Euro-KriseWar das die Wende?

Die Anzeichen mehren sich, dass Europa die Staatsschuldenkrise überwinden kann. Matthias Naß kommentiert. von 

Der Himmel über dem Eingang des Europäischen Parlaments in Brüssel klart auf

Der Himmel über dem Eingang des Europäischen Parlaments in Brüssel klart auf  |  © Mark Renders/Getty Images

Plötzlich ist Bewegung in die Euro-Krise gekommen. Nach zweieinhalb lähmenden Jahren gibt es erstmals Hoffnung auf eine Lösung. Aus drei Gründen.

Da ist erstens die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), notfalls unbegrenzt Staatsanleihen der Krisenländer aufzukaufen. Ihrem Mandat entsprechend will sie so die Gemeinschaftswährung stabilisieren. Zugleich erleichtert sie den Krisenländern die Finanzierung ihrer Staatshaushalte und schafft ihnen damit den notwendigen Handlungsspielraum, um die Spar- und Reformpolitik fortzusetzen.

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Da ist zweitens das Urteil des Bundesverfassungsgerichts , das es der Bundesregierung erlaubt, sich am Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu beteiligen. Höchstrichterlich ist somit beglaubigt, dass der Rettungsschirm nicht gegen das Grundgesetz verstößt. Deutschland kann den seiner wirtschaftlichen Stärke entsprechenden Beitrag leisten, so wie alle anderen Euro-Zonen-Mitglieder es auch tun.

Da ist drittens die Wahl in den Niederlanden , bei der die Partei des Rechtspopulisten und Antieuropäers Geert Wilders eine krachende Niederlage einstecken musste, ebenso wie der antieuropäische Sozialistenführer Emile Roemer. Mitten in der Krise bekannten sich die Holländer zu Europa – und Angela Merkel behält mit dem bisherigen und wohl auch künftigen Ministerpräsidenten Mark Rutte einen Mitstreiter, der wie sie darauf achtet, dass sich die Krisenländer an ihre Sparauflagen halten.

Der Entschiedene handelt

"Der Himmel über Europa klart auf", freute sich die in Sachen Euro sonst so skeptische Financial Times . In der Staatsschuldenkrise sei ein "neues Kapitel" aufgeschlagen worden, meint auch der gewöhnlich eher noch pessimistischere Economist . Tatsächlich haben die Märkte auf die drei guten Nachrichten enthusiastisch reagiert. Die Aktienkurse schossen in die Höhe. Der Euro stieg kräftig an. Umgekehrt sanken die Zinsen italienischer und spanischer Staatsanleihen.

Die Finanzmärkte beginnen wieder Vertrauen in den Euro zu fassen. Zu danken ist dies vor allem der Entschiedenheit Mario Draghis . Wir werden unsere Währung verteidigen, hat der EZB-Präsident schon vor zwei Monaten klargestellt, mit allen Mitteln, die uns zu Verfügung stehen – "und glauben Sie mir, es wird reichen". Damit es auch der letzte Spekulant verstand, wiederholte Draghi ein ums andere Mal: "Der Euro ist irreversibel!"

Draghi ist gelungen, was kein Politiker geschafft hat: Er hat bei den Investoren in aller Welt Eindruck gemacht; sie wissen nun, den Europäern ist es mit der Rettung ihrer Währung ernst. Genau dies mochten viele Anleger in Amerika und Asien lange nicht mehr glauben. Viele wünschen sich aber eine Alternative zum Dollar. Sie werden nun wieder den Euro-Anteil in ihren Depots aufstocken.

Leserkommentare
  1. Ja so ist das manchmal :-) Jetzt muss Italien nur noch seine Politikerkaste bei den nächsten Wahlen los werden. Sollte das auch gelingen, ist ein anderes Sorgenkind auf dem Weg der Besserung. Das würde Europa gut tun.

    3 Leserempfehlungen
    • finfan
    • 18. September 2012 17:51 Uhr

    Die Realität sieht leider ganz anders aus. Durch wachsende
    Staatsverschuldung wird die neue europäische Normalität ge-
    prägt, die von der Notenpresse (EZB) auf Abruf befriedigt
    wird. Herr Schäuble spart in weiser Voraussicht schon jetzt
    nicht mehr - gewonnen hat, wer dem Nachbarn am schnellsten
    in die Tasche greift. Damit wird Europa einen kurzen fie-
    brigen Aufschwung erleben, langfristig wird das italienische
    Geldmodel zur Stagnation führen, da dringend notwendige Re-
    formen mit billigem schnell gedrucktem Geld vertuscht wer-
    den. Verlierer werden die Mittelschicht, Sparer und Rentner
    sein.

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    Dann ist ja wirklich Schade, dass Italien bis jetzt keine Hilfe in Anspruch genommen hat! Oder?

    Gefällt Ihnen das so besser? Sie blenden komplett aus, dass Italien für Griechenland und zuletzt auch für Spanien gezahlt hat..und dass Italien schon immer Nettozahler war, gar lange Zeit an 2ter Stelle vor Frankreich..

    Man, man, man...wie man's wendet immer eine Schelte programmiert!

    • finfan
    • 18. September 2012 19:04 Uhr

    Danke für Ihren Einwand. Ist auch nicht so ganz einfach, diese Materie zu verstehen - soll jetzt nicht überheblich klingen!
    Meine Einlassung bezieht auf die aktuelle Geldpolitik der EZB,
    (Mario Draghi), die früher oder später im Desaster enden wird.
    Hilfreich ist auch die Kenntnis der Tätigkeit der italieni-
    schen Notenbank zu Lira-Zeiten. Insoweit steht der italieni-
    sche Anteil an der Spanien-bzw. Griechenland-Hilfe und seine
    Finanzierung nicht in Rede. Wäre wieder ein neues Thema.

  2. Zum 100. mal:
    Europa hat keine Schuldenkrise sondern eine Guthabenkrise!
    und solange diese Guthaben wachsen und der normalbürger nicht mehr in der lage ist den Zins und Zinseszins zu erarbeiten geht das System unaufhaltsam den Bach runter.
    Nur eine MASSIVE Umverteilung der riesigen Guthaben nach unten kann dies Aufhalten, aber das möchten die Reichen wohl nicht...
    Daher ist der Rest diesmal nicht Geschichte sondern einfache Mathematik....

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    Man kann es den Leuten hundertmal erklären, aber sie verstehen es nicht. Natürlich hat Europa keine orginäre Staatsschuldenkrise, sondern eine Guthabenkrise. Lassen Sie den Journalisten den Irrtum, sie wissen es halt nicht besser.

    • Jakobi
    • 18. September 2012 19:11 Uhr

    .... noch nicht, aber es wird der Augenblick kommen, wo sie dies tun werden, wo sie dieses lieber tun werden, als alles zu verlieren, denn wenn man den Bogen überspannt, endet das immer böse - zB. Französische Revolution / Romanows.

    Entfernt, bitte verzichten Sie auf Verschwörungstheorien. Danke, die Redaktion/se

  3. Selbst wenn Europa es schaffen würde, was bleibt denn dann übrig? 50% Arbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland, auch Italien und Portugal nähert sich dieser Marke. Im weiteren Feld befinden sich Frankreich, Irland und Großbritannien. Selbst Deutschland hat unverfälscht um die 10% Arbeitslose. Der Reallohn ist seit Jahren am sinken, aber Lebensmittel werden immer teurer, von Sprit und Wohnungen wollen wir gar nicht erst reden. Dazu nette Zeitverträge und Praktika zum Nulltarif. Die künftige Elite wird in drei bzw. fünf Jahren nachproduziert. Rentner bekommen alle paar Jahre zwei Euro mehr, um den Realverlust von über 100 Euro "auszugleichen". Beamte werden immer weniger eingestellt, stattdessen wird alles privatisiert, wo die Angestellten weder Sicherheit noch Besoldung haben und somit korruptionsanfällig sind.

    Man weiß gar nicht, wo man aufhören soll. Hat sich ja echt gelohnt, die EU, bisher.

    8 Leserempfehlungen
  4. Ein sehr einseitiger Artikel. Der Euro ist nicht dadurch gerettet, dass der Geldhahn ggf. unbegrenzt geöffnet wird. Das hatten wir die letzten Jahrzehnte bereits. So sind wir in die Schuldenkrise erst einmal geraten. Wichtiger ist, dass die europäischen Staaten nachhaltig ihren Haushalt ausgleichen und die nötigen Reformen am Arbeitsmarkt einleiten, die Gewerkschaften Lohnzurückhaltung üben etc.
    Wenn diese Reformen nicht in allen Staaten durchgesetzt werden, dann wird das fließende Geld den Euro erst recht sprengen. Eine Wettbewerbsfähigkeit und damit Wachstum sind für eine Angleichung der wirtschaftlichen Verhältnisse in den EU entscheidend, und damit auch für den Euro.

    via ZEIT ONLINE plus App

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  5. Man kann es den Leuten hundertmal erklären, aber sie verstehen es nicht. Natürlich hat Europa keine orginäre Staatsschuldenkrise, sondern eine Guthabenkrise. Lassen Sie den Journalisten den Irrtum, sie wissen es halt nicht besser.

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    Antwort auf "Guthabenkrise..!"
  6. Die wahren Geldschöpfer sitzen nicht in der EZB, sondern in den Geschäftsbanken.
    Dort werden die Kredite vergeben, die frisches Geld entstehen lassen, das nur zu einem begrenzten Teil von Zentralbankgeld gedeckt werden muß.

    Im Boom schaffen die Geschäftsbanken viel Geld durch hohe Kreditvergabe und fördern Blasenbildung.
    In der Rezession bleiben sie auf dem Geld sitzen und verschärfen die Krise durch zu wenig Kreditvergabe.

    Die beste Lösung: Vollgeld.
    Die Kreditvergabe der Geschäftsbanken und damit ihre Geldschöpfung muß zu 100% durch Zentralbankgeld abgedeckt sein.
    Ergo: Geringere Konjunkturausschläge und keine angstbesetzte Kreditklemme bzw. irrationale Kreditschwemme.

    k.

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    • zozo
    • 19. September 2012 12:49 Uhr

    Heute ist die Deckung 1% (wurde vor kurzem gesenkt, war 2%, wahrscheinlich weil die Südbanken keine Einlagen mehre hatten). Dies ist historisch Unsinn, und das kann man heute klar sehen.

    Sie sprechen von 100% (österreichische Schule, Rothbardische Banken). Dies heißt aber das der Staat 100% des Geldes kontrolliert, was sehr dem Kommunismus ähnelt.

    Warum also nicht 50% Deckung versuchen, wo halbe der Geldmenge vom Staat kontrolliert wäre (durch eine staatlich kontrollierter Zentralbank), und halbe des Geldes von Privatbanken geschaffen wäre, also von "niemand" kontrolliert ? Zwischen 1% und 100% gibt es ja Varianten.

  7. Extrem kurzsichtiger Artikel.
    1. Das Grundproblem der meisten Eurostaaten, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, ist mit EZB-Inflation keineswegs beseitigt. Ganz im Gegenteil wird der Reformeifer in IT, ES und GR jetzt bestimmt erlahmen. Rajoy will ja schon Anleihenkäufe ohne Bedingungen.
    2. Die Eurostaaten sind nicht konvergent, d.h. das Risiko asymetrischer Schocks ist nach wie vor gewaltig.

    Das ewige und hilflose Mantra von "Mehr Europa" wird diese Probleme auch nicht lösen.

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