Um eine Vorstellung von den Größenordnungen zu erhalten, kann man entweder Preisindizes bemühen, eine hypothetische Verzinsung unterstellen oder den Kreditbetrag in Vergleich setzen zur damaligen Wirtschaftsleistung.

Deutschlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) im letzten Vorkriegsjahr 1938 kann auf rund 99 Milliarden Euro geschätzt werden. Die Verrechnungsschuld Deutschlands am Ende des Krieges mag also an die neunzig Prozent des BIP von 1938 betragen haben. Anders gesagt: Die Verrechnungsschulden waren prozentual genauso hoch wie die gesamte öffentliche Staatsverschuldung heute. Die bei Griechenland aufgelaufenen Schulden erreichten immerhin die Höhe von 0,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Analog wären das heute 13 Milliarden Euro, zumindest wenn man denselben Prozentsatz am deutschen BIP von 2011 unterstellt. Dieser Betrag entspricht einer Verzinsung von sechs Prozent seit 1945. Senkt man den Zinssatz auf fünf Prozent, kommt man immerhin noch auf sieben Milliarden Euro. Das ist ungefähr die Summe, die momentan im griechischen Parlament genannt wird.

Hinzu kommen die Reparationen im engeren Sinn. Reparationen wurden unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Besatzungsmächte als Sachlieferungen entnommen, sowohl durch Demontagen als auch aus laufender Produktion. Dazu kamen die Gebietsverluste im Osten. Für Westdeutschland endeten die Reparationslieferungen früher und fielen weniger ins Gewicht als für die DDR, wo sie zeitweise ein ernstes Hindernis für die Wirtschaftsentwicklung darstellten.

Griechenland profitierte von diesen Sachlieferungen der frühen Nachkriegszeit nicht. Die für Griechenland vorgesehenen Kontingente kamen im von Bürgerkrieg zerrissenen Land erst gar nicht an. Reparationsansprüche wurden dennoch erhoben. Deutschlands Besatzungspolitik bestand in einer systematischen Ausplünderung und Aushungerung, die 1941/42 zu einem Hungerwinter mit Hunderttausenden Todesopfern führte; die für Griechenland geschätzte Zahl der Opfer des Holocaust wird mit mehr als 60.000 angegeben. Hinzu kamen Vergeltungsaktionen und eine Politik der verbrannten Erde im Partisanenkrieg. Quantifizierungen der Reparationsansprüche bleiben spekulativ; in Griechenland sind zuletzt Ziffern von bis zu 300 Milliarden Euro genannt worden.

Die Nachkriegslösung stößt an ihre Grenzen

Dem stehen gewisse deutsche Entschädigungsleistungen gegenüber. Nach dem deutsch–griechischen Entschädigungsabkommen aus dem Jahr 1960 wurden 115 Millionen DM zur Entschädigung von Opfern deutscher Kriegsverbrechen gezahlt. In einem Notenwechsel zu diesem Abkommen bekräftigte Griechenland seine Position, an einer endgültigen Regelung der Reparationsfrage nach einer Wiedervereinigung festzuhalten, während die deutsche Seite die Regelung als abschließend ansehen wollte.

Was ist nun ökonomisch von der Reparationsfrage zu halten? Nach der Wiedervereinigung erklärte die damalige Regierung Kohl sinngemäß, dass es sinnvoller sei, die wirtschaftliche Zusammenarbeit fortzusetzen, anstatt die Reparationsfrage wieder aufzurollen. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit und der daraus folgenden Handels- und später Währungsintegration hat Deutschland seit den fünfziger Jahren durchgehend Exportüberschüsse gegenüber Europa aufzuweisen, was einen Transfer wirtschaftlicher Ressourcen ohne gleichzeitige Gegenleistung darstellt. Diese akkumulierten Überschüsse begegnen uns derzeit wieder in Form der aufgelaufenen Kredite, deren Bedienung nun an ihre Grenzen stößt.

Mit der europäischen Kreditkrise stößt aber auch das System der geräuschlosen Ressourcentransfers von Deutschland nach Europa an seine Grenzen. Nur zwei Auswege stehen zur Verfügung. Entweder es kommt zur Rückzahlung; das würde aber eine langfristige Umkehr der Handelsströme voraussetzen. Oder die bestehenden Schulden werden auf welche Weise auch immer entwertet. In gleichem Umfang würden die aufgelaufenen deutschen Exportüberschüsse gegenüber den Schuldnerländern nachträglich in unentgeltliche Transfers verwandelt.

Dann und in diesem Maße hätte Deutschland tatsächlich seine Reparationen gezahlt.