WirtschaftskriseLetzter Ausweg Export

Portugal, Spanien, sogar Griechenland: Mitten in der Krise steigern die Krisenstaaten im Süden ihre Exporte. Und der Norden kauft ein. von 

Fabrikhalle von Renova, einer portugiesischen Firma, die derzeit auf den Weltmärkten mit einem ungewöhnlichen Produkt Erfolg hat: schwarzes Toilettenpapier.

Fabrikhalle von Renova, einer portugiesischen Firma, die derzeit auf den Weltmärkten mit einem ungewöhnlichen Produkt Erfolg hat: schwarzes Toilettenpapier.  |  © Patricia de Melo Moreira/AFP/Getty Images

Erstaunte Gesichter ist Nicolas Kinting gewohnt. "Ich bin nicht überrascht, wenn die Leute überrascht sind", sagt der IT-Manager. An diesem Nachmittag sitzt er in einem Konferenzsaal der Stuttgarter Handwerkskammer an einem kleinen Tisch einigen Vertretern deutscher Firmen gegenüber und stellt ihnen die Produkte seiner Firma vor. Fachwörter wie Dokumentenmanagement, Geschäftsprozessmanagement, Migrationen und Outsourcing fliegen hin und her. Nicht unbedingt das, was man hier in Stuttgart von einem Unternehmen aus dem Krisenland Portugal erwarten würde.

Doch der Lissabonner IT-Spezialist Primesoft, für den Kinting nach Stuttgart gereist ist, hat sich binnen weniger Jahre einen Namen in Europa gemacht. Nun sucht er Exportchancen in Deutschland. Wenn Portugal die Krise überwinden will, so hat es kürzlich auch Wirtschaftsminister Álvaro Santos Pereira deutlich gemacht, dann müsse das Land mehr exportieren. 

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Erste Erfolge zeigen sich bereits . Im ersten Halbjahr 2012 sind Portugals Ausfuhren um neun Prozent gestiegen. Das Leistungsbilanzdefizit ist bis Ende Juli um immerhin 76 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro gesunken. Bis zum Jahresende erwartet die portugiesische Zentralbank sogar einen Überschuss in der Handelsbilanz.

Nicht nur Portugal exportiert mehr. Auch die anderen Krisenstaaten im Süden ziehen mit. Griechenland verzeichnete im ersten Halbjahr einen Zuwachs der Exporte in Höhe von 4,3 Prozent . Italien hat erstmals seit zehn Jahren eine nahezu ausgeglichene Handelsbilanz vorgelegt. Auch Spanien meldet eine Zunahme der Ausfuhren um 3,7 Prozent. Mittlerweile exportiert das Land Waren im Wert von 130 Milliarden Euro, das Defizit in der Handelsbilanz sank um ein Fünftel. Nur Irland konnte als einziges Krisenland nicht auf den Trend aufspringen.

Der Euro ist schwach, auch das hilft

Für die Krisenländer ist das eine gute Nachricht. Denn ein schrumpfendes Handelsdefizit bedeutet auch, dass weniger Kapital aus dem Ausland zur Finanzierung von Einfuhren nötig ist. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ( DIHK ) schrieb zuletzt in einem Gutachten, dass der auf Export gestützte Aufschwung in den Krisenstaaten im kommenden Jahr dazu beitragen könne, dass sich die Wirtschaftsleistung in der gesamten Euro-Zone erhöht. In vielen Ländern wurden zuletzt die Löhne drastisch gesenkt, die Wettbewerbsfähigkeit hat sich verbessert. Außerdem kommt die Schwäche des Euros den Firmen beim Handel mit Unternehmen außerhalb Europas zu Gute.

Die guten Exportzahlen aus dem Süden sind allerdings mit etwas Vorsicht zu genießen. Denn die Handelsbilanzdefizite schrumpfen auch deshalb, weil der Konsum im eigenen Land eingebrochen ist. Die Menschen haben wegen der Sparmaßnahmen weniger Geld, um Produkte aus dem Ausland einzukaufen. Deshalb wird auch weniger importiert. Ein Grund für den sprunghaften Anstieg der Exportquoten ist auch, dass in diesen Staaten bisher relativ wenig exportiert wurde.

"Das Problem ist die Basis", sagt Luís Filipe Costa, Präsident der staatlichen Organisation zur Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen IAPMEI. In Portugal gebe es rund 350.000 Unternehmen, doch nur rund acht Prozent seien überhaupt im Export tätig. Die meisten Firmen seien Kleinstunternehmen, oft haben sie weniger als zehn Mitarbeiter, sagt Costa. Für diese Unternehmen habe sich der Export bisher kaum gelohnt. Seit drei Jahren aber schrumpft der portugiesische Binnenmarkt. "Unsere einzige Chance, Wachstum zu erzielen, ist deshalb der Export", sagt Costa. Bis zum Jahr 2018 könnte der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 50 Prozent wachsen, hofft der Verbandspräsident. In der Vergangenheit waren es nie mehr als 30 Prozent.

Leserkommentare
  1. Sie müssen sich schon die preisbereinigten Exportdaten ansehen, nicht die nominalen. Dann sehen die "guten" Exportdaten etwas anders aus.

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    • Chali
    • 01. Oktober 2012 11:39 Uhr

    Immerhin; Man muss es ja schon als einen Fortschritt betrachten, dass überhaupt auf die Richtung hingewiesen wird, in der das Problem liegt. Und besonders aufgezeigt wird, wo das Problem eben NICHT liegt.

    Man hätte eben doch viel früher auf Leute wie Flassbeck und Hankel hören sollen - der Vernunft eine Chance bieten.

    Viele Chancen bieten sich ja ohnehin nicht mehr.

    Wird der Binnenmarkt (und mit ihr der Grossteil der Wirtschaft in diesen Länder) eher kaputt sein als der deutsche Import steigt?

    Preisbereinigte Exportdaten, könnten Sie das und Ihre Aussage vielleicht etwas erläutern?

  2. ...diese sieht doch aber etwas anders aus als in 1929.
    Derzeit sieht es lediglich so aus, als hätten wir es mit Verwerfungen zu tun, wie sie strukturelle Veränderungen im Rahmen des Globalisierungsprozesses nun einmal mit sich bringen.
    Das zur Weltwirtschaftskrise stilisieren zu wollen erschiene doch etwas hoch gegrifen.
    Selbst die "Schuldenkrise" (welche Schulden sollten nicht zu einer Krise führen) bezeichnet, der Euphemismus sei erlaubt, "Harmonisierungsprozesse" - und die können doch nicht einer Krise geschuldet sein - höchstenfalls Entwicklungen, die als kritisch eingestuft werden könnten.

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    ...diese sieht doch aber etwas anders aus als in 1929."

    Die Politiker machen auch nicht die Fehler wie damals. Es hat seinen Grund wesshalb Milliardenrettungspakete beschlossen werden. Und es ist ein Sachzwang da, genau das zu tun, sonst hätten wir eine Weltwirtschaftskrise. Und das Problem wird nicht wirklich behoben. Und zur Abwehr der Wirtschaftskrise laufen wir Gefahr unsere Demokratien in Europa zu opfern.

    Die Nachricht oben ist aber ein Lichtblick.

    • WolfHai
    • 01. Oktober 2012 15:40 Uhr

    Kommentar 2: "[die] weltwirtschaftskrise ...diese sieht doch aber etwas anders aus als in 1929."

    Ich wage zu widerprechen:

    Eine Parallele zwischen Weltwirtschaftskrise und Eurokrise ist, dass der Euro jetzt insofern wie der Goldstandard 1929 wirkt, als dass beide die Regulierung der Wirtschaft durch Auf- und Abwertungen verhindern. Beide verhindern auch, dass ein Land in der Rezession expansive Ausgabenpolitik betreibt, weil dann nämlich die Zahlungsbilanz noch mehr als vorher ins Ungleichgewicht gerät und Staatspleite droht. Brünings Sparpolitik hat durchaus Ähnlichkeiten mit dem Sparen in den südeuropäischen Krisenländern.

    Ein etwas polemischer, aber im Kern richtiger Spruch lautet: Der Euro - alle Nachteile des Goldstandards ohne seine Vorteile!

    glauben Sie, dass das Ende der Krise erreicht ist? Sie sehen das Ganze aus der Sicht eines in Watte gepackten Mitteleuropäers, der sich im Auge eines Sturms befindet. Was aber, wenn sich dieser Sturm auch nur leicht in Bewegung setzt? (Etwas dramatisches Bild, aber dennoch ...). Schauen Sie sich das Geschehen doch mal aus der Perspektive eines einfachen Griechen an, der für sein Dasein immer geschuftet hat, aber eben die falschen Leute gewählt hat (wer will es ihm verübeln, die Politik vernebelt einem schnell auch in anderen Ländern die Sicht?)! Lesen Sie mal "Schulden" von David Graeber ... Kommt man dann nicht ins Grübeln? Ich denke, es werden noch Zeiten kommen, da wird man sich wundern, wie es nur zu diesem seltsamen ökonomischen Treiben kommen konnte, zu Auswüchsen, die kein Mensch zunächst sehen mochte, die einen aber mit etwas Distanz regelrecht anspringen. Ja, und da der Mensch in seinem Denken furchtbar träge und seine Erziehung auch nicht dazu angetan ist, schnell Kreativität zu entwickeln (zumal im gesellschaftlichen Kontext), wird dieser distanzierte Blick ein Privileg späterer Generationen sein ...

  3. Das klingt nach einer gesunden Entwicklung: Der eigene Konsum wird zurückgestellt und damit der dringend benötigten Exportüberschuss zum Abbau des Außenhandelsdefizits erzielt. Das ist mehr wert als die Abermilliarden an Direkthilfen, die ohnehin nicht den Volkswirtschaften, sondern vor allem den Gläubigern zu gute kommen.

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    • Chali
    • 01. Oktober 2012 11:54 Uhr

    ... und als solche ziemlich irrelevant.
    (wenn die Leute kein Geld für Sprit und Heizung mehr haben, braucht auch kein Öl mehr importiert zu werden, folglich sinkt das das Außenhandelsdefizit und wandelt sich gar in einen Überschuss. Man erreicht dies sehr leicht dadurch, dass man das Realeinkommen der Menschen verringert, indem man sie z.B. arbeitslos macht, oder die von ihnen erarbeiteten Sozialabgaben in den allgemeinen Staatshaushalt umlenkt.

    Damit ist jedoch nichts gewonnen - ausser vielleicht für die, die Freude daran haben, sich moralisch überlegen zu fühlen.

    Ändern wird sich erst etwas, wenn in den Ländern des Südens etwas produziert wird - Ferienfreude zum Beispiel. Wenn die Menschen dort etwas herstellen, was anderswo gebraucht.

    Es wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, wie man annehmen kann, dass in einer ruinierten Wirtschaft etwas vernünftiges produziert werden kann.

    • Chali
    • 01. Oktober 2012 11:39 Uhr

    Immerhin; Man muss es ja schon als einen Fortschritt betrachten, dass überhaupt auf die Richtung hingewiesen wird, in der das Problem liegt. Und besonders aufgezeigt wird, wo das Problem eben NICHT liegt.

    Man hätte eben doch viel früher auf Leute wie Flassbeck und Hankel hören sollen - der Vernunft eine Chance bieten.

    Viele Chancen bieten sich ja ohnehin nicht mehr.

    Wird der Binnenmarkt (und mit ihr der Grossteil der Wirtschaft in diesen Länder) eher kaputt sein als der deutsche Import steigt?

    Antwort auf "Exportdaten"
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    Solange in den Krisenländern nur die Löhne sinken, die Preise, insbesondere Produzentenpreise, aber massiv weiter steigen und noch dazu die Investitionen einbrechen, kann von einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit keine Rede sein. Es nutzt nichts, diese Länder auf Entwicklungsland-Niveau zurückzuentwickeln, indem man ausschließlich auf Billiglohn-Produktion in arbeitsintensiven Sektoren setzt. Es ist eine Konvergenz der Wirtschaftsstrukturen erforderlich. Die Produktivität muss erhöht werden, und das geht nur mit Investitionen. Was derzeit geschieht, ist dass man die Strukturen innerhalb der Währungsunion mit Desinvestitionsstrategien immer weiter auseinandertreibt.

  4. 5. Export

    Das klingt ganz so als müsse Deutschland demnächst wieder Lohnstückkosten senken um wettbewerbsfähig zu bleiben. Peer Steinbrück, eile zur Rettung!

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    Wie soll die Krise bewältigt werden,wenn eine Erfolgsmeldung ein derart negatives Echo hervorruft..

    Na ja. ich möchte Sie beruhigen der Export von Wassermelonen aus Apulien ist stark rückläufig...also doch eine gute Meldung für Sie..

  5. Preisbereinigte Exportdaten, könnten Sie das und Ihre Aussage vielleicht etwas erläutern?

    Antwort auf "Exportdaten"
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    ... sind nominale Exportdaten mit dem Preisindex deflationiert. Also die realen Exporte. Alles andere ist überhaupt nicht aussagefähig, weil die Inflation nicht herausgerechnet ist.

  6. Solange in den Krisenländern nur die Löhne sinken, die Preise, insbesondere Produzentenpreise, aber massiv weiter steigen und noch dazu die Investitionen einbrechen, kann von einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit keine Rede sein. Es nutzt nichts, diese Länder auf Entwicklungsland-Niveau zurückzuentwickeln, indem man ausschließlich auf Billiglohn-Produktion in arbeitsintensiven Sektoren setzt. Es ist eine Konvergenz der Wirtschaftsstrukturen erforderlich. Die Produktivität muss erhöht werden, und das geht nur mit Investitionen. Was derzeit geschieht, ist dass man die Strukturen innerhalb der Währungsunion mit Desinvestitionsstrategien immer weiter auseinandertreibt.

    Antwort auf "Ein guter Tipp"
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    • Chali
    • 01. Oktober 2012 12:03 Uhr

    Und ich weiss das auch. (Wie gesagt, von Hankel und Flassbeck)

    Aber es gibt so verzweifelt wenige Vernünftige.

    Was wird das erwartete Ergebnis sein?
    Das was Tegularius in Nr.5 andeutet:
    "Das klingt ganz so als müsse Deutschland demnächst wieder Lohnstückkosten senken um wettbewerbsfähig zu bleiben. Peer Steinbrück, eile zur Rettung!"

    Am besten verringert man die Anzahl der Urlaubstage in DE, damit die Menschen nicht in die südliche Euro-Gebiet fahren und dort Geld ausgeben, das sie im Norden erarbeite haben,. Das wäre ja ein Bilanz-Defizit!

    Quelle horreur!

    • Chali
    • 01. Oktober 2012 11:54 Uhr

    ... und als solche ziemlich irrelevant.
    (wenn die Leute kein Geld für Sprit und Heizung mehr haben, braucht auch kein Öl mehr importiert zu werden, folglich sinkt das das Außenhandelsdefizit und wandelt sich gar in einen Überschuss. Man erreicht dies sehr leicht dadurch, dass man das Realeinkommen der Menschen verringert, indem man sie z.B. arbeitslos macht, oder die von ihnen erarbeiteten Sozialabgaben in den allgemeinen Staatshaushalt umlenkt.

    Damit ist jedoch nichts gewonnen - ausser vielleicht für die, die Freude daran haben, sich moralisch überlegen zu fühlen.

    Ändern wird sich erst etwas, wenn in den Ländern des Südens etwas produziert wird - Ferienfreude zum Beispiel. Wenn die Menschen dort etwas herstellen, was anderswo gebraucht.

    Es wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, wie man annehmen kann, dass in einer ruinierten Wirtschaft etwas vernünftiges produziert werden kann.

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    # 8 "Abhängige Größe":

    Gerade heute schreibt Roger Bootle im "Telegraph", dass er wie "mit einem Tauben" spräche, wenn er sich mit einem Deutschen unterhält. Die Anglo-Amerikaner ließen ihr wirtschaftliches Denken vom Markt dirigieren, die Deutschen aber von politischer Ideologie. Vielleicht ist das der Grund, warum wir nicht billiges LNG auf dem Weltmarkt kaufen, sondern lieber dreimal so teures Gas aus Russland.

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