muss auch Dänemark sein Stromnetz ausbauen. Das ist die Aufgabe von Energinet.dk. Das Unternehmen ist der einzige Netzbetreiber in Dänemark – und komplett in staatlicher Hand. Sämtliche Gewinne, im Jahr rund eine Milliarde Euro, bleiben in Staatshand.

In Deutschland dagegen betreiben vier Privatunternehmen das Übertragungsnetz. Mit allen Vor- und Nachteilen. Wenn wie im Fall von Tennet das Eigenkapital fehlt, um Offshore-Windparks anzuschließen , kann der Staat nur wenig machen. "Energinet.dk ist zwar ein Monopolist", sagt Sune Strøm vom dänischen Windenergieverband. "Aber er ist reguliert und arbeitet extrem effektiv."

 Ausbau der Strombrücken ins Ausland

Auch deutsche Energieexperten sind sich nicht einig, ob eine staatliche deutsche Netz AG zwangsläufig von Vorteil sein könnte. "Ein Stromnetzbetreiber muss sich so oder so mit den Bürgern vor Ort über Strommasten auseinandersetzten", sagt Peter Ahmels vom Forum Netzintegration. "Ob das am Ende ein staatliches oder privates Unternehmen macht, ist relativ egal".

Zurzeit baut Energinet.dk vor allem Strombrücken ins Ausland. Ein Seekabel wird nach Norwegen verlegt, eine Leitung nach Deutschland verstärkt. Das CobraCable soll bald als Stromautobahn Dänemark und die Niederlande verbinden. Selbst ein Seekabel nach Großbritannien ist angedacht. "Wir brauchen ein starkes internationales Übertragungsnetz", sagt Jørgensen. "Nur so können wir mit unserem Strom handeln und für ein flächendeckendes Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage sorgen."

Wie in Deutschland müssen auch die Dänen das regionale Verteilnetz auf 110 kV-Ebene ausbauen. "Große Widerstände beim Stromnetzausbau gibt es bislang nicht", sagt Strøm. Der Grund dafür ist simpel: In Dänemark landet jedes 110 kV-Kabel in der Erde. Man sei eben ein reiches Land, heißt es bei Energinet.dk. In Deutschland ist die Erdverkabelung dagegen bislang nur bei einigen Pilotprojekten vorgesehen.

Auch beim Ausbau der großen Stromautobahnen auf 400 kV-Ebene gibt es in Dänemark weniger Probleme. Deutschland wird Tausende Kilometer neuer Leitungen benötigen. Dänemark wird dagegen einfach die Übertragungskapazitäten auf den alten Trassen erhöhen. Von "Embellishment" spricht Energinet.dk da gerne. Wörtlich übersetzt bedeutet das "Verschönerung".

Am interessantesten werden daher wohl die Erfahrungen sein, die Dänemark auf Bornholm sammelt. Vom "Regelenergiemarkt in Echtzeit" könnten andere Staaten viel lernen, sagt Kim Behnke von Energienet.dk. Was man dort lerne, lasse sich auch auf Deutschland übertragen. "Wenn wir es schaffen, so viel Windkraft ins Stromnetz zu integrieren, dann sollte das auch mit deutschem Solarstrom kein Problem sein."