UmweltpolitikKlimazölle können der Umwelt schaden

Ökonomen fordern seit Langem Strafzölle auf klimaschädliche Güter. Nun widersprechen Forscher: Im Extremfall wären die Abgaben sogar schlecht fürs Klima. von 

Morgendlicher Smog über Kapstadt, Südafrika

Entstanden aus Rauch von Feuern, Automotoren und Fabriken: Morgendlicher Smog über Kapstadt, Südafrika  |  © Mike Hutchings/Reuters

Klimaforscher sind sich einig: Der Konsum der Industriestaaten treibt die Erderwärmung weit stärker an als es die nationalen Emissionsbilanzen ausweisen. Denn egal ob Kleidung, Nahrungsmittel oder Urlaubsreisen: Zum Lebensstandard dieser Länder gehören viele Güter und Dienstleistungen, die erst mit großem Aufwand importiert werden müssen.

Die Treibhausgase, die bei der Herstellung dieser Güter im Ausland anfallen, tauchen in den Emissionsrechnungen der Verbraucherländer allerdings nicht auf. Sie werden den Produktionsstaaten zugeschlagen. Ist das gerecht? Diese Frage ist heiß umstritten. China beispielsweise gilt als Klimasünder. Doch der CO2-Ausstoß des Landes wäre um rund 27 Prozent geringer, wenn er auf Basis des nationalen Konsums statt der Produktion berechnet würde, schätzen Forscher des ifo-Instituts . China nutzt das schon lange als Argument, um sich in den internationalen Klimaverhandlungen gegen verbindliche Emissionsvorgaben zu wehren.

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Für die internationale Klimapolitik sind die Handels-Ungleichgewichte ein Problem. Nur die Industriestaaten haben sich bisher im Kyoto-Protokoll zu verbindlichen Emissionszielen verpflichtet. Viele sind dabei auch weit gekommen. Gleichzeitig aber sind die Emissionen in den Schwellenländern, aus denen die Industriestaaten ihre Güter importieren, stark angestiegen.

Ökonomen plädieren daher schon länger für Kohlendioxid-Zölle . Die Idee ist einfach: Einige Vorreiter im Klimaschutz könnten sich zusammenschließen, etwa die Europäer, und gemeinsam einen CO2-Zoll auf alle importierten Güter erheben. Das würde die Anreize für die Fabrikanten im Ausland erhöhen, sauberer zu produzieren. Auch würde die Verlagerung von schmutzigen Fabriken in Entwicklungs- und Schwellenländer gebremst. Die Emissionen sänken weltweit, dem Klima wäre geholfen.

Kooperation statt Handelskonflikte

Nun aber widersprechen zwei Forscher vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der TU Berlin. Ihr Argument: Selbst wenn die Reichen durch den Import der Güter mehr CO2 importieren, als sie exportieren, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass besonders schmutzige Betriebe ihre Produktion ins Ausland verlagern. So steht es in der Studie der beiden Wissenschaftler Michael Jakob (PIK) und Robert Marschinski (TUB) mit dem Titel Interpreting trade-related CO2-emission transfers ( veröffentlicht online in nature climate change). Die großen CO2-Ungleichgewichte könnten auch andere Ursachen haben. Etwa eine unterschiedliche Energieintensität der Volkswirtschaften oder die unterschiedlich hohe Nutzung fossiler Energie.

In ihrer Studie nehmen die beiden Forscher die Handelsströme zwischen den größten Exporteuren und Importeuren von Kohlendioxid auseinander. Dabei kommen sie zu dem überraschenden Ergebnis, dass "Eingriffe in den Welthandel, etwa CO2-Zölle, die globalen Emissionen wohl nur in begrenztem Umfang mindern würden." Im Extremfall, so Jakob und Marschinski, können Zölle dem Klima sogar mehr schaden als nutzen. Etwa wenn sie dazu führen, dass Länder mit fossilem Energiemix – Beispiele sind China und Indien – durch Verschiebungen im Außenhandel künftig stärker energieintensive Güter für den Eigenbedarf produzieren statt Waren für das Ausland, die mit vergleichsweise wenig Energie hergestellt werden . Oder wenn ein Exportland mit emissionsintensiver Produktionsstruktur sich neue Märkte mit laxerer Klimapolitik sucht, für die es dann umso mehr produziert.

"Als erstes Schaden vermeiden"

"Man muss genau verstehen, welche Kräfte die Transfers von Emissionen zwischen den Regionen treiben, bevor man handelspolitische Maßnahmen ergreift", sagt PIK-Forscher Jakob. "Auf keinen Fall sollte man CO2-Zölle überhastet einführen. Das könnte dem Klima sogar schaden."

Statt für Zölle plädieren er und sein Co-Autor Marschinski für mehr internationale Kooperation. "Das wäre auch gut für das politische Klima zwischen den Staaten", sagt Jakob. Technologiepartnerschaften sollten Entwicklungs- und Schwellenländern helfen, ihre Energieversorgung sauberer zu gestalten. Gelänge es, Emissionshandelssysteme über die Grenzen hinweg zusammenzuschließen, könne das dem Klima zusätzlich helfen. "Man sollte nicht allein auf ein neues, großes Klimaabkommen warten", sagt Jakob. "Auch durch kleine Schritte kann man viel erreichen."

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Leserkommentare
    • Slater
    • 24. September 2012 11:36 Uhr

    wie auch bei Lohmempfänger im Ausland: einfach doppelt besteuern, die Emissionen in China abziehen und in Deutschland ebenso,

    die Globalisierung läuft nunmal nicht nach Lehrbuch, solange es überall auf der Welt unterschiedliche Bedingungen gibt,
    also nicht nur die Lehrbuchbedingungen wie Rohstoffe sondern auch unterschieden Wohlstand, Steuern, Billiglöhne, Umweltschutz,

    es hat für niemanden außer die privaten Aktionäre einen Vorteil, wenn Baumwolle aus Afrika nach China geschifft, dort genäht und wieder nach Europa geschifft wird,

    durch hohe Steuern sollte sich die Spreu vom Weizen trennen,
    für sinnvolle Sachen wie vielleicht einen Container mit
    Millionen Microchips kann es sich dann immer noch lohnen

    6 Leserempfehlungen
    • ST_T
    • 24. September 2012 11:38 Uhr

    Wir geben allen Steuern und Abgaben einfach ein "Klima" als Präfix und schon sind alle Steuern sicherlich klimafreundlich!
    Oder nicht?

    4 Leserempfehlungen
  1. noch die Nr.1 der grünen Weltverbesserungspläne. Als man aber merkte, dass mit Sonne und Wind (die allermeisten wußten es vorher) keine Industrienation mit Strom zu versorgen ist und jede wieder Menge Kohle und Gas verbrannt werden muss, ist das Klima nicht mehr so wichtig.

    4 Leserempfehlungen
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    • henry06
    • 24. September 2012 12:52 Uhr

    ..und wie kommen sie zu dieser sinnfreien Aussage:

    Als man aber merkte, dass mit Sonne und Wind (die allermeisten wußten es vorher) keine Industrienation mit Strom zu versorgen ist

    Ist Deutschland ihrer Ansicht nach keine Industrienation, oder wieso wird 20% unserer Energieversorgung regenerativ gesichert?

  2. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass auch das letzte Stahlwerk in Deutschland geschlossen wird, damit wir die Klimaziele auch erreichen. Den Stahl kaufen wir dann einfach aus China, wo bei der Herstellung 50% mehr Kohlendioxid produziert wurde.
    Tolle Wurst.

    4 Leserempfehlungen
  3. Wenn Forscher Jakob sagt:"Das könnte dem Klima sogar schaden." sagt er er nur, eine zukünftig zu erstellende Statistik wird anders aussehen als erwartet. Wo bitte ist der "Schaden"? Aber immerhin, man hat im PIK kapiert, daß Merkantilismus sicher in die Pleite führt.

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  4. Man beachte wie oft in dem Artikel "könnte" und "würde" vorkommt;)

    Eine Leserempfehlung
  5. Sicher, das können sie ja auch.

    Aber leider verkauft sich grade der übrig gebliebene Kapitalismus selbst, wie seine eigene Oma.

    Die Ökonomen sind die Zauberer der jetzt Zeit, die den Zusammenbruch voraussagen, damit die Leute richtig Angst bekommen.

    Und im gleichen Atemzug predigen sie den Aufschwung - wenn man mal, nochmal, wieder ein neues Ölfeld ahnt...

    Die Wahrheit; bitte nimmer mehr.

    Liegt vielleicht Uwe Tellkamp, der hier gestern beschimpft wurde - doch richtig ?

    • xNCx
    • 24. September 2012 12:29 Uhr

    Der Argumentation der Chinesen ist zuzustimmen.
    1. pro Kopf verbrauch ist deutlich geringer als der eines Europäers
    2. Der Westen emittiert schon über 100 Jahre CO2, da kann China erstmal aufholen
    3. Wir bezahlen die Chinesen dafür, dass sie unsere Produkte dort klimaschädlich produzieren.

    Aus objektiver Sicht, kann ein Trade-Off nur darin bestehen, den Chinesen eine legitime Entwicklungsperspektive zu bieten, die tendenziel zunehmend klimaverträglich gestaltet werden muss. Alles andere sind unrealistische Forderungen, durch die man die Schuld am scheitern der Verträge auf die Chinesen abwälzt, obwohl eigentlich der Westen durch seine unverschämten Forderungen blockiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ad 1)
    Der Pro-Kopf-Ausstoß eines Chinesen ist wegen der rasanten Entwicklung der Kohlenutzung in China heute schon höher als der eines Franzosen. Es ist nur noch eine Frage von Jahren, bis auch der Ausstoß eines Deutschen überschritten wird.

    ad 2)
    Zustimmung, in den kumulierten CO2-Ausstößen sieht Chinas Bilanz prächtig aus gegenüber den klassischen westlichen Industrieländern. Wenn nun aber die Entwicklungs- und Schwellenländern daraus einen (in gewisser Weise) berechtigten Anspruch auf zusätzliche Emissionen ableiten, dann ist das 2°-Ziel verloren. Man muss auf eine Art von Deal hoffen, dass diese Länder sich ebenfalls zu Klimazielen verpflichten, der Westen die weitaus strafferen Ziele annimmt und gleichzeitig Entwicklungs- und Schwellenländern hilft (finanziell und technologisch), auf CO2-neutrale Energieversorgung umzustellen.

    ad 3)
    Der Westen strebte diese Produktionsverlagerung nicht an, ganz im Gegenteil. Bedauerlicherweise findet nun ein guter Teil der Billigproduktion in China statt, China wollte diese, und nur China kann heute entscheiden, wie CO2-intensiv diese Produktion vonstatten geht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Umwelt | Umweltpolitik | CO2 | China | Erderwärmung | Klima
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