Erstaunte Gesichter ist Nicolas Kinting gewohnt. "Ich bin nicht überrascht, wenn die Leute überrascht sind", sagt der IT-Manager. An diesem Nachmittag sitzt er in einem Konferenzsaal der Stuttgarter Handwerkskammer an einem kleinen Tisch einigen Vertretern deutscher Firmen gegenüber und stellt ihnen die Produkte seiner Firma vor. Fachwörter wie Dokumentenmanagement, Geschäftsprozessmanagement, Migrationen und Outsourcing fliegen hin und her. Nicht unbedingt das, was man hier in Stuttgart von einem Unternehmen aus dem Krisenland Portugal erwarten würde.

Doch der Lissabonner IT-Spezialist Primesoft, für den Kinting nach Stuttgart gereist ist, hat sich binnen weniger Jahre einen Namen in Europa gemacht. Nun sucht er Exportchancen in Deutschland. Wenn Portugal die Krise überwinden will, so hat es kürzlich auch Wirtschaftsminister Álvaro Santos Pereira deutlich gemacht, dann müsse das Land mehr exportieren. 

Erste Erfolge zeigen sich bereits . Im ersten Halbjahr 2012 sind Portugals Ausfuhren um neun Prozent gestiegen. Das Leistungsbilanzdefizit ist bis Ende Juli um immerhin 76 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro gesunken. Bis zum Jahresende erwartet die portugiesische Zentralbank sogar einen Überschuss in der Handelsbilanz.

Nicht nur Portugal exportiert mehr. Auch die anderen Krisenstaaten im Süden ziehen mit. Griechenland verzeichnete im ersten Halbjahr einen Zuwachs der Exporte in Höhe von 4,3 Prozent . Italien hat erstmals seit zehn Jahren eine nahezu ausgeglichene Handelsbilanz vorgelegt. Auch Spanien meldet eine Zunahme der Ausfuhren um 3,7 Prozent. Mittlerweile exportiert das Land Waren im Wert von 130 Milliarden Euro, das Defizit in der Handelsbilanz sank um ein Fünftel. Nur Irland konnte als einziges Krisenland nicht auf den Trend aufspringen.

Der Euro ist schwach, auch das hilft

Für die Krisenländer ist das eine gute Nachricht. Denn ein schrumpfendes Handelsdefizit bedeutet auch, dass weniger Kapital aus dem Ausland zur Finanzierung von Einfuhren nötig ist. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ( DIHK ) schrieb zuletzt in einem Gutachten, dass der auf Export gestützte Aufschwung in den Krisenstaaten im kommenden Jahr dazu beitragen könne, dass sich die Wirtschaftsleistung in der gesamten Euro-Zone erhöht. In vielen Ländern wurden zuletzt die Löhne drastisch gesenkt, die Wettbewerbsfähigkeit hat sich verbessert. Außerdem kommt die Schwäche des Euros den Firmen beim Handel mit Unternehmen außerhalb Europas zu Gute.

Die guten Exportzahlen aus dem Süden sind allerdings mit etwas Vorsicht zu genießen. Denn die Handelsbilanzdefizite schrumpfen auch deshalb, weil der Konsum im eigenen Land eingebrochen ist. Die Menschen haben wegen der Sparmaßnahmen weniger Geld, um Produkte aus dem Ausland einzukaufen. Deshalb wird auch weniger importiert. Ein Grund für den sprunghaften Anstieg der Exportquoten ist auch, dass in diesen Staaten bisher relativ wenig exportiert wurde.

"Das Problem ist die Basis", sagt Luís Filipe Costa, Präsident der staatlichen Organisation zur Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen IAPMEI. In Portugal gebe es rund 350.000 Unternehmen, doch nur rund acht Prozent seien überhaupt im Export tätig. Die meisten Firmen seien Kleinstunternehmen, oft haben sie weniger als zehn Mitarbeiter, sagt Costa. Für diese Unternehmen habe sich der Export bisher kaum gelohnt. Seit drei Jahren aber schrumpft der portugiesische Binnenmarkt. "Unsere einzige Chance, Wachstum zu erzielen, ist deshalb der Export", sagt Costa. Bis zum Jahr 2018 könnte der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 50 Prozent wachsen, hofft der Verbandspräsident. In der Vergangenheit waren es nie mehr als 30 Prozent.