Im Nordosten Kolumbiens wächst ein riesiges, staubiges Loch. Sein Name ist El Cerrejón, und es ist einer der größten Steinkohle-Tagebaue der Welt: 69.000 Hektar Fläche, 9.500 Angestellte, 32 Millionen Tonnen Jahresausbeute. Aus der Megagrube stammt ein großer Teil der kolumbianischen Steinkohleproduktion.

Zum Vergleich: Der Tagebau Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier, umstritten wegen der sozialen und ökologischen Schäden, die er verursacht , erstreckt sich über 11.400 Hektar. "Gegen El Cerrejón ist Garzweiler ein Witz", sagt Stefan Ofteringer. Er kennt beide Fördergebiete. Neben Garzweiler wohnt er. El Cerrejón hat er als Menschenrechtsexperte der Hilfsorganisation Misereor oft besucht.

Der Mega-Tagebau steht im Mittelpunkt eines heftigen Streits. Jede Partei sieht in ihm etwas anderes: Kolumbiens Regierung verbindet mit El Cerrejón die Hoffnung auf Wohlstand und Entwicklung . Aus der Sicht von Aktivisten wie Ofteringer hingegen steht die Mine für schwerste Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen. Für Deutschland aber bedeutet der Tagebau ein Stück Energiesicherheit.

Kolumbien ist wichtiges Lieferland

Knapp ein Fünftel unseres Stroms wurde im vergangenen Jahr aus Steinkohle erzeugt. Kolumbien gehört zu den wichtigsten Lieferanten der deutschen Stromversorger. Im ersten Halbjahr 2012 lieferten nur Russland und die USA mehr Steinkohle nach Deutschland. Mehr als ein Fünftel aller Importe kam aus Kolumbien , ein Großteil davon vermutlich aus El Cerrejón.

Bergbau - El Cerrejón in 3D-Satellitenbildern

Deutschland ist auf den Brennstoff angewiesen. Der Anteil der Atomkraft an der Stromversorgung sinkt, neue Gaskraftwerke werden kaum gebaut, der Anteil der Erneuerbaren soll weiter steigen. Doch wenn Wind und Sonne gerade keine Energie liefern, muss der Grundbedarf an Elektrizität auf verlässliche Art gedeckt sein. Zum Beispiel durch Braun- oder Steinkohle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Deutschland noch länger auf Steinkohle aus Kolumbien angewiesen sein wird.

Auf blutige Kohle, sagen Menschenrechtsorganisationen.

Angélica Ortiz gehört zum Volk der Wayu'u, der größten indigenen Gruppe Kolumbiens, und stammt aus dem Departement Guajíra, in dem El Cerrejón seine Kohlegrube betreibt. Im Mai reiste sie nach Deutschland, um auf den Hauptversammlungen von E.on und RWE zu sprechen. Die Aktionäre sollten wissen, was der Bergbau für die Menschen in ihrer Heimat bedeutet: Vertreibungen, Enteignungen, schwere Öko-Schäden, Bedrohung der Existenz. Die "für Sie so günstige Steinkohle" habe "für uns Indigene, aber auch für die afrokolumbianische Bevölkerung, massive negative Folgen", sagte Ortiz damals. "Billige Kohle für E.on – zerstörte Umwelt für die Wayu'u . Verstehen Sie das unter Unternehmensverantwortung?"

Der Essener Konzern ist Kunde von El Cerrejón, so wie auch EnBW und Steag. Vattenfall und RWE wollen konkrete Lieferbeziehungen nicht bestätigen, lassen aber wissen, dass auch ihre Steinkohle aus Kolumbien kommt. "Aus Wettbewerbsgründen" oder weil die komplexen globalen Lieferketten so schwer zu durchschauen sind, wollen alle Konzerne am liebsten so wenig Details wie möglich über ihr Geschäft mit der Kohle an die Öffentlichkeit geben.

Doch allein die Größe von El Cerrejón legt nahe, dass ein großer Teil der nach Deutschland importierten kolumbianischen Kohle aus der Megamine stammt. Und selbst wenn dem nicht so wäre: Auch zwei der drei anderen großen Steinkohleproduzenten Kolumbiens, Drummond und Prodeco, werden mit schweren Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden in Verbindung gebracht. Der vierte namens Colombian Natural Resources ist eine Tochter von Goldman Sachs .

Das Bergwerk gräbt den Nachbarn das Wasser ab

Die Vorwürfe gegen El Cerrejón, die zu je einem Drittel den Bergbauriesen BHP Billiton, Anglo American und Xstrata gehört, sind womöglich am besten dokumentiert. "Diese Mine ist schon jetzt so groß, dass sie jeden Lebensraum zerstört", sagt Menschenrechtsexperte Ofteringer. "Die Sprengungen wirbeln Staubwolken auf, die kilometerweit übers Land ziehen. Regnet es, lagert sich der Staub überall ab." Das hat Folgen für die Gesundheit der Menschen. Ofteringer sagt, das auf dem Gebiet von El Cerrejón früher 60.000 Menschen lebten. Nur wenige hätten Arbeit in der Mine gefunden.

Zahlreiche Dörfer mussten dem Tagebau schon weichen. Besonders bekannt ist der Fall der Gemeinde Tabaco, die 2001 mit brutaler Gewalt geräumt wurde. Im darauf folgenden Jahr verdonnerte ein Gericht den verantwortlichen Lokalpolitiker dazu, innerhalb von 48 Stunden mit der Arbeit an einer neuen Siedlung zu beginnen. Bis heute habe das Urteil keine Konsequenz außer einem Blatt Papier gehabt, sagt Angélica Ortiz.

Häufig sind es Armee und Polizei, die die Siedlungen gewaltsam räumen. In anderen Fällen setze El Cerrejón auf die nervliche Zermürbung der Menschen, berichtet die konzernkritische Schweizer Organisation Multiwatch . "Viele AnwohnerInnen haben unter großem Druck und mangels ökonomischer Alternativen billig verkauft und sind weggezogen", schreiben die Aktivisten. Wegen der internationalen Kritik sei Cerrejón zwar heute zu offiziellen Umsiedlungen bereit. Die Menschen aber, die bereits gegangen seien, hätten ihre Ansprüche gegen das Unternehmen verloren.

Gemeinsame Sache mit Paramilitärs

Als besonders brisant werten die Schweizer, dass das Unternehmen "lokale Armeeeinheiten zumindest mit Naturalien und Logistik unterstützt, obwohl diese Armeeeinheiten eine erschreckende Menschenrechtsbilanz vorweisen". Cerrejón übe in der Region zumindest teilweise die Staatsgewalt aus, sagt Misereor-Experte Ofteringer. "Der Konzern kann offenbar die öffentlichen Sicherheitskräfte einsetzen. Dann bietet er den Leuten Subventionen aus einem staatlichen Programm als Kompensation an und behauptet, der öffentliche Zuschuss sei Teil der Entschädigung, die er zahle." 

Das Unternehmen will die Kohlegrube nun sogar vergrößern. Um 27.000 Hektar soll sie wachsen. Der wichtigste Fluss der Gegend müsste dafür auf einer Länge von knapp 30 Kilometern umgeleitet werden. "Wenn sie das tun, stirbt das Ökosystem", fürchtet Ofteringer. "Ohne den Fluss wären die Fischgründe bedroht, die Wälder, die Früchte, die dort wachsen und den Menschen als Lebensgrundlage dienen."

Eigentlich müsste Cerrejón die Zustimmung der lokalen Bevölkerung einholen, um expandieren zu können. Doch das Unternehmen meidet einen Konsultationsprozess, wie er internationalen Normen entspräche. Stattdessen drängen seine Mitarbeiter die Menschen der Region auf inoffiziellem Wege zur Zustimmung. "Sie kaufen die Leute mit Ziegen und Kühen", zitierte eine lokale Zeitung unlängst einige Dorfbewohner. "Und sie bedrohen uns." Das Unternehmen dementierte den Bericht.

Gewalt gegen Gewerkschafter – bis zum Mord

Auch gegen Prodeco und Drummond werden Vorwürfe erhoben. Prodeco ist eine Tochter des Schweizer Konzerns Glencore, der seine Umsätze in Kolumbien klein rechnen soll, um möglichst wenig Steuern zahlen zu müssen. Menschenrechtsorganisationen berichten von gewaltsamen Streiks in den Förderstätten, die teils durch die Bereitschaftspolizei beendet wurden .

Drummond soll vor elf Jahren sogar Paramilitärs beauftragt haben, die beiden Gewerkschafter Valmore Locarno und Victor Orcasita zu ermorden. Außerdem wird dem Familienunternehmen aus den USA vorgeworfen, jahrelang paramilitärische Gruppen finanziert zu haben. Deshalb steht das Unternehmen in den USA vor Gericht. Dem Anwalt Alirio Uribe zufolge gibt es ein weiteres Verfahren in Kolumbien.

Uribe hat im Mai ebenfalls auf der E.on-Hauptversammlung gesprochen. Dort wiederholt er den Vorwurf, der deutsche Versorger mache schon lange Geschäfte mit Drummond. Dabei weigere sich das Unternehmen bis heute, trotz "erdrückender Beweislage" Verantwortung für die eigenen Verbrechen zu übernehmen. " Sind Sie sicher, dass solch ein kriminelles Verhalten mit ihren Grundsätzen für eine verantwortungsvolle Beschaffung vereinbar ist?" fragte Uribe die E.on-Manager. Noch heute seien Kohlegewerkschafter in Kolumbien massiv bedroht. Am 5. April hätten mehrere von ihnen anonyme Einladungen zu ihrer eigenen Beerdigung erhalten.

Deutsche Versorger wollen nichts damit zu tun haben

Die deutschen Konzerne haben kaum Antworten auf die Vorwürfe. Vattenfall etwa will überhaupt keine Details in der Öffentlichkeit sehen. Man stehe mit seinen Lieferanten in ständigem Austausch, teilt das Unternehmen mit. EnBW erklärt, keine direkten Lieferkontakte in das mittelamerikanische Land zu haben. Lediglich über Zwischenhändler habe man 2010 rund eine Million Tonnen kolumbianischer Steinkohle aus den Minen von Cerrejón, Prodeco und Drummond erworben.

Steag veröffentlicht gar keine Mengenangaben. Dafür gibt man an, kolumbianische Kohle aus El Cerrejón zu bekommen. RWE teilt mit, das Unternehmen habe im vergangenen Jahr 9,6 Millionen Tonnen Steinkohle für eigene Kraftwerke eingekauft, davon 4,1 Millionen Tonnen aus Kolumbien. Dem RWE-Nachhaltigkeitsbericht zufolge sind die Mittelamerikaner damit der wichtigste Steinkohlelieferant des Unternehmens – ebenso wie für E.on, das 2011 sieben Millionen Tonnen Steinkohle aus Kolumbien bezog. Einer Unternehmensbroschüre aus dem Jahr 2010 zufolge stammen rund drei Millionen Tonnen aus El Cerrejón.

"Ständiger Dialog" der Beteiligten 

Und wie wichtig sind den Konzernen die Bedingungen, unter denen die Kohle gefördert wird? Ein E.on-Sprecher mailt, das Unternehmen nehme die Berichte über Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen "sehr ernst". Man befinde sich in einem "ständigen Dialog" mit allen Vertragspartnern entlang der Lieferkette. Im Übrigen sei El Cerrejón vor zwei Jahren von unabhängigen Auditoren geprüft worden. Steag und EnBW verweisen ebenfalls auf unabhängige und eigene Audits und die Selbstverpflichtung ihrer Lieferanten zum verantwortungsvollen Handeln. Zudem habe Cerrejón mehrere Preise für soziales und ökologisches Engagement erhalten, sagt Steag. RWE teilt mit: "Die Vorwürfe gegen einzelne Gruben sind uns bekannt. Hierzu nehmen wir aber im Detail keine Stellung." Stattdessen hat das Unternehmen gemeinsam mit anderen Versorgern, darunter E.on und Vattenfall, die Initiative "Bettercoal" gegründet, um die Abbaubedingungen in der ganzen Branche weltweit zu verbessern.

Den Menschenrechtsaktivisten reicht das aber nicht. E.on müsse seine Geschäfte mit Cerrejón und Drummond komplett einstellen, bis alle Vorwürfe geklärt seien und die Bergbaukonzerne bereit, Verantwortung zu übernehmen, fordern Angélica Ortiz und Alirio Uribe. "Die deutschen Unternehmen beurteilen die Lage hier auf Grund der Informationen von El Cerrejón", sagt der Aktivist Stefan Ofteringer. "Das macht den Bock zum Gärtner und ist ein wenig blauäugig."

Umso nötiger wäre eine unabhängige Überprüfung der Bedingungen, unter denen die Rohstoffe gefördert werden. "Die deutschen Unternehmen stehen in der Verantwortung", sagt Ofteringer. "Genauso wie die deutsche Politik." Wenn die Regierung in Berlin die Energiewende vorantreiben wolle, "kann sie das nicht auf Kosten der kolumbianischen Bevölkerung machen."

Update: Cerrejón legt Wert auf die Feststellung, dass "notwendige Umsiedlungen ausschließlich in strenger Übereinstimmung mit internationalen IFC Social Performance Standards" stattfinden. Die Behauptung, es gebe Vertreibungen, sei falsch. Das Unternehmen achte die gesetzlichen Menschenrechts-Vorgaben und führe regelmäßig Treffen mit betroffenen Bevölkerungsgruppen durch, um das Verhalten seiner Sicherheitskräfte auszuwerten. Berichte über Menschenrechtsverletzungen durch diese lägen nicht vor. Die mögliche Umleitung des Flusses Rancheria werde gegenwärtig noch evaluiert, dazu habe es bereits Hunderte von Treffen gegeben, "auf Grundlage höchster internationaler Standards und unterstützt durch den Staat Kolumbien." Im Übrigen verfolge Cerrejón "eine Unternehmensstrategie der Offenheit" und empfange gerne Besuch, auch von Kritikern.(ae)