Wer 65 Jahre alt ist und aus einem wohlhabenden Haushalt stammt, lebt im Durchschnitt länger als Menschen im gleichen Alter mit niedrigerem Einkommen. Das ist das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ( DIW ) und des Robert-Koch-Instituts (RKI), die ZEIT ONLINE in Auszügen vorliegt. Männer aus ärmeren Haushalten und mit unsicherem Einkommen leben demnach fünf Jahre kürzer als Besserverdiener . Bei Frauen beträgt die Differenz immerhin dreieinhalb Jahre.

Der Befund, dass Arme früher sterben, ist zwar nicht grundsätzlich neu. Die Wissenschaftler dokumentieren jedoch zum ersten Mal, welche Faktoren die Lebenserwartung beeinflussen können.

Das Einkommen ist nämlich nur ein Einfluss von vielen. Die DIW-Forscher zeigen sogar, dass das Argument "Wer viel verdient, kann sich eine bessere Gesundheitsversorgung leisten"" so pauschal nicht gilt. Genauso entscheidend sind auch die physische und psychische Belastung und das soziale Netzwerk eines Menschen.

Für die Untersuchung hat das Forscherteam erstmals Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ausgewertet. Dabei handelt es sich um die umfangreichste Sammlung von Langzeitdaten für Deutschland. Rund 20.000 Menschen werden seit Jahren regelmäßig über ihre Lebensgewohnheiten und Einkommenssituation befragt. Vergleichbare Studien bezogen sich bisher in der Regel nur auf Zahlen der Rentenversicherer. Diese aber erheben etwa keine Daten über Bildung, Demographie und Freizeitspaß.

Psychischer Stress mindert Lebenserwartung

Die Daten legten die Interpretation nahe, dass die geringe Lebenserwartung von Frauen mit geringem Einkommen "zum Teil mit psychischer Belastung wegen finanzieller Knappheit" einhergingen, sagt Martin Kroh, einer der DIW-Forscher. Ein anderer Grund sei ein "schwächeres soziales Netzwerk", über das viele dieser Frauen verfügten. Bei Männern hingegen spiele in der statistischen Betrachtung eher eine niedrige Bildung eine Rolle. Auch ein körperlich belastendes Arbeitsleben könne die Lebenserwartung verringern, sagt Kroh.

Das Forscherteam kann etwa zeigen, dass 65-jährige Frauen, die wenig Kontakt zu Freunden und Nachbarn pflegen und selten kulturelle Veranstaltungen besuchen, zumindest in der Statistik eine geringere Lebenserwartung als Gleichaltrige haben, die stärker sozial vernetzt sind.

Bei Männern mit geringem Einkommen beeinflussen sowohl Bildung als auch das Arbeitsleben die Lebenserwartung: Männer, die keinen oder nur einen Haupt- oder Realschulabschluss haben, leben im Schnitt kürzer als Männer mit Abitur oder Studium. Das gilt auch für Männer, die einen körperlich anstrengenden Beruf erlernt haben.

Die Wissenschaftler leiten aus ihren Ergebnissen politische Empfehlungen ab. Gerade die betriebliche Gesundheitsförderung solle unter anderem durch Aufklärungskampagnen ausgebaut werden. So könnten gerade weniger gebildete Menschen für ihre Gesundheit sensibilisiert werden.