Griechenland ist vielleicht unser notorischster Schuldner. Nun aber präsentiert das Land uns eine Gegenrechnung: Das Finanzministerium in Athen will die juristische Durchsetzbarkeit alter Forderungen gegen Deutschland aus dem Zweiten Weltkrieg prüfen. Je nach Annahmen über die Preisentwicklung oder Verzinsung kommen schnell hohe Summen zusammen. Was ist an der Sache dran?

Deutschlands Auslandsschulden wurden nach dem Zweiten Weltkrieg provisorisch im Londoner Schuldenabkommen des Jahres 1953 geregelt. Teil des Vertrages waren zum einen die Altschulden aus der Zeit vor 1933. Diese Schulden hatte das Dritte Reich nur zu minimalen Anteilen oder gar nicht bedient. Nach dem Schuldenabkommen wurde die Bedienung der Altschulden wieder aufgenommen – für Westdeutschland zu sehr günstigen Konditionen. Ein kleinerer Schuldenbetrag aus den Vorkriegsjahren des NS-Regimes wurde ebenfalls erfasst.

Zum anderen aber enthielt das Londoner Schuldenabkommen Bestimmungen über Deutschlands Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie wurden den Reparationen im engeren Sinne zugeschlagen, die endgültige Regelung der Frage aber auf eine Reparationskonferenz vertagt, die nach einer deutschen Wiedervereinigung stattfinden sollte. Zu solch einer Reparationskonferenz ist es jedoch nach 1990 nie gekommen. Auch der Zwei-plus-Vier-Vertrag "über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland" behandelt die Frage nicht.

Nach deutscher Auffassung sind damit neben den Reparationen auch diese Schulden obsolet – eine Auffassung, die im Ausland allerdings nicht immer geteilt wird. Namentlich Griechenland protestierte nach 1990 gegen die fehlende Wiederaufnahme von Reparationsverhandlungen. Das offene Reparationsproblem spielte aber auch ein Jahrzehnt später noch eine Rolle in den deutsch-amerikanischen Verhandlungen über die Zwangsarbeiterentschädigung – die bewusst über eine Stiftung geleitet worden ist, um Präzedenzfälle zu vermeiden.

Griechenland profitierte nicht von den Reparationen

Welche Ansprüche erhebt Griechenland nun, und welche weiteren Ansprüche könnten zusätzlich noch bestehen? Hier ist zu unterscheiden zwischen den Kriegsschulden und den Reparationen im engeren Sinn. Während des Zweiten Weltkrieges unterhielt die Reichsbank ein europaweites Verrechnungssystem, das aber weniger als Mechanismus des Zahlungsverkehrs interessant war denn als Methode der zwangsweisen Kreditnahme bei den besetzten Ländern und einigen Neutralen.

Auf diesem Konto standen für Griechenland bei Kriegsende offiziell etwas mehr als 50 Millionen Reichsmark. Darin nicht enthalten ist allerdings ein Zwangskredit an Deutschland von rund 480 Millionen Reichsmark. Interne deutsche Statistiken von Ende 1944 bezifferten Griechenlands Verrechnungssaldo einschließlich dieses Kredits auf etwa eine halbe Milliarde Reichsmark. Insgesamt weisen diese Verrechnungskonten bei Kriegsende einen Saldo von offiziell etwa 30 Milliarden Reichsmark bei allerdings massiv manipulierten Wechselkursen aus. Dieselbe Quelle, die uns Auskunft über den korrigierten Wert der griechischen Kredite gibt, verzeichnet einen Gesamtbetrag von 85 bis 90 Milliarden Reichsmark.